Peter Lindbergh: „Da beginnt das Ende der Fotografie“

Der Fotograf Peter Lindbergh ist zu Gast in München, um die Einzelausstellung „Peter Lindbergh – from fashion to reality“ zu eröffnen. Das klingt erst einmal kaum nach einer Schlagzeile, besonders in einem recht promiverwöhnten Ort wie der bayrischen Hauptstadt. Doch sein Besuch sorgt für einen Massenandrang: Einen Tag vor der offiziellen Eröffnung signiert er an der Museumskasse das Buch zur Ausstellung. Insgesamt sechs(!) Stunden saß er dort. „Jeder der hierher kommt, soll auch drankommen“, hatte er sich vorgenommen. Die Schlange reichte bis zur nächsten Querstraße, bis zur Schumann’s Tagesbar standen die Menschen. Der Andrang war so groß, dass der Taschen Verlag das Buch schon nachdrucken muss. Zur Star-geschmückten Vernissage kamen über 1.600 Leute und am Eröffnungswochenende drängten sich die Besucher.

Peter Lindbergh machte Models zu Stars. Und wurde selbst einer.

Peter Lindbergh, 1944 als Peter Brodbeck in Lissa geboren, ist einer der erfolgreichsten deutschen Fotografen – und offenbar auch einer der beliebtesten, wie die Begeisterung zeigt. Warum, das wird mir beim Gang durch die Ausstellung zum ersten Mal wirklich klar: Er hat meine Vorstellung – und die sehr vieler Menschen– von Schönheit geprägt. Ich bin mit dem Idealbild der Supermodels aufgewachsen, Cindy Crawford war für mich die schönste Frau der Welt (und als Teenager turnte ich sogar ihr Fitnessvideo „Shape your body“ nach). Seine Fotografien ab Ende der 80er-Jahre gelten als Grundstein der Supermodel-Ära, in der Cindy, Naomi, Linda so berühmt wurden, dass man sie nur noch beim Vornamen nannte.

Franca Sozzani, die kürzlich verstorbene, legendäre Chefredakteurin der italienischen Vogue (1988 – 2016) sagte über ihn: „Peter ist ein Fotograf, der Fotogeschichte schreiben wird, weil er nicht an Trends gebunden ist. Er hat seine eigene Identität: Er ist kein Modefotograf. Er benutzt Mode, um Frauen anzusprechen und über Frauen zu sprechen, das ist etwas vollkommen Anderes.“ 

Seine filmischen, schwarz-weißen Bilder läuten auch ein neues Zeitalter der Fotografie ein. Während zuvor die Hochglanzmagazine perfekt frisierte und akkurat gekleidete Diven in strengen Posen zeigten, war der neue Zeitgeist „Natürlichkeit“. Von der Presse wird Lindbergh darum auch als „Fotograf der Wahrheit“ bezeichnet.

Die Wander-Ausstellung „Peter Lindbergh. From Fashion to Reality“ wurde von der Kunsthal Rotterdam in Zusammenarbeit mit dem Kurator Thierry-Maxime Loriot und Peter Lindbergh selbst unter dem Titel „Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography“ entwickelt. In rund drei Jahren sichtete Loriot mehr als 500.000 Bilder aus dem Archiv von Lindbergh. Darunter sind viele unveröffentlichte Arbeiten oder in Vergessenheit geratene Fotografien, außerdem persönliche Dokumente, die einen wunderbaren Blick durch das berühmte Schlüsselloch gestatten: handgeschriebene Dankeskarten von Claudia Schiffer, der erste auf dem Computer getippte Brief von Linda Evangelista („I LOVE YOU WITH ALL MY HEART AND MEAN IT EVEN IF YOU ARE A GERMAN PIG“) oder Kontaktabzüge mit Markierungen – es ist immer spannend zu sehen, welche Fotos es NICHT geworden sind.

„Ich bin schon neugierig, wie der so ist. Ob der Charisma hat. So wieder der Jean Paul Gaultier“, höre ich bei der Pressekonferenz eine Dame hinter mir flüstern, die offenbar auch letztes Jahr bei der Eröffnung der Jean Paul Gaultier-Ausstellung zu Gast war. Hat er. Die schönsten Bonmots habe ich zusammengefasst.


Peter Lindbergh: Vom Leben gelernt

Über München
Ich freue mich sehr, heute in München zu sein. Die Straßen sind so schön, ich frage mich immer, ob hier nur Prinzen gewohnt haben.

Über Verantwortung
Auch Modefotografen haben  Verantwortung. Durch Photoshop kann man heutzutage jede Regung des Lebens im Gesicht, jeden Gedanken, der sich einmal manifestiert hat, wegretuschieren. So kann man jeden Menschen auf Null reduzieren. Ich möchte Frauen so belassen wie sie sind – und sie nicht verunstalten.

Über Schönheit
Wenn ich gefragt werde, wie sich mein Frauenbild verändert hat, dann kann ich sagen: Es ist dasselbe wie 1980: Wenn man die Courage hat, man selbst zu sein. Das ist Schönheit.

Über Smartphone-Fotografie
Professionelle Fotografen können sich nur durch ihren Standpunkt unterscheiden, den man über 20, 30, 40 Jahre entwickelt. Ich glaube, viele große Fotografen tun diese Entwicklung vorschnell ab. Man kann nie bessere Fotos machen als die Millionen von Smartphone-Fotos. Da kann man viel von lernen, statt zu sagen: „Ist doch alles Blödsinn“. Diese Leichtigkeit zum Beispiel (macht ein Foto mit seinem Handy von der versammelten Presse). Schauen sie mal drauf. (Gelächter). Ich mache das Foto nur, weil einem das hier sonst keiner glaubt. Ich halte auch nichts von dem ganzen Gerede über die verschiedenen Kamera-Marken. Das ist für mich alles Romantik und nur Zeitverschwendung. Mir ist die Kamera egal, ich nehme immer irgendeine aus dem Schrank.

Über Selfies
Die sind für mich das Blödeste, was es gibt. Denn warum macht man das? Wow, ich war in Helsinki. Ich hatte ein Dinner mit Madonna – was sagt das aus? Nur um zu zeigen, mit wem man Mittag gegessen hat? Und dann hofft man darauf, dass man selbst auch etwas von dem Glanz abbekommt. Man macht sich selbst so klein. Da muss man sich überlegen, ob man das wirklich will.

Über Instagram
Ich sehe das nicht als Gefahr, sondern als Anregung. Es ist doch toll, wenn morgens schon 70 Posts reinrattern. Da sind dann schon sicher fünf Sachen dabei, die zum Denken anregen oder inspirieren.

Über Rampenlicht
Wenn man vor Massen spricht, da darf man allen Blödsinn reden, alle jubeln zu. Aber wenn da fünf Journalisten stehen und man weiß, sie fragen alle scharf, das ist schwierig. Und mit den Fotos ist es genauso: Wenn es viele Kameras sind, ist es kein Problem. Wenn es eine ist, ist es fürchterlich. Es gibt nichts Schlimmeres, wie wenn mich ein Mensch fotografiert. Egal, ob das nur ein Passbild ist. Da presst man die Lippen zusammen und ich versuche irgendwie… ich weiß dann schon, wie ich gucken muss, damit das besser aussehen würde (hält den Kopf schief, verengt die Augen). Aber das traut man sich nicht, weil man sich ertappt fühlt, dass man so dämlich ist und besser aussehen will.

Über Storytelling
Das hat 1990 mit Helena Christensen angefangen. Da wollte ich eine Geschichte machen mit einem Marsmännchen, das auf die Erde gefallen ist und von einem nicht schlecht aussehenden Mädel aufgelesen wird: Das war Helena. Sechs Monate haben wir das unter Verschluss gehalten, es war ihre erste Story und wir wollten ein ganz neues Gesicht. Sie zeigt ihm dann die Wüste und diesen Wohnwagen. So kann man 100 Seiten fotografieren und man muss sich nie fragen, was man jetzt als nächstes macht, weil man ja diese Geschichte hat.

Bei Comme des Garçons war es so: Rei Kawakubo kam in den 80er Jahren nach Europa. Gott sei dank, denn Paris war dabei einzuschlafen und mit den Japanern wurde die Stadt wieder aufgeweckt. Sie hatte mich zu sich ins Hotel berufen, da standen dann 20 Japaner, die alle gleich aussahen: schwarz-weiß angezogen, Lackschühchen. Die Übersetzerin sagte: Frau Kawakubo sagt, sie sind ihr Lieblingsfotograf und sie sollen die Werbekampagne fotografieren – das hatte ich noch nie gemacht. Ich bekam eine „Carte Blanche“, was ziemlich schwierig ist, wenn man eben nicht weiß, was man machen soll. Dann zeigt sie mir die Kleidung und das waren im Prinzip Uniformen, zwischen Nazis und Kommunisten. Also hatte ich mir überlegt, die Models als Wächter einer industriellen Revolution zu inszenieren. Vor Maschinen. Das war nicht einmal eine Idee, das war einfach naheliegend.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, Fotos zu machen, ohne eine Geschichte zu erzählen. Denn was macht man dann? Da steht das Mädchen einmal so da und einmal so und noch in zehn anderen Positionen und dann ist man auch irgendwann eingeschlafen. Das ist langweilig und schwer. Wenn man keine Geschichte braucht, dann geht man am besten in die Wüste oder an den Strand, denn da steht nichts im Weg und man muss auf nichts eingehen. Wie im Studio.

Über Talent
Anstrengung nützt überhaupt nichts. Das Einzige was nützt, ist Talent. Klar, man kann auch ohne Talent herumpfuschen und rechts und links schauen, was passiert, und sich ein bisschen dranhängen und ganz gut aussehen. Das machen etwa 99 Prozent aller Fotografen. Dann gibt es die „Seher“. Das sind Leute, die Dinge aus sich selbst heraus sehen. Sie brauchen keine bestimmte Schulung oder Abitur. Das sind die Genies. Einfach seine Sachen machen. Man weiß genau: Das ist richtig und das nicht. Und dann braucht man auch keine Bestätigung.

Über Digitalfotografie
Jeder Fotograf arbeitet heute digital – außer vielleicht Tim Walker. Was ich an der digitalisierten Fotografie wirklich problematisch finde: Dass sich die meisten Fotografen, die digital arbeiten, überreden lassen, ihre Kamera zu verkabeln und dann hängt im Studio meist ein Bildschirm, auf dem alle sehen können, was der Fotograf in der Sekunde macht. Und da beginnt das Ende der Fotografie.

Ich hab letzte Woche mit einem Stilisten vom Interview Magazine gearbeitet. Er wurde krank und hat eine Assistentin geschickt. Die musste ich fast aus dem Studio schmeißen. Sie kam alle fünf Minuten an und sagte: „Mach doch mal die Kamera tiefer, das ist doch viel besser.“  Die sitzen hinter ihrem Bildschirm, der arme Typ da vorne wird ferngesteuert und darf nur noch den Knopf drücken.

Über Modefotografie
Wenn mich eine Redaktion fragt, ob ich 20 Seiten zu einer bestimmten Kollektion machen kann, kommt im zweiten Schritt meistens die Redakteurin vom Modeheft und zeigt mir die ganzen Moodboards. Das ist für mich der zweite Zerstörer der Fotografie neben dem Bildschirm im Studio, denn natürlich sagt sie: „Das ist alles nur Inspiration.“ Aber dann sehen die Models nach dem Styling natürlich alle genau so aus wie auf den Moodboards und dann fragt sie: „Mit welchem Foto wollen wir beginnen?“ Von wegen inspirieren. Ich wurde wüst beschimpft, weil ich die Modefotografie mal mit einer Kuh verglichen habe: Die Kuh kaut das Gras, stößt auf, kaut es sieben mal durch, immer das Gleiche. Dann macht es „fluff“ und das grüne Bio-Omlett liegt auf dem Gras und das nennt man dann Fotografie.

Über Kunst
Ich werde oft gefragt, ob meine Bilder Kunst sind, und ich sage dann immer: Es ist mir egal. Es hilft dem Bild nicht, es macht es nicht einmal teurer. Es gibt ja eine große Diskussion über Fotografie als Kunst und ich habe mal in einem Interview mit dem Artforum beschlossen: Die langweiligen, wiedergekauten Bilder landen im Papierkorb. Und die tollen, neuen, innovativen, engagierten, die landen im Museum. Und ob man das jetzt Kunst nennt, ist eigentlich egal.

Über die Ausstellung
Terry (Anm.d.Red: der Kurator) ist für den ganzen Kram verantwortlich. Er kam auf mich zu und sagte: „Ich will eine Ausstellung machen von den Modefotos und der Mode.“ Und ich sagte nur: Was für ein Quatsch. Ich versuche mich so weit wie möglich von der Mode wegzuhalten. „Er erklärte mir, dass er das nach den Designern kategorisieren will wie in diesem wunderschönen Buch von Taschen (>>> Das wir hier verlosen).“ Er sagte: „Egal ob Comme des Garçons oder Yves Saint Laurent, das sieht immer gleich aus.“ Ich weiß bis heute nicht, ob das eine Beleidigung oder ein Kompliment war. (Gelächter)


Nach der Pressekonferenz entdeckt er Inga Griese, Chefredakteurin der Icon. Er geht auf sie zu, drückt und busselt sie. Klar man kennt sich, alte Hasen unter sich. Aber auch als Annekatrin Meyers ihren Artikel aus dem noch jungen Münchner Magazin „rush4″ mit Herzklopfen überreicht und ihn daran erinnert, dass sie einmal gemeinsam bei einem Shooting gearbeitet haben, umarmt er sie spontan. Eine schöne Szene, eine authentische Situation. Das passt gut zu seinen Bildern.

 

Kate Moss, Paris, 2015 Vogue Italia Peter Lindbergh

Kate Moss, Paris, 2015
Vogue Italia

Die Ausstellung in der Kunsthalle München ist vom 13. April bis zum 27. August 2017 zu sehen. Partner der Schau sind u.a. Swarovski, Marc O’Polo und Ludwig Beck. Im Taschen-Verlag erschien begleitend ein hochwertiges Buch mit 472 Seiten. >>>Hier geht’s zum Gewinnspiel.

Photo By: Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery, Foto: BrauerPhotos / G.Nitschke fuer die Kunsthalle Muenchen

Kommentar hinterlassen

Your email address will not be published.

Follow our travels on Instagram: