Jean Paul Gaultier. From the Sidewalk to the Catwalk

Ich habe einen großen Schwanz“, sagt Jean Paul Gaultier in die laufenden Fernsehkameras und lacht schallend. Warum er als „Enfant terrible“ bezeichnet wird, wurde bei der heutigen Pressekonferenz schnell klar,„Ich liebe München“, „Winterschlussverkauf“, diese deutschen Worte hätte er außerdem bereits gelernt.
Zur Ausstellungseröffnung von „From the sidewalk to the Catwalk“ mit und von Jean Paul Gaultier in der Kunsthalle in München ist der Medienandrang groß. Auch, weil zur Eröffnungsfeier heute Abend publikumswirksame Stars wie Amanda Lear und Conchita Wurst kommen, zwei seiner Musen. Auf die legt Gaultier so viel Wert, dass er die Ausstellung noch einmal nach der Fertigstellung umbauen ließ, weil er sie zu wenig präsent fand. Ebenso viel Wert legt er darauf, dass die Ausstellung, die bereits im Grand Palais in Paris gezeigt wurde, keine nostalgische Retrospektive ist: „Das ist der Tod der Mode“ sagte er. Seine aufwändigen, provokaten Kreationen sind ganz und gar nicht tot, sondern (Achtung Wortspiel!) sprechen für sich – im doppelten Sinne. Den Schaufensterpuppen wird mit 41 Beamern leben eingehaucht, indem auf die sonst leeren und seelenlosen Köpfe der Puppen Gesichter projiziert werden, die dem Besucher etwas über sich erzählen. Und zu sagen hat seine Mode viel.
Mode im Museum
Kunst fängt im besten Fall, ebenso wie Klassiker der Literatur, den Zeitgeist so ein, dass sie nie an Modernität verliert. Jean-Paul Gautier zog Männern Frauenkleidung wie Röcke oder Dessous an und hinterfragte Geschlechterrollen. Materialien wie Federn, Stoffe, Silhouetten – eigentlich haben Sie per se kein Geschlecht und Gaultier scherte sich nicht darum, welche Konventionen es gibt. So sind seine Entwürfe keiner Saison zuzuordnen und in Hinblick auf die aktuelle Feminismus-Bewegung, die Gender-Debatte und seine Verehrung für Conchita Wurst, so abgedroschen diese Phrase klingen mag, aktueller denn je.
"From sidewalk to the Catwalk", der Titel steht für seinen kreativen Ansatz - der nicht immer gut ankam:  Von seinen ersten fünf Kollektionen verkaufte er kein einziges Teil. Faszniert von der Punk-Bewegung kreiert er in seiner Kollektion "Punk cancan"eine Mischung aus dem Glamour des französischen Tanzes mit Federn und Rüschen und des abgerockten Straßenlooks mit Sicherheitsnadeln und Latex. Bei der Präsentation des "Müllsackkleid" (Herbst/Winter 1980/1981) mit Aschenbecher-Tasche verließen sogar einige Gäste empört das Defilee. "Die totale Rebellion, der Müll, der "abgerissene" Look, die rohe Seite des Punks mit seinen Irokesen-Haarschnitten, beinahe mit Kriegsbemalung, mit sexuellen Anspielungen, zerrissenen Netzstrümpfen, dem Schwarz, den Kilts und Bondage-Riemen, der Mix aus Geschlechtern und Materialien – all das übte eine große Anziehungskraft auf mich aus", fasst Gaultier seine Inspiration zusammen.
Doch natürlich ist die Ausstellung nicht nur ein Spiegel gesellschaftlicher Themen, sondern auch eine Hommage an Handwerkskunst der Mode und ein Rückblick auf seine Haute Couture-Kreationen, wie ein Tafkleid mit Leopardenfell aus Perlenstickerei, dass ganze 1060 Arbeitsstunden verlangte. Oder das Korsett mit kegelförmigem BH für die „Blonde Ambition“ von Madonna, in dem sie 1990 auf der Bühne exstatisch in „Like a virgin“ eine Masturbation aufführte und die Welt mit so viel (weiblichem) Sex schockte. Anlässlich der Ausstellung fragte sich Gaultier auch: „Was würde Madonna auf der Wiesn tragen?“.  Schließlich beginnt am Samstag mit dem Oktoberfest das größte Volksfest der Welt in München. Das Ergebnis kann man in mit seiner Kreation „Miss Oktoberfesse" (nicht mit Fresse verwechseln!), also Miss Wiesn-Po, bewundern. Gaultier hat eine Herrenlederhose der Firma Meindl mit Korsett, Kegel-BH und Strumpfhalter im wahrsten Sinne „aufgestrapst“. Bereits 1,8 Millionen Menschen sahen die 140 Kreationen der Austellung auf Wanderschaft in Paris, Montreal und weiteren Städten. "Wir wünschen uns natürlich die Zwei-Millionen-Grenze zu knacken" sagte Kurator Thierry-Maxime Loriot. Die Austellung hätte es jedenfalls verdient.
Vom 18.9.2015 bis 14.2.2016 zeigt die Kunsthalle München die Ausstellung „Jean Paul Gaultier. From the Sidewalk to the Catwalk“.

Die Opening-Party

Photos by: Swarovski

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