Die Berlin Fashion Week in 10 Sätzen

Alle 1:1 so gehört:
1. Offsite – wo ist denn eigentlich dieses Offsite, von dem alle dauernd reden?
2. In der Front Row zu einer Chefredakteurin: Ist neben Ihnen noch frei?
3. Unverschämt! Die sind viel zu spät. Auf dem Ticket stand 15 Uhr, jetzt ist es schon 15:15!
4. Szenenapplaus bei jedem Look.
5. Zum Agentur-Fotografen: Machen Sie doch auch einmal ein Erinnerungs-Bild von meiner Freundin und mir!
6. Anja Gockel macht doch auch Haute Couture-Mode.
7. Wie fandest du die Kollektion? – Sehr modern. 
8. Wer ist das denn? (Fingerzeig auf Stella McCartney / Annette Weber Carine Roitfeld)
9. Bei der Akkreditierung: „Für welches Medium arbeiten Sie?“ - WWD – „Äh, ist das dein Blog?“
Last but not least mein absoluter Favorit:
10. Wo kann man denn noch Show-Tickets kaufen?
Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Autumn/Winter 2014 in Berlin am 17.01.2014
Nach einem Ausflug zum Erika-Hess Eisstadion ist die MBFWB wieder zurück am Brandenburger Tor.
In knapp einem Monat (19.-22. Januar 2015) findet die Mercedes-Benz Fashion Week Berlin (kurz MBFWB) statt. International hat die deutsche Modewoche keinen guten Stand. Da wir das Thema hier schon oft genug aufgegriffen haben, halte ich es knapp: Die großen deutschen Labels fehlen (Boss zeigt in New York, Jil Sander in Mailand, Kaviar Gauche diese Saison in Paris) und in der Vergangenheit fand die Berliner Modewoche parallel zu den Haute Couture Schauen oder der Männermodewoche in Paris statt - Terminengpass bei begehrten Gästen. Das Schauen-Publikum ist nicht üppig mit Mode-Profis besetzt und die prominenten Gäste landen eher in der Rubrik „Leute von gestern“. Positive Ausnahmen gibt es natürlich, besonders bei Big Playern der Industrie wie Laurèl, die zum Beispiel Bar Rafaeli einfliegen ließen, oder MBFWB-Testimonial Tilda Swinton an der Seite von Haider Ackermann.
Rebecca Mir
Sie war nochmal? Achja, Rebecca Mir, Ex-GNTM-Kandidatin. Immer und immer wieder in der Front Row. Ausnahmsweise mal nicht dauerknutschend mit Freund Massimo Sinató
Dementsprechend kommt es bei der Berlin Fashion Week häufig zu Situationen, die für professionelle Gäste (Journalisten, Einkäufer...) manchmal urkomisch, manchmal befremdlich wirken. "Wie du bist hier, um zu arbeiten?", fragte mich letzte Saison bei der Berlin Fashion Week mein Sitznachbar, der gerade vom Rewe-Einkauf kam, im finsteren Fashion-Zelt eine mit Glitzersternchen besetzte Sonnenbrille trug und die Einladungskarte von seinem Friseur bekommen hatte. Warum mich das ärgert? Designer und Labels, wie Clemens en August oder Marina Hoermanseder, haben Respekt vor ihrer Arbeit verdient. Und damit auch Gäste, die sich mit der Mode befassen und nicht nur dort sind, weil sie gerade nichts Besseres vorhatten und die Plätze gefüllt werden müssen. So muss man dann solchen Kommentaren lauschen: "Des sieht ausch wie beim Arztscht hiiiegfalle un in Täppisch eigrollt". Nachwuchsdesignerin Roshi Porkar hatte bei ihrer Debüt-Kollektion eine eindrucksvolle Materialschlacht abgeliefert. Um die Kunstfertigkeit zu erkennen, braucht es eben ein bisschen mehr als nur den subjektiven Geschmack.
Ja, die Modeszene ist ein elitärer Zirkel. Voller geheimer Codes und Insider-Regeln, die kein Manifest schriftlich festlegt. Normalerweise wächst man als Branchen-Neuling in diese Welt hinein, Schritt für Schritt, wie in jedem professionellen Umfeld. Wenn der Architekt in meiner Familie über Unterzug, Überzug und Tronsole und Traufe spricht, bin auch ich ahnungslos und auf dem Bau würde wahrscheinlich alle Sicherheitsregeln brechen.
Meinen Spott darf man ruhig mit Augenzwinkern lesen - drei Aussagen stammen nämlich von alten Hasen aus dem Business.
Leseempfehlung zum Thema: "The Business of Fashion" hat sich in einem Artikel mit der Lage der deutschen Mode befasst und einige kluge Ansätze. Trotz fehlendem Lösungsansatz lesenswert: Why isn't germany a bigger fashion player? 
Fotos: Nass, Brauer Photos fuer Mercedes-Benz / Titelbild: Marina Hoermanseder S/S 2015
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Kommentare

  • Mila sagt:

    Ich bin in der Verlagsbranche tätig - da ist es genauso. Dennoch finde ich Menschen, die mit ganz unverstelltem Blick und völlig bauchgesteuerter Begeisterung an Literatur herangehen immer noch unheimlich belebend und sympathisch. Ich höre immer sehr gern zu, wenn die szenefremden Nicht-Profis sich zu Wort melden. Denn die Branche (egal welche) sollte in keiner Blase hängenbleiben - das ist meiner Meinung nach tödlich.
  • Horst sagt:

    Schöner Artikel 😀

    Manchmal denke ich aber, dass sich die "professionellen Gäste" von denjenigen, die die Karte vom Friseur geschenkt bekommen oder bei einem Gewinnspiel gewonnen haben, kaum unterscheiden.


  • Pille sagt:

    Gibt halt immer auch Leute, die es affig finden, wenn man zu 1337 ist. Oder wie man in meiner Branche sagt: wir sollten vielleicht unsere Position mal challengen, vielleicht ist der Value to Customer doch nicht so fein, wie wir gedacht haben. 🙂
  • Kathrin Bierling sagt:

    Haha, Horstson! Das stimmt.
    Von den Freizeit-Zuschauern kann man sich wenigstens noch eine Meinung abholen, die über "Michalsky ist eben Michalsky" oder "toll" hinausgeht und ein Gefühl dafür bekommen, ob die gezeigte Mode den Kunden überhaupt anspricht.
  • katha sagt:

    Ha ha, ein großartiger Artikel! Die Sätze gehen ja wirklich in die Richtung, wie man es manchmal in Austellungen/ im Kunstmuseum hört: "DAS soll Kunst sein?! Also das könnte ICH auch!"

    Um so lustiger zu lesen, dass manche der Aussagen von "Business-Hasen" stammen... 😉


  • Horst sagt:

    @Kathrin ich wollte Michalsky nicht ins Spiel bringen, aber vor seinen Präsentationen stand beim Fachpublikum zum Teil im Vorfeld fest, dass es nix wird.

    Auch ist es gar nicht so relevant, was das Fachpublikum sagt: im Heft wird dann eh alles werbekundengerecht verarbeitet - da ist die professionelle Sichtweise auf die Mode dann leider manchmal zweitrangig. Rezensionen liest man in der Presse zu wenig. Früher wusste die Frau, wenn sie Magazin XY gelesen hat, heute weiß sie wer Werbekunde ist ...


  • Farbenfreundin sagt:

    ...see you in Berlin! at MBFW. Like it - irgendwie