Unberechtigter Shitstorm oder wohl verdiente Kritik?

Die deutsche Elle, bzw. deren Führungsspitze, lernt gerade, dass schwarze Models keine Trenderscheinung sind. Von selbst kam sie da nicht drauf.
Erstaunlicher Weise lag die Ausgabe schon seit 20 Tagen aus, als Seite 82 gestern von @diet_prada kritisiert wurde. Höchste Zeit, dass sich jemand das Heft einmal ansah und Stellung bezog.
Da musste erst ein internationaler Shitstorm her, ausgelöst gestern durch einen Post der Modepolizei @diet_prada (New York), gefolgt von einem Nachhilfeangebot in Sachen Diversity von Supermodel Naomi Campbell.

Ist dieser Shitstorm gerechtfertigt oder nicht?

Diet Prada Modepilot
Lässt sich diese Heftseite rechtfertigen? Heute Morgen um 10 Uhr entschuldigte sich die Chefredakteurin auf Instagram mit einem offiziellen Statement. Auf den Post von Naomi Campbell, in dem ihr das Supermodel ein Gespräch anbietet, geht sie dabei nicht ein. Stattdessen beginnt sie mit: „In unserer aktuellen Ausgabe beleuchten wir die Farbe Schwarz von verschiedenen Gesichtspunkten. Eines der Themen davon war, schwarze Frauen, die als Models in der Modeindustrie arbeiten. ..." Das Motto des Magazins lautet: „Back to black”. Dass „Black is back” über der Seite mit den Fotos von schwarzen Models prangt, wäre aber so nicht gemeint gewesen, heißt es weiter. Da hätte man sensibler sein müssen.
So sensibel muss man aber gar nicht sein, um sofort zu erkennen, dass eine Hautfarbe nicht mit einer modischen Trendfarbe in Verbindung steht. Darauf machten Redakteure der Elle übrigens im Vorfeld aufmerksam, wurden aber nicht erhört. Das erfuhr ich aus Redaktionskreisen. Umso schlimmer, dass sich Sabine Nedelchev nun im Namen der Redaktion entschuldigt und die Schuld nicht allein auf sich nimmt. Denn auch das gehört zu ihren (leider vergessenen) Aufgaben: sich vor ihr Team zu stellen.

Das ist mehr als nur Schlamperei

Dass am Arbeitsprozess der deutschen Elle etwas nicht stimmen kann, wird mit so einem Vorfall offenkundig. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Da steht im Vorspann auf Seite 82: „Nie waren MODELS OF COLOR so gefragt wie jetzt”, was ja im Prinzip nur noch einmal zeigt, dass man hier tatsächlich von einem Trendphänomen im Zusammenhang mit einer Hautfarbe spricht.
Elle Germany Modepilot Black in bach
Darüber diskutiert gerade nicht nur die Modewelt: Deutsche Elle, Seite 82 der November-Ausgabe
Es wird nicht besser. Ein anderes der sechs schwarzen Models wird auch noch verwechselt: Naomi Chin Wing als Janaye Furman vorgestellt. Das ist natürlich besonders schwierig, wenn man sie gleichzeitig als „großartige Frau” bezeichnet, die „uns” auch „abseits der Laufstege” inspiriert.
Model Joan Smalls, die ebenfalls zu den Auserkorenen zählt, dürfte sich darüber wundern, ausgerechnet jetzt gefragt zu sein. Schließlich wurde sie 2012 bei den Style Awards zum „Model of the Year” gekürt und kann ihre Covers längst nicht mehr zählen, allein 19 bei der Vogue. Keine Ahnung, in welcher Welt die Damen von der Elle leben, aber nicht in der realen Modewelt.
Und auch in keiner, in der ich leben möchte. Denn Menschen einer Hautfarbe zuzuordnen und sie dann als „gefragt” zu bezeichnen, bedeutet, dass sie es in der nächsten Saison schon nicht mehr sein könnten. Hinzu kommt ein rein hellhäutig bestückter Instagram Account plus Duchess of Sussex (Meghan Markle). Als Kaffeetasse oder Hundewelpe wird man von diesem Modemagazin dort eher gefeatured als als schwarzes Model.
Dabei war das letzte Cover mit einem schwarzen Model, die Februarausgabe 2014 mit Liya Kebede, damals seit Langem das erfolgreichste. Das berichtet mir eine ehemalige Redakteurin und das bestätigt mir die ehemalige stellvertretende Chefredakteurin. Zumindest ging man seinerzeit mit dieser Nachricht hausieren. Zuvor hieß es, auch bei anderen Magazinen, Cover mit schwarzen Models verkaufen sich nicht gut. Das wurde dann gern mit dem Identifikationsfaktor für die deutsche Leserin gerechtfertigt.
Doch, wo es nur um Zahlen und nicht etwa um Menschlichkeit geht, hilft vielleicht die Keule der Anzeigenkunden, von denen die Magazine letztendlich (noch) leben. Pierpaolo Piccioli, Valentinos Chefdesigner, hat zum Instagram-Post von Naomi Campbell jedenfalls schon applaudiert.
Photo Credit: Modepilot

Kommentare

  • Lena sagt:

    Ich finde, der Shirtstorm hat durchaus seine Berechtigung. Nachdem die Magazine durch das Internet mit stark zurückgehenden Leserzahlen zu kämpfen haben, scheinen die Sparmaßnahmen auch einen immer stärkeren Einfluss auf die Qualität zu haben. Traurig, was aus ehemals guten Zeitschriften mittlerweile geworden ist.
  • Karin Nölker sagt:

    Ganz ehrlich: man kann die Welt nicht mehr verstehen, will sagen: aus jeder Mücke wird ein mit Elefant to gemacht. Jeder in der Modebranche weiss, dass mit "back to black" die Modefarbe SCHWARZ gemeint ist, oder? Warum muss Alles und Jedes kommentiert werden?! Wer ein Haar in der Suppe sucht, der wird es finden.

    Wo bleibt die Toleranz, die jeder fordert? Wir werden mit all' dem "Mist" überschüttet, keiner bleibt mehr sachlich. Schade.


    • Kathrin Bierling sagt:

      Hallo Karin, Danke für Deinen Kommentar!

      Klar, mit 'Back to Black' war die Modefarbe gemeint, aber eben leider auch die Hautfarbe. Und nur darum geht es hier. Versetze Dich bitte einmal in die Lage: Du lebst in einem Land, in dem die meisten schwarz sind (Du weiß) und dann erscheint ein Magazin, das die Farbe Weiß als Modefarbe und weiße Models als Trenderscheinung propagiert. Hättest Du damit kein Problem?

      Liebe Grüße,

      Kathrin


  • katha sagt:

    Puh. Ich habe auch bei Dietprada auf Insta davon gelesen und mich sehr gefreut, dass du das Thema hier aufgegriffen hast. Ich hoffe die Elle-Führung kommt nun mal im Jahr 2019 an!
  • Daphne Bierling sagt:

    Unglaublich! Bleib(t) wachsam und mach(t) bitte unbedingt auf solche schlichtweg nicht weiter akzeptable Artikel aufmerksam!! Danke!
  • Grace sagt:

    So viele Leute gehen so ein Magazin durch vor dem Druck.. ein Wahnsinn wie viele das anscheinend in Ordnung fanden... Danke für deinen super Artikel zu dem Thema.
    • Kathrin Bierling sagt:

      Danke Dir, liebe Grace! Tatsächlich fanden es nicht einmal alle in Ordnung und hatten Bauchschmerzen, wie sie sagen. Aber, ja, man wundert sich, wie es dann doch in den Druck gehen kann.
  • Tobias Brenninger sagt:

    Der internationale Shitstorm ist absolut gerechtfertigt! Ich hoffe, das wird die nötigen Konsequenzen nach sich ziehen...
    • Kathrin Bierling sagt:

      Danke, lieber Tobi, für Deinen Kommentar.

      Liebe Grüße,

      Kathrin