Label to watch: Julia Leifert

Es war der Bermuda-Anzug aus der diesjährigen Sommerkollektion, der sich an der Stelle meines  Gehirns einbrannte, wo sich die Wahrnehmung für Trend und für Stil überschneiden. Zuvor fiel ihr Wrap-Blazer bei The Wearness ins Auge. Man möchte Anchorwoman beim heute journal sein, um ihn möglichst vielen Leuten präsentieren zu können.
Julia Leifert, die 36-jährige Modedesignerin mit Wahlheimat Berlin, gehört also schon längst in unsere „Label to watch”-Reihe. Auch, weil bei ihr guter Geschmack und ethische Grundsätze eins werden. Die Deutsche studierte zunächst Jura und wechselte nach dem ersten Staatsexamen zum Studium des Mode- und Design-Managements. Seit 2014 führt sie ihr eigenes Label, das bis vor Kurzum noch anders hieß.
Julia Leifert Modepilot
Aktuelle Mode von Julia Leifert

Interview mit Julia Leifert

Modepilot: Warum trifft man in der Mode immer wieder auf Leute, die ursprünglich Jura studierten?
Julia Leifert: Woran es genau liegt, weiß ich nicht genau. Aber mir ist auch schon oft aufgefallen, dass Juristen irgendwann eine kreative Laufbahn einschlagen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass man auch in juristischen Berufen eine gewisse Kreativität an den Tag legen muss. Das Gesetz ist nicht starr, es muss ausgelegt, auf praktische Fälle angewandt und interpretiert werden. Es befindet sich im stetigen Wandel, geht mit der Zeit und jeder Einzelfall ist einzigartig. Im kreativen Bereich geht es immer darum, das bisherige Wissen und die eigene Erfahrung auf eine neue Art zu interpretieren und anzuwenden, um etwas Neues, bisher nicht Bekanntes zu schaffen. Das ist in der bildenden Kunst nicht anderes, als in der Musik, im Design oder eben im Umgang mit Normen.

Julia Leifert – Anwältin der Mode

MP: Das Interesse für Mode war aber immer da...
JL: Schon damals habe ich gemerkt, dass ich zwar im Bereich Mode arbeiten möchte, aber die teilweise desaströsen Bedingungen für Umwelt, Tier und Mensch grundlegend ablehne. Ich hatte das innere Bedürfnis, etwas zu ändern und zur konventionellen Modeindustrie ein Gegenkonzept zu erstellen.
Designerin Julia Leifert Modepilot
Designerin Julia Leifert
MP: Wer inspirierte Dich?
JL: Ein großes Vorbild sind die starken und unabhängigen Frauen in meiner Familie. Sie sind in jeder Generation unbeirrt ihren Weg gegangen und haben mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Ich bin vielleicht auch deshalb seit jeher von starken Frauen der Geschichte sehr inspiriert und fasziniert. Die Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau in der sich wandelnden Gesellschaft ist für mich sehr spannend und auch immer wieder Thema in meinen Entwürfen. Ich spiele mit Stereotypen und Rollen, breche sie auf, indem ich beispielsweise typisch männlich verstandene Attribute in meine Designs einbaue.
Good to know: Das von Julia Leifert 2014 gegründete Label hieß bis vor Kurzem noch Philomena Zanetti, benannt nach ihrer Urgroßmutter. „Sie ist maßgeblich für meine Liebe zur Mode und dem Handwerk mitverantwortlich”, sagt Leifert. Mit dem Wechsel zum eigenen Namen steht die Designerin persönlich dahinter, ressourcenschonend zu wirtschaften.

Anwältin der ethischen Grundsätze

MP: Dein Label steht für starke Überzeugungen...
JL: Es wird gerade viel geschönt, um mehr Profit zu machen und das Thema Nachhaltigkeit wird oft missbraucht. Dabei sind Authentizität und Ehrlichkeit das größte Gut, das wir haben. Ich möchte für meinen Glauben an die Möglichkeit der nachhaltigen und fairen Wertschöpfung und meine Lebenseinstellung einstehen und sagen, dass ich das, was ich tue, aus Überzeugung tue. Wir haben eine große Verantwortung für unsere Zukunft, die nächsten Generationen und unseren Planeten.
Julia Leifert Kleid Modepilot
Aktuelles Kleid von Julia Leifert
MP: Wie hast Du Dir das Schneiderhandwerk beigebracht?
JL: Wenn mich ein Thema interessiert, bin ich unaufhaltsam. Ich will dann alles lernen. Dafür habe ich sehr viel gelesen, mir etliche Fachbücher über das Schneiderhandwerk gekauft. Neben meinem Studium, habe ich auch viele Drapage- und Schnitttechnikkurse belegt – und natürlich unglaublich viel an der Maschine experimentiert. Wann immer ich Zeit habe, probiere ich im Atelier Neues aus, frage meine Direktricen, wie diese oder jene Verarbeitung funktioniert und lerne weiter.
MP: Dein Logo erinnert an das von Jil Sander – Zufall oder Hommage?
JL: Vielleicht erscheint eine Ähnlichkeit aufgrund des J am Anfang, aber diese ist ganz klar Zufall. Auch wenn ein schöner, denn ich finde den Stil von Jil Sander sehr gelungen. Beide Logos sind sehr „bold“, so wie die Frau für die die Marken sind. JULIA LEIFEERT hat dennoch einen anderen Ansatz, auch wenn beide Brand den Gedanken des Minimalismus und der starken Weiblichkeit vertreten.

Kundin und Bestseller

MP: Wer sind typische Kundinnen?
JL: Es verbindet alle eine Art, wie sie sich und ihre Umwelt sehen und wie sie wahrgenommen werden möchten. Mode ist eine intellektuelle Ausdrucksform, die nonverbal zeigt, wer wir sind. Wir kleiden uns nicht nur, um uns warm zu halten, sondern zeigen, worauf wir wert legen. Mode ist Kommunikation. Meine Kundin hat Ziele und geht ihren eigenen Weg, auch wenn er unkonventionell erscheinen mag. Sie ist humor-, und liebevoll und sehr empathisch. Für Dinge und Menschen, die ihr am Herzen liegen, setzt sie sich unbeirrt ein.
MP: Dein Bestseller?
JL: Meine Bestseller sind vor allem Blusen, Blazer und Mäntel – starke Statement Pieces für den Alltag. Das Schöne an diesen Teilen ist die Zeitlosigkeit und die saisonunabhängige Kompatibilität für jeden Kleiderschrank. Die Sachen sind über viele Saisons und zu fast jeder Gelegenheit tragbar. Das mag ich sehr. Wir alle haben die essentiellen Teile in unserem Schrank, die zu allem passen und uns immer gut fühlen lassen. So sind meine Designs konzipiert. Als „capsule wardrobe” für jede Gelegenheit.
Modepilot Julia Leifert Label to watch
Aktuelle Mode von Julia Leifert

Was steht an?

MP: Was steht als nächstes an?
JL: Im Moment bereite ich mich auf die Pariser Modewoche vor. Ich würde gerne einmal beim Copenhagen Fashion Summit, der weltweit größten Konferenz wenn es um Nachhaltigkeit im Modebereich geht, als Redner teilnehmen.  Zur Mailänder Fashion Week hatte ich bei der Villa Vigoni Konferenz als Redner auf über Nachhaltigkeit in der Mode über den Wandel der Gesellschaft und die Rolle der Kreativen gesprochen.
MP: Wie wichtig sind Modeschauen für Dich?
JL: Die ursprüngliche Bedeutung der Modenschau hat sich stark gewandelt. Dienten sie früher dazu einem kleinen elitären Kreis aus Einkäufern, Presse und Fachleuten die neueste Modelle vorzustellen, sind sie heute eher als Image-Kampagnen der jeweiligen Marke zu sehen. Die heutigen Schauen sind viel aufwendiger und dienen dazu, eine ganz eigene Markenwelt zu kreieren, die nicht nur die Mode, die Models, sondern auch ausgewählten Gäste und Prominente, mit denen das Brand in Verbindung gebracht werden will, mit einbindet. Es geht darum, ein Marketing-Spektakel zu schaffen, das möglichst viele Leute animiert, die Bilder zu teilen und den Namen der Marke zu streuen. Das ist die Währung der heutigen Zeit. Ich glaube daher, sie sind nach wie vor wichtig, nur in einen ganz neuen Kontext zu verstehen und sie haben eine andere Zielgruppe. Daher sind sie nicht mehr für jede Brand gleichsam interessant, werden aber wiederum für andere genau aus dem Grund erst jetzt wichtig.

Vegane Mode und die Zukunft

MP: Im Labor kultiviertes Leder könnte bald möglich sein – Würdest Du es verwenden?
JL: Ich bin seit vielen Jahren aus ethischen Gründen Vegetarier. In meinen Designs und meiner Materialauswahl achte ich seit Beginn streng darauf, dass keine Inhaltsstoffe tierischen Ursprungs enthalten sind, für die Tiere leiden mussten. Meine Wolle und Seiden stammen aus kleinen Betrieben, die auf artgerechte Haltung und das Wohl der Tiere wert legen. Ich verwende daher weder Leder noch Pelz. Kunst- oder veganes Leder ist keine adäquate Alternative für mich. Denn es ist in den meisten Fällen nichts anderes als Plastik und das ist nicht gut für die Umwelt.
Es wird viel geforscht in dieser Richtung: Leder auf Pilzbasis, aus Apfel- oder Traubentresten ist bereits auf dem Markt. Dabei ist es für mich immer wieder spannend zu hören, welche neuen Alternativen und Innovationen auf den Markt kommen. Die Entwicklung gerade für Leder verfolge ich seit Jahren. Ob es wirklich Leder aus dem Labor geben kann, bleibt abzuwarten. Und, ob es die gleichen Eigenschaften wie tierisches Leder hat, mit denen die bisherigen Alternativen alle noch nicht aufwarten können, bleibt ebenfalls abzuwarten. Aber ausprobieren würde ich es auf jeden Fall.
Photo Credit: Julia Leifert

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