Warum das Ende von Achtland ein Weckruf sein sollte

Ich habe gerade heute mit einer Freundin, die sehr viel mehr von Jungdesignern versteht als ich, über den Nachwuchs gesprochen. Sie sagte: "Viele haben einfach kein Durchhaltevermögen. Jemand wie Dries van Noten hat rund sechs Jahre praktisch nichts verdient und konnte sein Label nur mit Auftragsarbeiten für andere Marken finanzieren. Es dauert eben". Erst 14 (!) Jahre nach seinem Abschluss, konnte er die letzte Auftragarbeit beenden und sich ausschließlich auf Dries van Noten konzentrieren.
Hatten Oliver Lühr und Thomas Bentz von Achtland zu wenig Durchhaltevermögen?
Nach vier Jahren und sieben Saisons gaben Achtland heute bekannt: "Wir haben eine Reihe von wichtigen selbstgesteckten Zielen bislang nicht erreicht und daher beschlossen, dass es nun an der Zeit ist, das Konzept von Achtland grundsätzlich zu überdenken“, sagte Bentz. „Wir wollen uns Zeit nehmen um zu beschließen, ob und in welcher Form wir an unsere Erfahrung und unsere Arbeit mit Achtland anknüpfen können.“ Die Kollektion für Frühjahr/Sommer 2016 soll bereits nicht mehr in Produktion gehen.
Dabei hatten sie eigentlich alles richtig gemacht: Oliver Lühr konzentrierte sich auf das Design (Central Saint Martins Absolvent), Thomas Bentz auf die Business-Angelegenheiten – klare Arbeitsteilung , wie es viele Große der Branche vormachen. Sie entwarfen für die niederländische Möbelfirma Leolux einen Cocktailstuhl (Kooperationen = Money Job) und deutsche Prominente wie Hannah Herzsprung trugen Achtland auf dem Red Carpet. Beide sind hochprofessionell, äußerst zuvorkommend, herzlich und wurden von der Presse als "Hoffnungsträger" der deutschen Mode gefeiert und mit Preisen wie dem "Bunte New Faces Award Fashion" ausgezeichnet. Zuletzt hatten sie ihr Studio von Berlin ins Londoner East End, ins hippe Shoreditch, verlegt. Dort hatten beide früher studiert und die britische Hauptstadt gilt als perfekter Standort für unkonventionelles Modedesign und junge Labels. Ziel war es, eine internationale Vertriebsstruktur aufzubauen, um mehr Einkäufer zu erreichen: "Wir hören immer wieder von den Einzelhändlern, dass wir uns internationaler aufstellen müssen", erzählten sie mir einmal während der Fashion Week in Berlin. Die deutschen Einkäufer wollten erst ordern, wenn Achtland auch international erste Bekanntheit hat. Das kann man ihnen nicht verübeln – jede Saison wird knapp kalkuliert und jede Kollektion, die sich nicht gut verkauft, tut weh. Bei Achtland lag der schwache Abverkauf sicher nicht an der Designsprache oder schlechter Qualität. Im Gegenteil: Gerade weil sie sehr hochwertige Stoffe verwenden (aber in kleiner Stückzahl produzieren), waren die Kollektionsteile sehr teuer. Zu teuer. Ein Rock für 500 Euro? Damit spielen sie in der gleichen Preisliga wie Isabel Marant und Alexander Wang.

Kann es hier trotzdem ein positives Fazit geben?

Zumindest einen Wunsch: Wir Blogger, Journalisten, Stylisten und Modeförderer müssen die deutsche Mode nicht nur auf dem Papier fördern, sondern sie auch kaufen und tragen.
Achtland im Online-Shop
Photo Credit: Catwalkpictures

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Kommentare

  • Eva sagt:

    Finde es auch sehr schade, obwohl ich der Meinung bin, dass es auch bei noch so guten Anlagen der Designer lange dauert, bis man den Dreh raus hat, modehandelstaugliche Kollektionen zu schaffen. Und da es heute eben viel zu viele High-Fashion-Labels gibt, oder zumindest solche, die auch in diesem Teich mitfischen, geht man ohne finanzstarken Partner nach ein paar Saisons ohne entsprechenden Abverkauf unter. Das Schicksal teilen Achtland mit absoluten Darlings der Moddepresse ... und ich bin mir nicht mal sicher, ob das anders gelaufen wäre, wenn an Stelle von Hannah Herzsprung internationale Stars Achtland getragen hätten ... da müssten schon Cate Blanchett oder ähnlich medienwirksame Presenter ran ... Und Barbara hat (wie immer) recht, es bräuchte ein neues Konzept ...
    • Barbara Markert sagt:

      Super doof! Bleibt zu hoffen, dass sie es wirklich nur übderdenken und dann weiter machen – mit neuem Konzept!