Skinny sein – koste es, was es wolle
Paris gibt dir alles. Inklusive des schlechten Gefühls, wenn dir die Standardgrößen nicht passen. Wird der Skinny-Trend in den sozialen Medien dramatisiert oder ist in der Modehauptstadt die Kleidergröße 32 doch (immer noch >>>) die Norm?
Skinny sein – koste es, was es wolle
Schlendert man durch die Straßen von Paris, sieht man nicht nur modebewusste Menschen, sondern auch nahezu identische Körper. Zufall? Wohl kaum.
Eine Taille, die man ohne Organentnahme kaum erreichen kann. Beine, bei deren Anblick man die eigenen am liebsten verstecken möchte. Hat sich die Modebranche – trotz aller Befreiungsschläge – wirklich so wenig weiterentwickelt? Ist sie genauso enttäuschend wie unser Steuersystem, das immer noch auf den Regeln von 1920 basiert und anstrengend bleibt? Für Programme wie ELSTER gibt es vielleicht ein paar Alibi-Punkte, für den guten Willen. Ähnlich wie für das eine Curvy Model auf dem Laufsteg, das die Diversitätsquote retten soll.
Bunte Hülle, dünner Kern
Die Frühjahr/Sommer-Kollektion der Galeries Lafayette zeigte facettenreiche Looks: wilde Muster, knallige Farben und mutige Stilbrüche: von ätherischen Strandlooks bis hin zu Partykleidern, die nach It-Girl schreien.
Umso weniger facettenreich waren die Models: alle schlank. Nicht mal ein Curvy Model. Paris gibt sich weniger Mühe bei der Auswahl der Models als 'Germany‘s Next Topmodel'. Vor ein paar Jahren ahmten viele den Body von Kylie Jenner nach. Heute wurde er von Kendall abgelöst. Skinny zu sein, ist längst schon wieder angesagt. Ein Trend, der die meisten mehr zum Grübeln bringt als die letzte Situationship. Gedanken kommen auf wie: „Wieso sehen eine Skinny Jeans und ein weißes Top bei mir nicht so gut aus?“
Skinny macht den Look
Dass „Skinny sein“ das Outfit ist, wird nicht einmal mehr vertuscht. Kommentare unter Outfit-Videos wie: „Leute, es ist einfach nur ein Basic-Look. Ihr Körper macht es aus.“ offenbaren es. Anhand der hohen Anzahl der Likes eines solchen Kommentars wird einem klar, dass mittlerweile auch andere Leute nicht mehr so naiv zum Kauf verleitet werden.
„Dass ‚Skinny sein‘ das eigentliche Outfit ist, wird heute nicht einmal mehr kaschiert.“
Wie gefährlich dieser Trend wirklich ist, wird greifbar, wenn er das eigene Umfeld erreicht. Wenn eine Freundin plötzlich beschließt, ihre Beziehung mit Fruchtzucker zu beenden. Kein Wunder bei den aktuellen Videoformaten auf TikTok und Instagram: Interessiert sich wirklich jemand dafür, was Fremde in „What I eat in a day“-Videos essen. Oder dienen diese Formate am Ende nur als Inspiration zum Hungern? Hungern um jeden Preis, aber wofür eigentlich? Für die Bestätigung von außen?
„Du kannst es ja tragen“ oder anders ausgedrückt: „Ungünstiges Outfit, aber mit deiner Figur kannst du es dir erlauben.“ Das ist so ein Satz, über den sich viele schlanke Frauen freuen. Dicke Frauen hören ihn nie.
Sieht ein Minirock an einer 34 besser aus als an einer 44? In den Köpfen vieler Menschen leider immer noch: ja. Um politisch korrekt zu wirken, antwortet die Gesellschaft zwar brav mit: „Nein, jeder Körper ist schön.“ Aber seien wir ehrlich: Es ist nicht die Figur, die den Minirock sexy macht. Es ist das Selbstbewusstsein, das schlanken Frauen von der Gesellschaft auf dem Silbertablett serviert wird. Nur weil wir besessen sind von schlanken Frauen, heißt es nicht, dass ihnen die Outfits auch besser stehen. Lasst die Gesellschaft nicht eure Outfits bestimmen, sondern entscheidet für euch selbst! Die meisten haben Angst, dick zu werden oder zu altern. Aber ist die eigentliche Sorge dabei nicht eher der Verlust von sozialer Anerkennung?
Paris schert sich nicht um Trends
Paris hingegen schert sich nicht um Anerkennung, muss bei Body Positivity nicht teilnehmen, um dazu zugehören. Der Teufelskreis beginnt bei seinen Bekanntschaften, die nur Vorspeisen essen, und bei den Schaufensterpuppen und bei dem Hobby „Kaffee trinken“, aber selbstverständlich ohne Kuchen. Und weil es an jeder Ecke im echten Leben noch nicht genug Druck gibt, brauchen wir noch die perfekten Frauen auf Instagram.
Der ausgelutschte Instagram-Spruch „bleib dir selbst treu“ zählt jedenfalls nicht für dein Essverhalten. Und so ertappte ich mich schließlich selbst dabei, eine Salat-Bowl statt Penne Arrabbiata zu bestellen. Egal, wie wir es finden und wie viel Diversität wir uns wünschen, Paris bleibt Paris. Die Stadt war dem Schlankheitswahn schon immer loyal und wird es auch bleiben. Warum? Anders als die Victoria’s Secret Show hat Paris keine Angst, gecancelt zu werden.
Photo Credit: Klara Schlemmer, Noor-u-nisa Khan für die Fashion Week in Kopenhagen
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