Echt jetzt?!

Wir leben in einer postfaktischen Zeit. Daran erinnerte mich neulich unser IT-Experte wieder: „Wenn wir heute zum Beispiel hören würden, dass der Präsident eines demokratischen Landes in Erwägung zieht, einen Suchmaschinendienst zu verstaatlichen, weil dieser zu wenig gute Nachrichten über ihn verbreitet, dann wüssten wir nicht, ob wir das glauben können.”

Oder anders gesagt: Uns wundert immer weniger. Logischer Menschenverstand und Fakten räumen den Weg für gefühlte, eigene und andere Wahrheiten – ein Feld, in dem sich die Mode zuhause fühlt.

Aktuell lässt sich nicht mehr zwischen Original und Fälschung unterscheiden. Und das ist ganz im Sinne der Designer. Zumindest tun sie einiges dafür: Alessandro Michele feiert die Optik des plakativen Plagiats, indem er den Gucci-Schriftzug in möglichst vielen Typografien über Taschen und Shirts des italienischen Modehauses laufen lässt, auch gern einmal mit Schreibfehler, wie ‚Guccy‘ etwa. Seine Entwürfe sind eben so grell und laut wie die von Balenciaga, wo der andere Luxushaus-Erneuerer herrscht: Demna Gvasalia.

Was ist Original, was Fälschung?

Inspiration Straßenstand? Ich finde das ja auch witzig. Es ist so befreiend, wenn sich ein traditionelles Luxushaus nicht ernst nimmt. Da fühlt sich einfach jeder ‚abgeholt‘. Dennoch: Fragt man unter den Teenagern herum, so sagen diese, dass es ihnen völlig egal sei, ob der Balanciaga-Pullover oder die Gucci Cap, die man trägt, ein Original oder eine Kopie ist. Ist es ja auch: Es geht um die Aussage und weniger um die Herkunft und die Verarbeitung, oder? Und das ist neu, wenigstens in diesem Ausmaß. Wir haben damals so getan als sei die Goyard-Tasche aus dem Türkeiurlaub eine echte, weil wir als Connaisseure gelten wollten, die das französische Täschnerhandwerk wertschätzen.

Das Statussymbol als Ironie als Statussymbol begreifen

Heute ist es cool, die Ironie eines Statussymbols zu feiern. Dazu laden die Marken selbst ein. Sie kooperieren fast alle mit Supreme. Jeden Donnerstag gibt es dort ab 12 Uhr zig neue Produkte, auf denen das rot-weiße Logo, basierend auf der Propagandakunst von Barbara Kruger, prangt – vom Flummiball von Bouncy Ball über die Sigg-Trinkflasche bis zum großen Schiffsreisekoffer von Louis Vuitton ist da so ziemlich alles dabei (nur Birkenstock möchte nicht mitmachen >>>).

Gefühlte Wahrheit: Dürfen wir uns eigentlich im Copy Shop einen Hoodie mit ‚Balenciaga‘ oder ‚Supreme‘ bedrucken lassen?

Vielleicht würde Gvasalia auf einen Copyshop-Sweater so cool reagieren wie sein italienischer Kollege (bestimmt würde er das). Stefano Gabbana wurde vor einiger Zeit auf Instagram losgelassen. Ich schäme mich da manchmal für ihn und wünsche mir die Zeit zurück, als diskrete PR-Leute und Journalisten solche Menschen noch vor sich selbst schützen konnten. Doch er wirkt sympathisch, wenn er Händler mit ihren 15-Euro-D&G-Kopien posieren lässt und die Nachahmungen lobt: „Hahahahahaha #DGFAKE ❤️❤️❤️❤️❤️❤️… AMO LE COPIE…”. (Hier geht es zu seinem Post >>>)

Schräg? Ach, was. Da geht noch was. Als habe es in der Modebranche einen Wettbewerb wie zur Hommingberger Gepardenforelle gegeben, tauchen plötzlich Schuhe auf, die es eigentlich nicht geben kann. Testen uns Fendi und Texas Robot gerade, oder kann man diese Cowboystiefel-Hybriden tatsächlich bei Farfetch und Martha Louisa bestellen?

„Cowboy Running Boots” nennen sie die Stiefeletten und Stiefel von Texas Robot. Sie sollen eine Kreuzung aus Sneaker und Cowboystiefel sein. Echt jetzt?! Das einzige, was für diese Geschmacklosigkeit sprechen könnte: Die meisten Cowboystiefelträger rennen tatsächlich öfter als dass sie Halt in einem Steigbügel finden müssten.

Fast ansehnlich wirken im Vergleich die „Rokoko Sock Boots” von Fendi – hier wurde der erfolgreiche Strumpfstiefel der vergangenen Saisons mit dem Cowboy Boot zusammengenäht. Ich meine, darauf muss man auch erst einmal kommen!

Fendi Cowboy boots socks Modepilot 2018

Sockboot plus Cowboystiefel = Neukreation von Fendi, über MarthaLouisa.com

Photo By: Supreme, MarthaLouisa.com

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