Die Brüderle-Affäre und die Mode
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Die Brüderle-Affäre und die Mode

Wir halten uns meistens aus der Politik raus - aber wenn sich (gewissermaßen) Politik - oder sagen wir besser "Gesellschaftliches" mit Mode überschneidet, dann bekennen wir uns. Und was nun gerade durch die Medien schwappt, angestoßen durch die Brüderle-Affäre, hat ein Stück weit auch mit dem zu tun, wie wir, speziell: wir Frauen, uns kleiden.

Ich kann hier endlos Beispiele anführen, wie ich im beruflichen Alltag von Männern in sexuell eindeutiger Weise auf meine Outfits aufmerksam gemacht werde. Und nein, das sind keine Komplimente, wenn mein Kollege mir auf dem Weg zum Konferenzraum zuraunt: „Geh mal vor mir her, dann habe ich eine hübsche Aussicht", „Kommst Du vom Anschaffen?“ (beim Tragen von Overknees, die nichts mit den oben gezeigten zu tun haben) oder „Überzeug' Du den Chef, was wir wollen, Du trägst heute den kurzen schwarzen Rock". Das ist nicht witzig, das ist nicht charmant - das ist, mit Verlaub, Scheiße.

Zugegeben, der Grat zwischen Kompliment und Zote kann schmal sein und jeder hat einen unterschiedlichen Toleranzbereich, aber es gibt Äußerungen, die sind eindeutig unter der Gürtellinie und haben deswegen weder im Job noch sonst wo in der Öffentlichkeit etwas verloren.

Jetzt bin ich schon qua Berufswahl ganz gut mit Worten und schere mich nicht um Hierarchien – dann lässt es sich einfach zurückfeuern, was aber auch einen faden Beigeschmack hat. Zumal mir manche Verhaltensweisen einfach fremd sind – bei uns zu Hause geht es mitunter deutlich zu, aber niemals hätte ich erlebt, dass mein Vater oder Bruder Frauen gegenüber ein derart rüdes Auftreten an den Tag legen würden.

Vor allem: Muss das denn sein? Und wozu machen die Herrschaften das? Provozieren? Macht demonstrieren? Witzig sein wollen? Oder sich einfach gar keine Gedanken machen?

Reden die mit ihren Frauen zu Hause eigentlich genauso? Wollen die, dass mit ihren Töchtern eines Tages auch so umgegangen wird?

Und warum bin ich eigentlich immer der Depp, der sich überlegen muss, wie er reagiert (ganz gleich, ob ignorieren, parieren oder schmollen) - warum überlegt sich nicht mal mein Gegenüber vorab, wie gewisse Bemerkungen ankommen könnten? Stattdessen gerate ich vor mir selbst in die Rechtfertigungsfalle: Sage ich nichts, merkt er es nie. Sage ich was, bin ich entweder verklemmt, prüde, „untervögelt“, hysterisch, humorlos, eine Emanze oder alles zusammen.

Umgekehrt kenne ich Frauen, die ihre „Reize“ bewusst einsetzen. Einst meinte eine Freundin zu mir, dass sie sich extra sexy kleide, denn „so komme ich zum Ziel, und nur darum geht es“. Gerade erst hatte ich auf einer Tagung mit einer Dame zu tun, die schon tagsüber im engsten Hervé-Leger-Kleid und mit Louboutins unter den männlichen Gästen für Aufruhr sorgte, explizite Anmachen inklusive, die sie einfach – nonchalant und souverän weglachte! Ich schwanke bis heute, ob das die richtige Vorgehensweise ist. Meine ist es nicht, aber erst recht will ich niemandem Vorschriften machen, wie er sich zu verhalten hat. Am Ende stünde dann noch, dass wir uns anders, weniger sexy kleiden müssen – und so traurig darf es doch nicht werden.

Um hier gar keine Zweifel aufkommen zu lassen: Frauen, die Männern solche Sprüche drücken, sind kein Stück besser. Ich wage aber zu behaupten, und so ist auch meine Erfahrung und die meiner Freundinnen/Kolleginnen, dass dieses „Problem" in der Regel Frauen betrifft. Perfide wird es, wenn man sich nicht wehren kann. Wobei ich mittlerweile glaube: man sollte es immer probieren. Dann schläft es sich einfach besser.

Und was ich eigentlich will? Respekt. Obwohl, wenn ich so überlege, will ich nur, dass solche Idioten den Mund halten und mich in Ruhe lassen.

Foto: rakuten.de

Modepilot
Modepilot ist Deutschlands erster Modeblog. Mit seiner Gründung in 2007 war und ist er Vorreiter der unabhängigen Mode-Berichterstattung. Noch heute wird die Seite leidenschaftlich von Mitgründerin Kathrin Bierling geführt. Sie ist eine ausgebildete und erfahrene Journalistin, die zunächst bei der Financial Times lernte und arbeitete und dann einige Jahre bei der WirtschaftsWoche beschäftigt war, bevor sie die Seiten Harpersbazaar.de, Elle.de und InStyle.de verantwortete. An Modepilot liebt sie, dass sie die Seite immer wieder neu erfinden muss, um am Puls der Zeit zu bleiben. Worin sie und ihre Autoren sich stets treu bleiben: Den Leser ernst nehmen, nicht sich selbst.

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