So wird sich die Modeindustrie nach Corona ändern – nämlich gar nicht.

Viele Modemarken machen  während der Coronavirus Krise auf sich aufmerksam. Sei es, weil sie Insolvenz anmelden (Esprit, J.Crew, Neiman Marcus, True Religion), oder weil sie ihre Produktionsweise öffentlich überdenken. Gucci und Saint Laurent (beide gehören zu Kering) möchten sich von den bisherigen Schauerkalender unabhängig machen und „ihrem eigenen Rhythmus folgen”. Gucci-Kreativchef Alessandro Michele: „Ich möchte den Arbeitsrhythmus unseres früheren Leitfadens mit seinen Cruise, Pre-Fall, Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter-Kollektionen hinter mir lassen.”
Zuvor veröffentlichte Dries Van Noten einen offenen Brief an die Modeindustrie, der mittlerweile von über 600 Modeprofis unterschrieben wurde, darunter Tory Burch, Gabriela Hearst, Donna Karan, Angela Missoni. In dem Schreiben geht es darum, Kollektions-Abverkäufe im klassischen Handel zu verschieben. Also Sommermode erst dann in die Auslage zu hängen, wenn Käufern auch danach ist: ab Februar und bis Juli. Und nicht etwa mit der Auslieferung von Stiefeln und gefütterten Mänteln im Juni beginnen.
Modepilot Corona Modebranche Modeindustrie
Haute Couture-Publikum bei Jean-Paul Gaultier, Frühjahr/Sommer 2020
Die wärmere Herbst/Wintermode würde dann von August bis Januar angeboten und erst im Januar reduziert werden, wenn es nach den Unterzeichnern geht. Aus Deutschland unterschrieben den Appell unter anderen: Emmanuel de Bayser vom Berliner Concept Store The Corner, Michael Kliger von Mytheresa, Uwe Maier vom Stuttgarter Laden Bungalow und Andrea Karg vom Kaschmirlabel Allude.
Widersprechen tun sich der Brief und der Instagram-Eintrag von Alessandro Michele nicht. Beide zielen auf weniger Kollektionen pro Jahr ab, nämlich nur noch zwei. Wie früher.

Der Realität ins Auge blicken

Doch die Designer-Statements sind mehr Wunsch als tatsächliche Zukunftsplanung. Denn realistisch gesehen gibt es natürlich einen Grund, warum die Modewelt vor Corona so war wie sie war (und vermutlich wieder sein wird): der Konsument. Dieser kauft nun mal dort ein, wo es die neueste Ware gibt und, wo er sie am schnellsten günstiger bekommt. Deshalb wurden selbst bei Luxushäusern, die ja eigentlich für 'weniger ist mehr' stehen sollten, immer mehr Kollektionen produziert. Das geschah damals schon nicht aus dem Grund, weil sich die Kreativen das so wünschten.
Und so, wie sich aktuell wieder alle in Straßencafés dicht an dicht tummeln, so werden sie auch wieder Mode konsumieren – ungeachtet der neuen Erkenntnisse, die man während einer Krise gewinnen könnte. Ungeachtet dessen, dass Chanel und Hermès vielleicht die beiden einzigen globalen Luxus-Modehäuser waren, die auf staatliche, finanzielle Unterstützung verzichteten. Während die Luxusgiganten LVMH und Kering, deren Hauptaktionäre Bernard Arnault und François Pinault zu den reichsten Menschen der Welt zählen, sogar im eh schon gebeutelten Italien ihre Hände aufhielten. Hier wurde für Produktionsstätten von Gucci, Bottega Veneta und Saint Laurent Kurzarbeit beantragt, von den LVMH-Marken waren es Bulgari, Fendi, Loro Piana und Stella McCartney (Süddeutsche >>>).

Immer noch besser als die deutsche Autoindustrie

Aber! Fairer Weise muss man sagen: Kurzarbeit, das nutzt die deutsche Autoindustrie ganz selbstverständlich, auch Luxusauto-Bauer Porsche tut das, wo gleichzeitig Bonuszahlungen stattfanden (SWR >>>). Und im Vergleich zu deutschen Autokonzernen verzichten Topmanager von LVMH und Kering auf einen Teil ihrer Bezüge. Auch eine Kürzung der Dividende für Aktionäre findet bei den französischen Luxuskonzernen – passender Weise – statt.
Insofern zeigt sich die Welt der Mode fortschrittlicher und sich dem Zeitgeist besser anpassend. Aber wie lange wird der Konsument halbwegs vernünftig sein?
Werden wir in Zukunft wirklich weniger Mode konsumieren? Weil uns der Shut-down zeigte, dass wir doch kein wöchentliches Fresh-up von Zara brauchen? Wird es uns in Erinnerung bleiben, dass Fast-Fashion-Ketten während der Coronavirus Krise ihre fleißigen und eh bereits ausgebeuteten Näherinnen komplett hängen ließen? („Zara's owner billionaire was praised for helping during Coronavirus crisis – workers in Myanmar paid the price” >>>)
Was Zara natürlich gut kann: Immer genau das anbieten, was man gerade kaufen möchte. Wie Tchibo früher. So räkeln sich im Zara-Onlineshop während des Shut-downs Models zuhause auf der Couch in bequemen wie sexy-lässigen Outfits auf der Couch im Selbstauslöser-Look. Amazons Jeff Bezos verdient während der Corona-Krise 33 Millionen Dollar – pro Tag! Inzwischen ist das fast sogar schon sein Verdienst pro Stunde. Dabei hält er 'nur' 11 Prozent am Unternehmen. Schneller und billiger als er liefert keiner, was ihn zum erfolgreichsten Profiteur der Krise macht. Entsprechend habe ich Bedenken, was unsere guten Vorsätze – also, was deren realistische Umsetzung angeht. Auch, wenn Modeliebhaber ihr Verlangen natürlich nicht auf Amazon stillen können, zumindest noch nicht.

Was denkt Ihr?

Photo Credit: Catwalkpictures

Kommentare

  • Grace sagt:

    Ich denke das für eine richtige Veränderung die Krise nicht lang genug gedauert hat. Auch wenn jetzt schon alle jammern und gegen die Maßnahmen demonstrieren, so sind wir vor allem in Deutschland sehr glimpflich davon gekommen. Die Leute gehen wieder zur “normalen” Tagesordnung über und die wenigsten werden leider etwas aus dieser Zeit mitnehmen oder verändern. Nur die Leute die bisher schon reflektiert haben und sich ihre Gedanken machen, reichen leider nicht aus um wirklich etwas zu ändern. Aber schön wäre es dennoch, denn es würde so viel Potential in dieser Weltweiten Krise stecken, so schlimm sie auch ist.
    • Kathrin Bierling sagt:

      Liebe Grace, Vielen Dank für Deine Einschätzung, die ich übrigens absolut teile. Es sind die Bilder von den Leuten vorm Schumanns oder auf dem Viktualien Markt (Ein Gedrängel wie vor der Krise), die mir zeigen, wie schnell alles beim Alten sein kann. Und es sind natürlich auch die Zahlen und Fakten, die uns zeigen, dass Du als globale Modemarke nur mithalten kannst, wenn Du das Spiel der Massen-Befriedigung mitspielst, also ständig neue Ware für konkurrenzfähige Preise. Aber wir können uns einfach wieder auf die kleineren Labels und Handwerksateliers konzentrieren, die es sich leisten können, anders zu arbeiten – zumindest so lange, sie nicht ihre Stammkundschaft verlieren. Liebe Grüße, Kathrin