Basics – Wenn ich bei null anfangen müsste

Camille Goutal war Mitte 20, als ihre Mutter, die Parfumhausgründerin Annick Goutal mit 53 Jahren an Krebs starb (zur ganzen Geschichte >>>). Zu diesem Zeitpunkt war sie gerade zum ersten Mal Mutter geworden – viel Verantwortung, die auf den zierlichen Schultern der ebenso schüchternen wie wahrhaften Pariserin lag und liegt.
Bereits 2001 erschien der erste Duft der immer noch sehr jungen Parfumeurin für das Haus Goutal. Bis heute arbeitet sie an der Duftorgel in dem selben, kleinen Pariser Hinterhofatelier wie ihre Mutter – zusammen mit Hausparfumeurin Isabelle Doyen. Doyen arbeitete auch schon Seite an Seite mit Annick Goutal. Der große Luxus des Hauses und für alle Anhänger der feinen Marke: Die Duftkreationen entstehen ohne einschränkende Vorgaben, was eine Rarität heutzutage ist. Einen Duft, den Camille und Isabelle in 2003 kreiierten, prägte übrigens meine 2000er-Jahre: „Duel” trugen damals erst mein Vater und meine Chefin und ich dann auch.
Duel Parfum Flakons alt neu Annick Goutal Modepilot
Eau de Parfum 'Duel' in alter Verpackung (links) und in der neuen (rechts)
Als ich Camille Goutal nun in einem Münchner Café treffe, hat sie kleine Fläschchen dabei und spielt Riechschule mit mir. Es geht darum, einzelnen Duftkomponenten eine Erinnerung oder ein Gefühl zuzuordnen und dieses zu beschreiben, und nicht diese richtig benennen zu wollen. Schwierig! Es macht aber Laune, nach Alternativen zu suchen, also nach dem frisch gewischten Treppenhaus in Italien etwa, und nicht streberhaft „Bergamotte” auszurufen.
Dann spiele ich mit ihr unser berühmtes Modepilotspiel: Was würdest Du Dir sofort neu zulegen, wenn plötzlich alles weg wäre, und Du nackt auf der Straße stündest, nur mit Deiner Kreditkarte in der Hand?

Die Lieblingsbasics von Camille Goutal

Camille-Isabelle Goutal Modepilot
Camille Goutal (links) mit Isabelle Doyen (rechts)

1) Das T-Shirt

Das Erste, was ich mir neu kaufen würde: ein weißes T-Shirt. Ich trage gern Baumwolle. Es sollte so ein männliches T-Shirt sein, also ganz einfach geschnitten, super basic.

2) Die Jeans

Dann bräuchte ich eine Jeans, so eine in ganz Dunkelblau. Ich trage jeden Tag Jeans, manchmal auch sehr helle, aber wenn ich mich für eine entscheiden müsste, dann wäre es eine in „dark blue”.

3) Die Schuhe

Ich trug lange auch High-heels, aber jetzt habe ich Rückenprobleme und trage nur noch flache Schuhe, am liebsten Männerschuhe. So welche, wie ich gerade anhabe. Also sie müssten nicht diese Nieten haben, aber in dieser klassischen Herrenform mit Schnürung sein. Diese hier sind von Church's. Ich trage aber auch Western Boots.
Basics Camille Goutal Modepilot
T-Shirt von H&M, Lippenstift in der Farbe 'Don't Stop' von Nars, Oxford-Schuhe von Church's (über farfetch.com)

4) Das Jackett

Über das T-Shirt würde ich ein Jackett tragen, ein schwarzes oder grünes. Und wieder: Ich mag Herrenkleidung! Also jene, die für Frauen gemacht, aber maskulin geschnitten ist: nicht eng oder tailliert, sondern gerade. Da kann ich die Jacken von The Kooples empfehlen: Sie sind wie von einem englischen Herrenschneider aus der Saville Row.
Warum gehst Du mit Deiner Kreditkarte nicht gleich in die Saville Row nach London? – Dort bekommst Du alles, was Du brauchst.
Ja, Du hast Recht, das sollte ich vielleicht tun. Aber dort würde ich das weiße T-Shirt nicht bekommen. Dafür müsste ich zu H&M gehen.

5) Die Unterwäsche

Sie ist vielleicht recht einfach, aber ich mag die Wäsche von Princesse Tam Tam. Da würde schwarze Spitze, ohne Push-up, im Triangel-Stil wählen. Das trage ich meistens.

6) Der Absatzschuh

Es gibt da eine französische Marke, die ich für Schuhe noch sehr gern mag. Ich bin mir nicht sicher, ob man sie hier finden kann. Kennst Du Patricia Blanchet? Sie hat so viele schöne Schuhe! Wenn ich High-heels bräuchte, würde ich wieder hier einkaufen: die grünen mit Pfauenfeder hinten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die noch hergestellt werden. Manchmal haben die Schuhe auch Flügel. Die Booties habe ich in zehn Farben und Texturen.

7) Der Pullover

Ich würde einen Pullover mit Rundhals- oder V-Ausschnitt aus hellgrauem Kaschmir kaufen. Dafür würde ich vermutlich zu Uniqlo gehen, denn dort gibt es den besten Kaschmir und eine große Auswahl. Die Kaschmirpullis, die am längsten halten, sind die von Uniqlo. Da meine Töchter sie bei mir klauen, müssen sie wirklich viel aushalten können.

8) Der Lippenstift

Was Beautyprodukte angeht, ist mir ein roter Lippenstift am wichtigsten. Ich würde bei Nars oder Mac schauen, die haben gute Farben. Den, den ich gerade verwende... (Camille kramt in ihrer Tasche) ist „Don't Stop“ von Nars.

9) Das Parfum

„Songes“, denn diesen Duft habe ich für mich selbst kreiiert. Meine Mutter starb 1999 und meine Tochter wurde einen Monat zuvor geboren. Es war ein sehr anstrengendes Jahr für mich und ich war müde. Nach einem Jahr brauchte ich eine Pause. Also ging ich mit meinem Freund 2000 nach Mauritius und wir ließen unsere Tochter bei seiner Mutter. Es war das erste Mal, dass ich im Winter an einem tropischen Ort war. Es fühlte sich wie ein Traum an. Ich ging jede Nacht am Strand spazieren and roch dieses unglaublichen Blumenduft, den ich nicht zuordnen konnte. Als wir das Hotel verließen, fragte ich an der Rezeption, was das war. Dort erklärten sie mir, dass es sich um einen großen Frangipani-Baum handele, den man nicht sehen könne, weil er sich hinter dem Hotel befände. Der Duft reichte also bis über das Hotel zum Strand hinaus!
Dieser „Songes”-Duft ist also einem traumhaften Urlaub mit Frangipani-Blütenduft bei Nacht am Strand gewidmet. („Songes” kam 2006 auf den Markt, Anm. d. Red.)
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Klassiker 'Un Matin d'Orage' von Goutal
Wie oft verwendest Du den Duft?
Das hängt davon ab, ob ich gerade an einem neuen Duft arbeite. Dann trage ich gar kein Parfum.
Insgesamt verwende ich zwei oder drei Parfums: „Songes”, der zweite Duft ist mit Neroli, den habe ich auch speziell für mich entwickelt, und „Un Matin d'Orage“. Er duftet nach Gardenien nach einem Sturm in Japan. Es ist dieser Moment, wenn der Sturm vorüber ist und die Sonne zurückkommt, und man die Hitze von der Erde aufsteigen sieht. Der Duft ist sehr erdig, aber gleichzeitig kommt auch die Gardenie gut zur Geltung. Isabelle hat ihn kreeiert.

10) Das Accessoire

Ein Schal – Ich trage allemöglichen Schals. Also kannst Du Dir für die Bebilderung aussuchen, was am besten passt. Meist trage ich Kaschmir, mal mit und mal ohne Muster, jenachdem.
Photos by: Annick Goutal, H&M, Nars, farfetch.com

Kommentare

  • Anja sagt:

    ich wusste gar nicht von der Geschichte der Dufte!
    • Christiane sagt:

      Oh wie schön. Schon sehr viele Jahre (seit 2002) liebe ich die Düfte von Annick Goutal, bin von den Geschichten um die Düfte fasziniert. Ich bewundere es sehr, dass es Camille gelungen ist, neue Düfte in der Tradition ihrer Mutter zu kreieren. Un Matin d`Orage ist einer meiner Lieblinge besonders jetzt im Frühling. Schön, dass man Camille in diesem Artikel auf eine andere Weise kennenlernen durfte. Danke!
      • dafo sagt:

        kurzweilig, nett, informativ und sympatisch! Was will der Leser mehr ? Weiter so!

        Relounch ist ebenfalls sehr ansprechend!Congratulations!