Raketenaufstieg für Designerin Gül Hürgel

Es war Liebe auf den ersten Blick: Als Isa und ich die die Leinenkleider von Designerin Gül Hürgel bei den Munich Press Days entdeckten, wollte ich so ein Kleid am liebsten gleich überstreifen. Sie sind genau das, wonach man sich gerade sehnt: unangestrengt feminin und für unseren Alltag konzipiert.
Diese Designerin wollte ich kennenlernen. Ich schrieb sie abends gleich an. Ihre Antwort folgte sogleich und wir verabreden uns für den nächsten Tag...

Mode von Gül Hürgel

 
Via Skype erzählt sie, dass sie in Paris gerade erst ihre dritte Kollektion gezeigt hat, jene für Frühjahr/Sommer 2017, welche wir bei den Munich Press Days sahen. „Ich bin super happy, dass meine Kollektion so gut ankommt: Matchesfashion.com und Modaoperandi.com führen meine Kollektion bereits, bei Avenue 32 trifft die Ware in ein paar Tagen ein und auch Net-a-porter.com hat geordert." Von derlei Interesse dieser wichtigsten Modeshops träumen andere, etablierte Designer jahrzehntelang!
Wie konnte sie so einen Raketenstart hinlegen?

Das europäische Lebensgefühl

Gül Hürgel ging mit 15 Jahren in der Schweiz zur Schule (Institut Montana Zugerberg), studierte anschließend Modedesign an der Parsons School of Art and Design in Paris und New York. „Ich verbrachte viel Zeit in Portofino, Positano und in der Provence. Mein Unternehmen habe ich in Istanbul, meiner Heimat, positioniert“, erzählt sie. Und diese kosmopolitische Lebensweise sieht sie auch als Grund für ihren kometenhaften Aufstieg: „Ich bin vor allem vom Leben am Mittelmeer beeinflusst und meine Kleider entsprechen einem mediterranen Lebensgefühl. Damit identifizieren sich Frauen gern. Frauen tragen meine Kleider, weil sie sich darin weiblich fühlen oder, weil sie schlicht komfortabel sind: Sie sollen für den Tag funktionieren und sollen in die Nacht mit hineingenommen werden können“, fasst die Designerin den Stil ihrer Mode zusammen. Dass sie ein Gefühl für diese Bedürfnisse hat, überrascht nicht: „Auf den Reisen treffe ich Frauen, die mich inspirieren. Alles, was ich sehe, kann mich für die nächste Kollektion inspirieren. Schwester Nur Hürgel ergänzt: „Wenn wir auf einem Termin in Italien sind, dann ist Gül inspiriert von den Freundinnen, die wir treffen, von den Farben, den Bäumen. Sie hält immer die Augen offen."
Welche Kleider zu welcher Kollektion gehören (Sommer 16, Winter 16/17, Sommer 17) lässt sich kaum ausmachen, da es sich dabei meist um midi-lange, luftige Tageskleider oder -blusen aus Leinen handelt. Aber diese Saisonunabhängigkeit ist ja auch sehr zeitgemäß und kommt uns entgegen.
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Designerin Gül Hürgel

Family Business

Nährboden und Unterstützung bekommt sie von der Familie: Als Spross eines Stoffgroßhändlers (Gentuğ Tekstil) sind sie und ihre Geschwister in der Textilbranche aufgewachsen. Als sich Gül Hürgel dazu entschließt, eine eigene, vom Familienunternehmen ganz unabhängige Kollektion zu entwerfen, produziert der elterliche Betrieb diese für sie. „Ungefähr 12, 13 Mitarbeiter habe ich heute, die mich beim Herstellen der Musterteile unterstützen. Mein Bruder und meine Schwester sind das Hirn des Unternehmens," sagt Gül Hürgel. Er managed das Unternehmen und ihre Zwillingsschwester Nur Hürgel, die immer wieder ins Skype-Bild hineinhüpft, kümmert sich um den Import und Export der Kollektionen. Beide sind weiterhin auch im Elternbetrieb beschäftigt.
Gül Hürgel steckt angesichts des vielen, überwältigenden Feedbacks gerade voller Energie! Sie erzählt mir, dass sie jetzt auch nach Berlin, München und London reisen möchte: „Nachdem ich online so schon so gut vertreten bin, möchte ich mich jetzt auf Concept Stores fokussieren." Hürgel wird ihre Resort-Kollektion 2017 auch während der Art Basel Miami (1. Bis 4.Dezember) in der The Webster Miami Boutique verkaufen. "Das ist eine wichtige Zeit – nicht nur für Kunst, sondern auch fürs Fashion Business", sagt Hürgel. Und bestimmt wird auch diese Reise wieder jede Menge Stoff für Inspiration liefern.
Photo Credit: Gül Hürgel, Moda Operandi

Kommentare

  • Susanne sagt:

    Aber sind die Kleider nicht ein bisschen sehr antiquiert? Ich mag diesen Stil, schon weil ich das entsprechende Alter habe und er mich an meine Jugend erinnert, aber ich kann keinerlei Umsetzung in die Moderne entdecken - und das finde ich denn doch ziemlich naiv und unkreativ.
    • Kathrin Bierling sagt:

      Liebe Susanne,

      auf den ersten Blick wirkt das eine oder andere Modell als stamme es aus einem Vintage-Laden. Da gebe ich Ihnen Recht! Ich kenne derlei Kleider so ähnlich von meiner Großmutti, aber eben nur so ähnlich. Die Schnitte, die Verarbeitung entsprechen dem, was unserem Anspruch heute gerecht wird (sei es der Ärmelschnitt, die Rocklänge- und weite, der asymmetrische Saum und deren Kombinationsmöglichkeiten). Es sind feine Unterschiede, die ich gut und gern annehme. Es ist auch die Kontinuität (konsequente Verwendung von Leinen) und das Aufgreifen von dem, was erfahrungsgemäß länger und lieber getragen wird, was mir gefällt – auch das halte ich für modern, weil es der logische nächste Schritt ist, nach einer Überschwemmung schneller Designerkopien aus Polyester – selbst die Originale sind heute oft mit der heißen Nadel genäht und leider immer häufiger aus minderwertigen Materialien. Gül Hürgels Mode entspricht dagegen meiner Vorstellung von "Slow Fashion". Das ist doch sehr modern, nicht?

      Liebe Grüße,

      Kathrin


      • Susanne sagt:

        Liebe Katrin, vielen, vielen Dank für diese ausführliche, fundierte und überzeugende Antwort! Es ist einfach wunderbar und etwas ganz Besonderes, wenn eine Kritik so aufgenommen und behandelt wird! Vor allem die beiden letzteren Argumente versöhnen mich mit den Kleidern; da bin ich voll und ganz Ihrer Meinung. Die Schnitte überzeugen mich nicht richtig, aber ich gebe gerne zu, dass ich die Sachen, um das richtig beurteilen zu können, in den Händen halten und vielleicht sogar anprobieren müsste.

        Noch einmal vielen Dank. Ihr seid mein (fast) tägliches Highlight im Leben, ich liebe Mode und Modegeschichte nämlich über alles. Wenn ich mein Leben noch einmal ganz von vorn anfangen könnte, will heißen mit dem Alter von Bauklötzen und Dreirad - damals fing meine Modebesessenheit nämlich an (mit einem roten Rock) -, stünde meine Berufswahl fest. Ihr schafft es immer wieder deutlich zu machen, dass Mode keine hohle, oberflächliche, äußerliche Angelegenheit ist, sondern in vielerlei Hinsicht und aus vielen Gründen in den Bereich von Kunst und Kultur gehört.

        Ganz liebe Grüße

        Susanne


        • Kathrin Bierling sagt:

          Liebe Susanne,

          vielen Dank für Ihre schöne Nachricht, die uns runter geht wie Öl! Ja, Ihren Kommentar drucke ich mir aus und rahme ihn mir ein. Nächstes Jahr feiern wir mit Modepilot 10 Jahre Jubiläum. Damit sind wir der einzige Modeblog-Pionier, der heute noch besteht. Auf die Frage, was uns so lange schon und nach wie vor so viel Freude bereitet: unsere Leser!

          Alles Liebe,

          Kathrin