Neues vom Beauty Pro: Porentief nachgefragt

Wirklich wirkende Wirkstoffe

Wirklich wirkende Wirkstoffe − Falten und Augenringe weg cremen, ein elastischeres Bindegewebe „züchten“ oder Volumen ins Haar waschen. Die Kosmetikindustrie verspricht viel, hält aber eher wenig. Trotzdem kaufen wir die Produkte massenweise. Beispielsweise benutzen in Deutschland 57 Prozent aller Frauen und 36 Prozent der Männer regelmäßig Hautcremes. Am liebsten dann, wenn „dermatologisch getestet“ auf der Verpackung steht. Das klingt gut, sagt aber leider nichts aus.
Generell ist die Forschungslage zu Kosmetik und Pflegeprodukten, sowie deren Inhaltsstoffe meist lückenhaft und oft auch irreführend.

Dermatologisch getestet

Dasha Gauzer Modepilot Wirkstoffe
Dasha Gauzer, Herbst/Winter 2016/17
Models in weißen Laborkitteln preisen in der Werbung Produkte an, die das Siegel „dermatologisch geprüft“ oder „Hautverträglichkeit getestet“ tragen. Wie viel Forschung wirklich dahinter steckt, ist oft zweifelhaft. Solche Formulierungen sind nicht geschützt und die Studien dazu oft auch nicht aussagekräftig, wenn beispielsweise die Anzahl der Probanden zu gering ist. Die Fehleranfälligkeit ist dann zu hoch, die statistische Aussagekraft geht gegen null.
Generell gilt: Je größer das Probanden-Kollektiv, desto aussagekräftiger die Studie. Nehmen wir mal an, an so einer „Studie“ nahmen 20 Probanden teil, die sechs Wochen ein Pflegeprodukt getestet haben. Wenn es keine allergische Reaktionen gab, was bei so geringer Teilnehmerzahl kein Wunder wäre, bezeichnet der Hersteller seine Creme als hautverträglich. Haben einige der Testpersonen jedoch allergisch reagiert, kann er sie immer noch als „dermatologisch geprüft“ ausweisen. Denn geprüft hat er sie ja…

Studien für angeblich wirklich wirkende Wirkstoffe und ihre fehlende Transparenz

Ein anderes Problem, auch bei repräsentativen Studien, ist die Nähe zwischen Forschung und Industrie. Das heißt, selbst bei vermeintlich unabhängigen Studien ist nicht immer klar ersichtlich, ob die Forscher mit der Industrie zusammengearbeitet haben.
Typisches Beispiel lieferte 2015 eine Studie, die US-Forscher zu einer Anti-Aging-Halscreme durchgeführt und im „Journal of Drugs in Dermatology“ veröffentlicht hatten. Getestet wurde an 85 Frauen zwischen 35 und 65 Jahren, die sich damit drei Monate lang zweimal pro Tag eingecremt haben. 94 Prozent gaben an, dass ihr Hals nach der Testphase frischer aussah. Aber: Für eine Studie ist es nicht nur unseriös, sich auf subjektive Aussagen zu stützen. Hinzu kommt, dass der Erstautor gleichzeitig Vizepräsident eines Kosmetikkonzerns ist, das eine Anti-Aging-Halscreme in ähnlicher Zusammensetzung im Portfolio hat.
Das heisst jetzt nicht, dass in der Forschung überall gemogelt wird oder Wissenschaftler verschleiern, wenn sie Verträge mit Unternehmen haben. Viele arbeiten völlig unabhängig und sitzen in Gremien, die die Industrie überwachen wie beispielsweise die Kosmetikkommission des „Bundesinstituts für Risikobewertung“ oder die „Europäische Kommission“, die den Markt der Inhaltsstoffe überwacht.

Wirksamkeitsnachweis für Inhaltsstoffe

Nahezu täglich werden neue Stoffe entdeckt, die der Hautalterung entgegen wirken sollen. Wenn wir von Kosmetik und Hautalterung sprechen, sind immer extrinsische Einflüsse gemeint wie Umweltfaktoren, UV-Licht, Rauchen, etc. Der intrinsische Prozess, der bestimmt, wann und wie schnell die Haut natürlicherweise altert, ist genetisch bedingt und lässt sich nicht beeinflussen. Auch bei den sogenannten Anti-Aging-Wirkstoffen ist die Studienlage eher gering. Es gibt nur eine Handvoll, die tatsächlich über eine Datenbasis verfügt.
Die Gesellschaft für Dermopharmazie hat eine Leitlinie „Dermokosmetika gegen Hautalterung“ aufgestellt. Als höchster Wirksamkeitsnachweis gelten demnach placebokontrollierte Doppelblindstudien. Placebokontrolliert bedeutet, dass ein Teil der Testpersonen ein Scheinprodukt (Placebo) erhält, die andere Gruppe die zu prüfende Substanz (Verum). Bei einer Doppelblind-Studie wissen weder der Proband noch der Studienleiter, wer welche Prüfsubstanz bekommen hat. Bei placebokontrollierten In-vivo-Studien wird häufig nur eine Gesichtshälfte mit dem Verum behandelt, die andere dient als Kontrolle.
Solch strenge Untersuchungen liegen bislang nur für Vitamin A und seine Derivate, Vitamin C, bestimmte Peptide, Salicyloyl-Phytosphingosin, niedermolekulare Hyaluronsäure, Nicotinamid und α-Liponsäure vor. Letztere, so heißt es in der Leitlinie, sei nicht mehr zu empfehlen, weil es sich Fallberichten zufolge um ein potentes Kontaktallergen handelt.

Vitamin A (Retinol)

Gerade in den letzten Jahren entstand ein wahrer Boom um Retinol als Anti-Aging-Wirkstoff. Dabei kennt man die Substanz seit mehr als hundert Jahren. In den 1970er-Jahren wurde es erstmals in der Kosmetik eingesetzt.
Genau genommen ist Retinol die stärkste Form von Vitamin A, wichtig für das Wachstum der Hautzellen. In der Jugend reicht es aus, wenn man Vitamin A in der Nahrung zu sich zu nimmt (z.B. in Orangen, Karotten, Spinat, Fisch, Eiern, Milchprodukten). Der Körper wandelt das Vitamin selbst in Retinol um. Sobald der Alterungsprozess beginnt oder man verstärkt UV-Strahlen ausgesetzt ist, fehlt es der Haut an Vitamin A. Sie verliert an Elastizität, Falten entstehen. Dann kann man mit Retinol in Cremes oder Seren nachhelfen.

Über Retinol gibt es so viel zu sagen

Neben reinem Retinol werden auch Retinylpalmitat, Retinylacetat und Retinaldehyd eingesetzt. Tretinoin (all-trans-Retinsäure), die biologisch aktive Form des Vitamin A, darf aufgrund seiner teratogenen Wirkung (fruchtschädigend) nur in bestimmten Arzneimitteln z.B. gegen Akne, nicht aber in Kosmetika eingesetzt werden. In vielen Studien ist die Wirksamkeit von Vitamin A und seinen Derivaten unter anderem gegen Falten, raue Haut und Lichtschäden belegt. Retinol steigert die Zellteilungsrate, kurbelt die Synthese der kollagenen und elastischen Fasern an.
Schon eine Retinol-Konzentration von 0,01 Prozent kann das Hautbild verbessern. Reines Retinol wird in der EU meist mit Höchstkonzentrationen bis zu 1 Prozent eingesetzt (und nicht bis 0,3 Prozent, wie oft in Apotheken behauptet wird). Dabei gilt: je geringer die Konzentration, desto weniger Hautreizung.
Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass unverständlicherweise viele Hersteller nicht ausweisen, wie viel von dem Wirkstoff denn nun genau in ihrem Produkt enthalten ist. Gerne wird der Verbraucher dann mit „hochprozentig“ abgespeist. Selbst Apotheken-Produkte weisen den exakten Retinol-Inhalt nicht immer aus. Wer es dennoch genau wissen will, muss sich die Mühe machen, selbst beim Hersteller anzufragen. Lohnt sich aber!
Bakuchiol ist als verträglichere Alternative zu Retinoiden seit einiger Zeit im Gespräch. Es ist photochemisch stabil und galenisch relativ leicht zu verarbeiten. Von der pflanzlichen Substanz, der in der indischen und chinesischen Medizin unter anderem antiinflammatorische und antioxidative Eigenschaften zugeschrieben werden, gibt es bereits vielversprechende Studien. Eine placebokontrollierte Doppelblindstudie steht allerdings noch aus.

Vitamin C

Vor allem bekannt für seine antioxidative Wirkung, kurbelt Vitamin C ebenfalls die Kollagensynthese an. Wie bei vielen Substanzen kommt es auch hier auf die Formulierung des Pflegeprodukts an, damit der hydrophile Wirkstoff in die Haut penetrieren kann. Maßgebend für die Haltbarkeit ist auch, dass das fragile Vitamin C vor Oxidation durch Luft und Licht geschützt ist. Ansonsten kann es bereits wenige Stunden nach Öffnen des Behälters von Creme oder Serum zur vollständigen Inaktivierung des Wirkstoffs kommen.

Peptide

Hierbei handelt es sich um viele kleine Eiweiße (Proteine), deren Bausteine (Aminosäuren) durch Peptidbindungen verbunden sind. Untersucht für den Einsatz in der Anti-Aging-Kosmetik ist vor allem das Pentapeptid Lysin-Threonin-Threonin-Lysin-Serin (KTTKS), das die Kollagen-Synthese in der Haut anregt. Und pal-KTTKS (Palmitoylpentapeptid-4) gekoppelt an Palmitinsäure erhöht die Fettlöslichkeit von Substanzen und verbessert somit die Penetration in tiefere Schichten. Ein nachweislicher Anti-Aging-Effekt besteht auch für Glycin-Glutaminsäure-Lysin-Glycin (GEKG oder auch Tetrapeptid-21). Laut Wissenschaft erzielt man die besten Anti-Aging-Effekte jedoch nicht mit einer Einzelsubstanz, sondern durch die Kombination mehrerer Peptide. Für andere Peptide fehlen bisher allerdings die Studien.

Sphingosin

Dieser langkettige, ungesättigte Aminoalkohol kommt auf natürliche Weise im Körper vor. Er bildet sozusagen das Rückgrat der Sphingolipide, die durch Amidbindung an eine Fettsäure entstehen. Was Kosmetikinteressierte weitaus geläufiger ist, ist eine Untergruppe der Sphingolipide − die Ceramide. Sie sind für die Barrierefunktion der Haut wichtig. In Kosmetika eingesetzt wird Phytosphingosin, ein Baustein der Sphingolipide, der reichlich in Pflanzen und Pilzen vorhanden ist.
Üblicherweise wird er durch die Fermentation von Hefen gewonnen, weil das mit dem natürlich in der Haut vorkommenden Sphingosin identisch ist und damit der Grundbaustein von Ceramid darstellt. Durch Veresterung mit Salicylsäure entsteht Salicyloyl-Phytosphingosin (SP). Das so veredelte Ceramid ist lipophiler und dringt besser in die Haut ein. SP kann schon in geringen Konzentrationen Lichtschäden wie Falten oder Rauigkeit reduzieren.

Niedermolekulare Hyaluronsäure

Hyaluronsäure ist bekannterweise ein Bindegewebsbestandteil, der sich dadurch auszeichnet, eine große Menge Wasser binden zu können. Außerdem wird er für die Zellteilung gebraucht. Bei Nahrungsergänzungsmitteln mit Hyaluronsäure ist die Wirkung nicht bewiesen, anders in der Kosmetik. Studien belegen, dass Hyaluronsäure wie ein Wasserspeicher wirkt, somit Falten aufpolstert, Elastizität und Spannkraft verbessert. Allerdings gilt das nicht für jede Hyaluronsäure. Die Molekülgröße ist entscheidend: Soll das kettenförmige Molekül in die Haut eindringen, muss Hyaluronsäure fragmentiert werden. Relativ kleine Fragmente (50 und 130 kDa) wirken besser bei Falten und rauer Haut als größere Hyaluronsäure-Bruchstücke.

Nicotinamid

Auf der Deklaration von Anti-Aging-Pflege findet man es meist als Niacinamid, Niacin oder Vitamin B3. Das stiftet häufig Verwirrung. Zur Orientierung: Niacin lautet der Sammelbegriff für die zwei Pyridinderivate Nicotinsäure und Nicotinamid. Im Organismus sind sie in Form der Coenzyme Nicotinamid-Adenin-Dinucleotid (NAD+) und Nicotinamid-Adenin-Dinucleotid-Phosphat (NADP+) von Bedeutung. Insofern ist Nicotinamid (oft auch Niacinamid bezeichnet) als Bestandteil von NAD und NADP an vielen biochemischen Reaktionen beteiligt. Es wirkt gegen Falten, raue Haut und Hyperpigmentierungen. Man vermutet auch, dass Nicotinamid die mit dem Alter abnehmende Synthese von Ceramiden anregt.

Anwärter für die It-Liste − Wirklich wirkende Wirkstoffe?

Wirksamkeitsnachweise, aber keine placebokontrollierten Studien existieren für einige weitere Substanzen, die in Kosmetika verwendet werden: Vitamin E wird entweder als freies Tocopherol, Tocotrienol und Vitamin-E-Acetat eingesetzt, Phytohormone und Dimethylaminoethanol (DMAE) als Faltenglätter und gegen Hautverfärbungen. Bislang nur mit In-vitro-Studien belegt ist die Wirksamkeit von Ubichinon-10 (Coenzym Q 10), Dexpanthenol, Resveratrol, Bioflavonoide und Phytosterole, die ebenfalls als Anti-Aging-Wirkstoffe in Hautcremes beworben werden.
Als Fazit muss man sagen, dass die Forschung noch kein Wundermittel gefunden, das den Alterungsprozess komplett aufhalten kann. Und das wird es wohl auch nie gaben. Fakt jedoch ist, dass unsere Zellen weniger schnell altern, wenn wir sie in ihrer Funktionsweise unterstützen. Deshalb lohnt es sich auf Wirkstoffe in der Pflege zu achten, deren positiver Effekt nachgewiesen ist.
Mehr von unserer Autorin Margit Rüdiger lesen Sie jeden Freitag hier auf MODEPILOT.de – Ihre bisherigen Kolumnen gibt es hier >>> und mehr auf ihrem Blog Culture & Cream (>>>) Fragen, Wünsche, Feedback? Sie erreichen unsere Kolumnistin unter beautypro[@]modepilot.de
Photo Credit: Catwalkpictures

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