Beauty Pro: Porentief nachgefragt

Geruchsinn trainieren

Kann man seinen Geruchssinn trainieren?  Es stimmt schon, die Fähigkeit gut riechen zu können, ist angeboren. Aber man kann seinen Geruchssinn auch trainieren und deutlich verbessern. Eine Erfahrung, die mich erstaunt hat.
Wir hören, sehen und tasten bewusst, nur der Geruchssinn scheint bei vielen von uns eine geringere Bedeutung zu haben. Wenn ich Sie jetzt frage, welche Gerüche Sie seit heute Morgen bewusst wahrgenommen haben, werden Sie sich allenfalls an extreme Riech-Erlebnisse erinnern. Was Sie alles gesehen haben, läuft dagegen als ein fast lückenloser Film vor Ihrem inneren Auge ab. Eine Art Geruchsfilm gibt es nicht.
Wir riechen zwar ständig, aber wenn wir uns nicht darauf konzentrieren, läuft das Riechen vor allem unterbewusst ab. Welche enorme Bedeutung Riechen in unserem Alltag hat, erkennen wir erst, wenn der Geruchssinn gestört ist oder verlorengeht. Bei einer schweren Erkältung, einer Sinusitis oder nach einer Covid-Erkrankung beispielsweise. Forscher vermuten die Ursache nicht nur bei den von den Viren angegriffenen Riechzellen der Nasenschleimhaut, sondern im Gehirn selbst: Tierversuche haben gezeigt, dass Viren über die Riechzellen und die weiterleitenden Nerven ins Gehirn vordringen, wo sie die neurologische Verarbeitung der Riechimpulse stören.
Geruchssinn trainieren Modepilot
Geruchssinn lässt sich trainieren
Aber auch unter normalen Umständen nimmt die Riechfähigkeit ab circa 60 Jahren ab. Bei den über 80-Jährigen hat jeder Zweite sein Riechvermögen vollständig eingebüßt. Statistisch können fünf Prozent der Menschen überhaupt nichts riechen und 15 Prozent nur eingeschränkt.

Wir riechen bevor wir sehen

Dabei ist Riechen so wichtig. Wir benutzen unseren Geruchssinn, um Warnzeichen wahrzunehmen, etwa bei verdorbenen Lebensmitteln oder ausströmendem Gas. Feuer können wir schon riechen, bevor wir die Flammen überhaupt sehen. Unsere Nase, bzw. das olfaktorische System oberhalb der Augenhöhlen, ist eng verbunden mit dem Hippocampus im Gehirn. Aufgrund dieser anatomischen Nähe von Riechkolben und Emotionszentrum wird jeder Riechreiz mit einem Gefühl oder einer Erinnerung verknüpft.
Wenn wir frisch geschnittenes Gras riechen, erinnern wir uns an die Sommerferien als Kinder auf dem Bauernhof. Nicht zuletzt hat der Geruchssinn auch großen Einfluss auf die Partnerwahl. Jeder kennt den Ausspruch „jemanden riechen oder nicht riechen können“. Wenn wir einen Menschen zum ersten Mal treffen, kann der Geruchssinn uns einen ersten Eindruck verschaffen. Denn die Duftmoleküle, die er absondert, enthalten essentielle Informationen über die Struktur seines Erbgutes. Mag man den gegenseitigen Geruch, „stimmt die Chemie“.
Die Fähigkeit zu Riechen erwacht bereits im Mutterleib. Das ungeborene Kind beginnt damit ab der 28. Schwangerschaftswoche, sobald die dafür zuständigen Nervenbahnen und die Nasenschleimhaut funktionieren. Durch das Fruchtwasser kann der Embryo riechen. Gegen Ende der Schwangerschaft kann das Ungeborene so gut wie alles riechen, was auch die Mutter an Gerüchen wahrnimmt: Essen, Parfüm, Abgase.

Wie funktioniert Riechen eigentlich?

Wodurch erkennen wir, ob der Geruch, der uns in die Nase steigt, von stinkendem Fisch oder einer duftenden Rose verursacht wird? Professor Thomas Hummel, der das „Interdisziplinäre Zentrum für Riechen und Schmecken“ am Uniklinikum Dresden leitet, erklärt es so: „Die durch die Luft schwebenden Moleküle erreichen die Nase und dort das Riech-Epithel. Durch den Riech-Schleim müssen sie teilweise mit Hilfe spezialisierter Transportproteine hindurchgeschleust werden. Dann docken sie an einem Rezeptor-Molekül an, wodurch ein Signal in einem der Riechnerven ausgelöst wird. Das erreicht den Riechkolben, der vorne im Schädel zwischen den Augen sitzt. Dort wird die Information verarbeitet und an das Zentralnervensystem weitergeleitet. Da wird das Signal verknüpft, mit Erinnerungen etwa, Gelerntem, abgeglichen mit anderen Sinneseindrücken, und daraus entsteht dann letztlich etwa die Empfindung ‚Rose‘.“
In der Riechschleimhaut, einem fünf Quadratzentimeter großen Organ am oberen Ende der Nasenhöhle, befinden sich zwischen zehn und 30 Millionen Nervenzellen. Diese erneuern sich in einem Rhythmus von vier bis sechs Wochen und besitzen Rezeptoren für zirka 400 verschiedene Duftstoffe. Gerüche setzen sich oft aus mehreren hundert Molekülen zusammen. Bisher hieß es immer, ein gesunder Mensch könne mehr als 10.000 verschiedene Duftnoten unterscheiden. Inzwischen haben Wissenschaftler ihre Schätzung weit nach oben korrigiert. Bis über eine Billion kann der Geruchssinn des Menschen auseinanderhalten, das hat der Wissenschaftler Andreas Keller von der Rockefeller University in New York in einer Studie belegt (>>>).
Allerdings fällt es dem Laien oft schwer, Gerüche zu beschreiben. Aber das liegt nicht an unseren Nasen, sondern eher am Aufbau des Gehirns und dem fehlenden Vokabular. Da mangelt es uns einfach am Training. Parfümeure lernen, während ihrer Ausbildung im französischen Grasse, beispielsweise circa 1500 natürliche und synthetische Gerüche auswendig. Sie können minimale Unterschiede erkennen und auch benennen, wie die verschiedenen Nuancen von verschiedenen Lavendel-Sorten, die für den Laien alle gleich duften.

Geruchssinn trainieren

„Nach was riecht das denn bloß…“ Auch mir fehlen oft die Worte, wenn ich einen Geruch beschreiben soll. Er ist mir eigentlich vertraut, aber ich kriege ihn einfach nicht zu fassen. Dabei müsste meine Nase schon von Beauty-Berufswegen durch das viele Parfum-Schnuppern besser geschult sein. „Man kann aus Nicht-Riechern Riecher machen, die Sensitivität auf Geruchsstoffe kann sich um das 100.000-fache erhöhen“, erklärt Prof. Hummel, der für seine Klinik ein spezielles Riech-Lernprogramm entwickelt hat.
Ich bestelle mir das Trainingskit nach Prof. Hummel von der Berliner Parfümeurin Marie LeFebvre, die ich aus vielen Interviews kenne und ihre „Urban Scents“-Düfte schätze. Ich bekomme per Post ein blaues Kästchen mit fünf kleinen Fläschchen geschickt, die jeweils 6,5 ml 100 Prozent natürliche aromatische Öle enthalten. Die Duftstoffe, die Hummel zum Training einsetzt, sind Rose (blumig), Eukalyptus (würzig), Gewürznelke (harzig) und Zitrone (fruchtig). LeFebvre hat noch einen fünften hinzugefügt: Birkenharz (rauchig). Jeden Morgen und jeden Abend soll ich nun für einige Minuten auf Schnuppertour gehen. Los geht’s mit dem Fitness-Training für meine Nase.
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Ich trainiere meinen Geruchssinn mit so einem Duft-Set
Ich setze mich entspannt an den Tisch und baue vor mir die fünf Fläschchen auf, dann mische ich sie durch. Erinnert mich irgendwie an das verbotene Hütchenspiel auf der Strasse. Aber ich mogle nicht: Das Etikett drehe ich von mir weg. Ich suche mir ein Fläschchen aus, schüttle es und öffne es vorsichtig. Nach einem tiefen Atemzug, halte ich es unter meine Nase und atme das Aroma circa 20 Sekunden lang ein. Anders als bei einer Weinprobe soll ich den Geruch nicht nur erkennen und zuordnen, sondern wahrnehmen. Das heißt wie eine Art Duft-Memory verbinde ich die gerochenen Düfte mit entsprechenden Bildern. Es heißt, damit prägt sich der Riecheindruck deutlicher ein und lässt sich auch wieder besser abrufen.

Riechen mit Kopfkino

Also schnuppere ich mit geschlossenen Augen. Dieser Geruch ist mir vertraut. Es ist Rose. Mein Kopfkino zeigt mir Bilder aus dem üppigen Rosengarten meiner Mutter und wie ich als Kind vorsichtig daran schnuppere. Während ich so nachdenke, lege ich die notwendige Riechpause von circa einer Minute ein, damit sich meine Nase wieder neutralisieren kann. Ich wähle eine zweite Probe. Riecht nach Zitrone. Mein Gehirn ordnet es unserer Zitronenernte in Italien zu. Beim dritten Fläschchen scheitere ich. Ich kenne den Geruch und mag ihn nicht, mochte ihn noch nie. So viel weiß ich, aber ich kann ihn einfach nicht benennen. Ein Blick aufs Etikett: Es ist das harzige Aroma von Nelke. Den nächsten, Eukalyptus, erkenne ich wieder. Er erinnert mich an den Atem einer Tante, die ständig Eukalyptus-Bonbons lutschte.
Geruchssinn trainieren
Duftset zum Trainieren des Geruchssinns
Bei der fünften und letzten Probe muss ich wiederum passen. Er riecht unangenehm verkohlt und brennt auch leicht an der Schleimhaut. Erkaltetes Kaminholz? Etwas Verbranntes im Ofen? Ich komme einfach nicht darauf, obwohl ich den intensiven Geruch noch lange in der Nase habe. Es ist Birke, besser gesagt das Öl von Birkenharz. Darauf wäre ich nie gekommen. Mit Birke verbinde ich Bilder von zarten lichtgrünen Blättchen im Frühjahr und einem schwarz-weißen Birkenstamm, aber kein verkohltes Holz.

Frischzellenkur fürs Gehirn

Nach zwei Wochen täglichem Training morgens und abends scheint mein Geruchssinn deutlich verfeinert. Ich kann nicht nur die Aroma-Öle in meinem Duftset auf Anhieb er-riechen, sondern auch Alltags-Gerüche leichter identifizieren. Das schwach-süße Aroma im Kräutertee ordne ich korrekt der Süßholzwurzel zu. Der Kaffee-Geruch steigt mir viel intensiver in die Nase. Ich kann kenianischen Arabica mit seiner fruchtigen Note von dem eher schokoladigen, indonesischen Luwac unterscheiden. Das Riech-Training ist offensichtlich eine Art Frischzellenkur fürs Gehirn.
Experten behaupten, neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden geschaffen und der Gehirnstoffwechsel verbessert. Denkprozesse, Konzentration und Leistungsfähigkeit werden angeregt.
Laut Prof. Hummel kommt es zur vermehrten Expression vorhandener Riechrezeptoren oder sogar zur Bildung neuer Rezeptor-Neuronen. Der Geruch von Birkenharz ist mir allerdings noch unsympathischer geworden. Ich rieche ihn noch intensiver als zuvor, er hat sich sicher für immer in mein Riechgedächtnis eingebrannt.
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Photo Credit: Urban Scents, Margit Rüdiger

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