Neues vom Beauty Pro: Porentief nachgefragt

Anti-aging für Haare

Was bislang nur für die Haut von Bedeutung war, gilt jetzt auch für die Haare: dem Alterungsprozess entgegenwirken. Aber bringt das was? Wir haben doch gelernt, dass die Haarpracht, die man sieht, in Wahrheit nur totes Keratin ist. Wie soll man es also jung halten können?!
„Haircare is the new skincare“, heißt der Werbeslogan einer Luxus-Kosmetikmarke. Wenn das Thema „Anti-Aging” in der Pflege zur Sprache kam, wußte bislang jeder: Es geht um die Haut. Das war schon bei Cleopatra und ihrer viel zitierten Eselsmilch der Fall. 1889 entwickelte Margaret Kroesen in Ohio Faltenglättungspflaster, nachdem sie bei ihrer Tochter Alice, einer Konzertpianistin, unschöne Falten auf der Stirn entdeckt hatte. Diese „Frownies“, es gibt sie übrigens heute noch (https://frownies.de/info/Frownies-Geschichte.html), zogen die Haut straff.
Imagine Anti-aging Haare Backstage Modepilot
Imagine: Anti-aging für Haare
Das erste richtige Anti-Aging-Produkt war eine Hormoncreme, die in den Zwanzigerjahren die Pflege revolutionierte. In Deutschland löste die Creme „Hormocenta“ um 1950 mit dem Slogan „verjüngt, verschönt und faltenlos“ einen wahren Hype aus. Er hielt Jahrzehnte an, bis die menschliche Plazenta als Inhaltsstoff verboten wurde. Anders verhielt es sich bei den Haaren. Früher wusch man sie mit Kernseife. Wir kennen inzwischen diverse Shampoos und Spülungen für verschiedene Bedürfnisse. Bestenfalls benutzen wir ab und zu noch eine Maske. Aber das ist auch schon. Wir ärgern uns zwar über die ersten grauen Haare, aber was dahinter steckt, war uns schnuppe. Nicht mehr.

Alt aussehende Haare – Nein, Danke!

Beauty Marketing Trends kommen und gehen. Momentan stehen im Focus spezielle Shampoos, Conditioner und Styling Treatments, die die Anzeichen von Haaralterung behandeln und aufhalten sollen. Und in der Theorie erscheint es sinnvoll. Denn wer will schon „alte Haare” haben? Die Praxis sieht allerdings anders aus. Um die Strategie der Produktentwickler zu hinterfragen, muss man bedenken, dass der Alterungsprozess bei den Haaren völlig anders verläuft als bei der Haut.
Die Haaralterung kann sich in vier Ausprägungen zeigen, z.B. mit Haarausfall. Wobei man zwischen erblichen Komponenten (androgenetisch) und diffusem Verlust (Telefoneffluvium,) z.B. durch Stress, Vitamin-/Mineralstoffmangel und falsche Pflege unterscheidet. Außerdem werden die Haare dünner, grauer, brüchiger. Das alles beginnt in der Haarwurzel.
„Hair Aging geht von der Haarwurzel aus, dort wo das Wachstum stattfindet“, bestätigt „Less is more“-Chemikerin Dr. Doris Brandhuber. „Natürlich gibt es auch Haaralterung, die am bereits gewachsenen Haar stattfindet – durch Sonnenlicht, chemische Behandlungen, durch tägliches Styling.“ Aber das ist ein anderes Thema.

Grau bleibt Grau

Die ersten grauen Haare reißt manche noch aus. Wenn es zu viele werden, überfärben vor allem Frauen sie oder finden sich damit ab und machen einen Statement-Look daraus wie ich (mein Weg dorthin >>>). Es ist zwar eine ärgerliche Alterserscheinung, wenn die Haare grau werden, aber auch normal. So wie die Haut schlaffer wird, weil weniger Kollagen und Elastin gebildet wird, produzieren die Haarzellen weniger von dem Pigment, das den Haaren ihre Farbe verleiht. „Dagegen gibt es keinen Wirkstoff, der das verhindert“, sagt Kosmetik-Chemiker Randy Schueller, der sich auf seinem Block thebeautybrains.com mit Wissenschaftlern hauptsächlich über diese Themen austauscht.
Und weiter sagt er: „Alle Maßnahmen wie Färbemittel, Volumen Styling-Produkte lassen die Haare vorübergehend voller erscheinen, aber sie sind nichts anderes als Kosmetik, kein echtes Treatment, das den Alterungsprozess umkehrt.“ Ganz meine Meinung. Shampoos und andere Pflege, die den äußerlich sichtbaren Haaren zugutekommen, sind „nice to have“ und tun den Haaren auch sicherlich gut. Haarprodukte, die mit "anti-aging" gelabelt sind, mögen besonders feuchtigkeitsspendend sein, somit Haarbruch entgegenwirken und die Haare auch voller erscheinen lassen. Aber sie enthalten nichts, was man nicht auch in normalen Shampoos findet und erreichen ohnehin nicht die Keimzelle der Haarproduktion.
Haben Haare die Kopfhaut einmal ergraut verlassen, kann kein Wirkstoff diesen Prozess auf natürliche Weise umkehren. Um einem Ergrauen der Haare vorzubeugen, könnte man, wenn überhaupt, nur in der Haarwurzel ansetzen. Womit wir beim eigentlichen Thema wären.

Anti-aging für Haare: An der Basis arbeiten

Will man wirklich etwas für die Gesundheit und Schönheit seiner Haare tun, muss man an Haarwurzel und Kopfhaut ansetzen. Schon ab 40 verbringt der Haarfollikel mehr Zeit in der Ruhe- als in der Wachstumsphase. Das hat zur Folge, dass die Haare langsamer wachsen. Atrophieren die Haarfollikel (Haarbalg), die die Haarwurzeln bläschenförmig ummanteln und das Haar in der Haut verankern, wächst es schwächer und dünner nach. Das kann bedeuten, dass das einzelne Haar an Durchmesser verliert oder auch insgesamt die Anzahl abnimmt. Dagegen gibt es Wirkstoffe wie Minoxidil, die direkt auf die Kopfhaut aufgebracht werden müssen.
Auch Augenbrauen und Bart beim Mann können durch Minoxidil voller und kräftiger wachsen. Der Wirkstoff verbessert in erster Linie die Durchblutung der Kopfhaut, wodurch die Haarwurzeln mit mehr Nährstoffen versorgt werden. Er regt die DNA-Synthese der Haarfollikel an und fördert somit das Wachstum der Haare. Aber wie bei jedem Medikament können auch Nebenwirkungen auftreten. Am häufigsten ist ein Jucken auf der Kopfhaut. Da kommt daher, dass in der verwendeten Lösung Alkohol enthalten ist, der austrocknend wirkt. Das wiederum kann zu Schuppen und auch Kopfhaut-Akne führen.
Modepilot graue Haare Anti-aging Haare Sarah Harris
Steht stets zu ihren grauen Haaren: Moderedakteurin Sarah Harris, 2016
in London bei der Fashion Week gesichtet

Wirkstoff mit Nebenwirkung

Keinesfalls darf man Minoxidil überdosieren, da es ursprünglich als Senker gegen hohen Blutdruck eingesetzt wurde. Demzufolge könnte der Blutdruck abfallen. Aber es gibt auch natürliche Wirkstoffe, die den Alterungsprozess der Haarfollikel verzögern sollen. Zum Beispiel Erbsensprossen- oder Basilikum-Extrakt. Sehr häufig findet man auf der INCI-Liste grünes Koffein und Kaffee-Extrakt, um die Aktivität in den Haarwurzeln anzuregen. Auf pflanzlicher Basis biotechnologisch nachgebaute Wachstumsfaktoren oder Stammzellen aus Apfel beispielsweise sollen die Hautstammzellen schützen und den Alterungsprozess der Haarfollikel verzögern. All diese Seren werden ein- bis zweimal pro Tag auf die Kopfhaut gesprüht oder geträufelt und mit den Fingern in kreisenden Bewegungen unter leichtem Druck einmassiert.
Da es wässrige Lösungen sind, fetten sie auch im trockenen Haar nicht. Sollen sie wirken, müssen sie zum ständigen Begleiter werden. Denn setzt man das Produkt ab, ist es mit dem Zauber bald wieder vorbei. „Bedingt durch den Hauterneuerungszyklus hält der Nacheffekt circa vier bis sechs Wochen an“, sagt Dr. Doris Brandhuber. Was ich an mir selbst festgestellt habe bei den beiden Produkten, die ich ausprobiert habe (Less is more „Phytonutrient Caffeine Infusion“ und Doctor Duve „Hair Serum“). Die Kopfhaut ist besser durchfeuchtet und juckt seitdem nicht mehr. Außerdem haben die Haare mehr Stand. Und die Grauen? Die will ich ohnehin behalten!
Photo Credit: Catwalkpictures

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