Neues vom Beauty Pro: Porentief nachgefragt

Wer will schon graue Strähnen? Ich!

Ich, ich, ich, antworte ich heute mit voller Überzeugung. Aber zu dem Entschluss bin ich erst nach langem Ringen mit mir gekommen. Und auch das nicht ganz freiwillig, wie ich zugeben muss. Früher dachte ich immer, graue Haare machen alt. Auch als „Granny Hair“ vor einigen Saisons Trend wurde, konnte ich mich nicht dafür erwärmen. Gut, ein junges Gesicht noch ohne Linien und Makel kann per se nicht alt aussehen. Aber Grau in naturschwarzen Haaren wie den meinen fand ich nur an unserer Großmutter Elsa gut, und die trug wegen ihrer spanischen Abstammung immer eine Blautönung darüber.
Meine ersten, noch vereinzelten Grauen riss ich mir unverzüglich vor dem Badezimmerspiegel aus. Keine Lösung, wie ich bald feststellte. Es kamen neue dazu. Noch schlimmer, die Schläfenkonturen wurden hell und heller. Kaum vom Nachfärben beim Friseur zurück, zeigte sich schon wieder Nachwuchs. Um eine stets perfekte Kontur zu haben, wäre die Schwarz-Arbeit bald alle 14 Tage nötig gewesen.
Margit Rüdiger schwarze Haare graue Haare Kolumne Modepilot
Früher so etwas wie mein Markenzeichen: schwarze Haare und rote Lippen

Das steht dir nicht!

Ich fragte den Friseur meines jahrelangen Vertrauens und längst ein guter Freund, ob ich die grauen Strähnen nicht einfach rauswachsen lassen sollte. Er winkte ab: „Nein, das steht dir nicht!“ Kurzzeitig experimentierten wir mit braunen Strähnen, die aber in meinen dunklen Haaren kaum zur Geltung kamen. Verunsichert und unzufrieden wurde weiter regelmäßig geschwärzt. Bis ich durch eine Bekannte diesen Sommer in München einen Mailänder Friseur kennenlernte.
Armano schnitt mir die Haare und fragte dabei eher beiläufig, ob ich schon mal darüber nachgedacht hätte, die Grausträhnen rauswachsen zu lassen. Als hätte er meine Gedanken gelesen. Er meinte, das einfarbige Schwarz würde doch sehr hart und helmartig, um nicht zu sagen leblos aussehen. Wir vereinbarten für meinen nächsten Italien-Trip einen Termin in seinem Mailänder Salon. Das war mir ganz Recht, weil es mir noch eine Galgenfrist verschaffte. Ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit diskutierte ich das Thema „Aus Schwarz wird Grau“ auch nicht mit Freundinnen, um mich nicht noch weiter verunsichern zu lassen. Dafür sorgte ich schon selbst, denn immer wieder tauchte in meinem Kopf der Satz meines Friseur-Freundes auf: „Das steht dir nicht!“

Milano is calling

Armano hatte mir noch mit auf den Weg gegeben, dass das Grau mindestens fünf Zentimeter rausgewachsen sein müsse, bevor er mit Farbe aktiv werden könne. Mitte September war es so weit. Ich dachte, jetzt oder nie, und schickte ihm ein paar aktuelle Fotos per Whatsapp. Er gab grünes Licht. Wir vereinbarten einen Termin für Samstag, den 14.9., um 11 Uhr, in seinem Salon in der Via Senato. Ich nahm den Zug vom Lago Maggiore, meinem zweiten Zuhause, um acht Uhr morgens. In Mailand angekommen reichte es noch für einen Espresso und ein Brioche in einem Café um die Ecke. Als ich dann auf Armanos Stuhl sass, war mir schon etwas mulmig zumute.
Wie würde ich mit der Veränderung aussehen? Meine schwarzen Haare und roter Lippenstift waren schließlich jahrelang so etwas wie mein Markenzeichen geworden. Und wie beim Zahnarztbesuch die Zahnschmerzen wie weggeblasen sind, fand ich gerade an diesem Tag meine Haare so wie sie waren besonders gut. Aber kneifen wollte ich jetzt auch nicht. Der Friseur besprach mit mir die Vorgehensweise. „Um die grauen Strähnen, vor allem an den Schläfen, harmonisch an den Rest anzugleichen, kommen wir um eine Blondierung nicht herum“, erklärte Armano. Mit diesem Bleaching werden alle Farbpigmente aus dem Haar gezogen. Es bildet die optimale Basis für nachfolgende Farben, vor allem bei hellen Grau-Nuancen. Die Prozedur beansprucht die Haare jedoch stark, und wer Probleme mit Spliss hat, sollte sich die Behandlung genau überlegen. Da war ich mal wieder froh, dass meine Haare gesund und üppig sind.
 

Es wird ernst

Armano teilt meine Haare in Passées und streicht auf Alufolie die Strähnen mit der Blondierung ein. Im Spiegel sehe ich einen Wust aus schwarzen Haaren und Silberfolie auf meinem Kopf. Gesamteindruck: immer noch schwarz. Ich sitze und sitze und sitze auf meinem Platz, lese, trinke mehrere Espressi und schaue mir die Fotos an der gegenüberliegenden Wand an. Lauter Celebrities, teilweise mit Widmung. Bin wohl bei einem italienischen Promi-Friseur gelandet. Aber zum Glück ist der Maestro ein sehr sympathischer, angenehm normaler Zeitgenosse. Immer wieder öffnet er einige Folien, um nach dem Fortschritt der Blondierung zu sehen. Und schüttelt den Kopf. Noch nicht so weit, bedeutet sein Gesichtsausdruck.
Je dunkler die Haarfarbe, desto schwieriger ist es, dass die Strähnen nicht zu gelbstichig werden. „Und schwarze Haare nehmen gern einen Rotstich an, den wir auch nicht wollen“, erklärt der Experte. Also warte ich weiter. Beim nächsten Foliencheck, es ist inzwischen nach drei Uhr nachmittags, erinnere ich Armano, dass ich in einer guten Stunde zum Bahnhof muss, um meinen Zug nicht zu verpassen. Und tatsächlich. Endlich nickt er zufrieden mit der Bleachingstufe und nimmt über dem Waschbecken alle Folien heraus. Die Blondierung wird ausgewaschen, die Haare mit Pflege versorgt.

Graue Strähnen: ein gravierender Fehler?

Zurück an meinem Frisierplatz sehe ich mich zum ersten Mal im Spiegel. OMG! Die blondierten Strähnen hängen wie blasse Spaghetti in meinen Haaren. Ein merkwürdiger Anblick. Armanos Begeisterung über das Ergebnis kann ich momentan noch nicht teilen. Nach dem Schneiden wird geföhnt. Möglichst natürlich, bitte. Nichts Gestyltes. Im trockenen Zustand mischen sich die „Spaghetti“ zwar harmonisch unter den Rest, doch insgesamt erscheinen mir die Haare viel heller als ich es erwartet hatte. Aber keine Zeit, jetzt darüber nachzudenken, ich muss zum Zug. Als ich in meinem Abteil sitze, wird es draußen schon allmählich dunkel. Ich sehe mein Spiegelbild in den Fenstern und bin mir völlig fremd. Zugegeben, Schnitt und Farbe sind wirklich toll, aber bin ich das? Großes Fragezeichen. Meine rotgeschminkten Lippen finde ich neuerdings zu aufdringlich, mein Outfit zu farbintensiv.
Als dann eine Mitreisende bewundernd auf meine Haare zeigt, mich nach dem Friseur fragt und die Farbe mit „come un tigre“ kommentiert, gibt mir das den Rest. Ich liebe Animalprints, aber wer will schon kopfmäßig wie ein Tiger aussehen?! Am Bahnhof angekommen, steige ich in mein Auto und fahre in einen kleinen Modeladen um die Ecke, der abends lange geöffnet hat. Ein Hoch auf die italienischen Ladenschlusszeiten! Ich frage die nette Verkäuferin nach einem dunklen Oberteil, bloß nichts Gemustertes. Sie bringt mir eine ziemlich coole schwarze Strickjacke, die ich auch sofort anbehalte, den roten Lippenstift wische ich ab. Mein Kopf kommt mir bunt genug vor.
 

Um Jahre jünger

Zurück in München bekomme ich fast ausschließlich positive Kommentare – von „die hellen Haare sehen viel freundlicher aus“, „tolle Farbe“, „besser als das harte Schwarz“ bis hin zu „Du wirkst um Jahre jünger“. Ich selbst brauche Wochen, um mich an den neuen Look zu gewöhnen, trage anfangs nur dunkle Kleidungsstücke, ändere mein Make-up, vor allem den Lippenstift. Statt meinem geliebten Tilbury-Orangerot fühle ich mich mit Rosenholz bis Violett wohler. Meine Haare brauchen mehr Pflege als zuvor. Das Aufhellen hat sie schon stark beansprucht. Regelmäßig wende ich Haarmasken an, um sie mit Feuchtigkeit zu versorgen und Haarbruch zu vermeiden. Silbershampoos mindern den Gelbstich.
Einen Vorteil hat die neue „Rauigkeit“ meiner vielen und damit schweren Haare. Sie besitzen ein enormes Volumen und fetten nie nach. Das Trockenshampoo hat erstmal Pause. Nun bin ich gespannt, wie es aussieht, wenn meine echten grauen Haare ganz herausgewachsen sind und ich anstatt wie vorher Schwarz mit Grau, Grau mit Schwarz trage. Salz und Pfeffer, sagt meine Freundin Barbara dazu. Keep you postet!
Photo Credit: up_n_co

Kommentare

  • Andrea P. sagt:

    Hach, Armano, wenn es bei mir so weit ist, komme ich nach Milano. Fantasticooooo
    • Margit Rüdiger sagt:

      Kann ich dir nur empfehlen. Ohne Armano wäre ich wahrscheinlich nicht so mutig gewewen. Lg Margit