Kann Massenware mit Designermode mithalten?
Kathrin Bierling

Kann Massenware mit Designermode mithalten?

Ich bin bekennender Materialfetischist. Für mich liegt der Unterschied zwischen High Fashion und Massenware in Stoffen und der Verarbeitung. Kleider von detailverliebten und perfektions-fanatischen Designern sind mein ewiges "Must-Have". Aus gutem Grund: Einmal in ein Kleid von Roland Mouret geschlüpft und man weiß: Lauter Zara-Anschaffungen kann man sich sparen – zugunsten des "real thing". Oder?

Mein Selbstversuch mit H&M

HM Jacquardkleid Dunkelblau Modepilot Sale
Dunkelblaues Jacquard-Kleid aus 75 Prozent Baumwolle

Heute kam eine H&M-Lieferung zu mir nach Hause, versandkostenfrei. Darin ein reduziertes Jacquard-Kleid in Dunkelblau. 19,99 Euro. Das gibt es noch in allen Größen: 32 bis 46. Ich zog das Kleid an und suchte gleich beim Anziehen nach Fehlern. In meinem Kopf hatte ich das Vorurteil: Es kann einfach nicht gut sein! Aber es sitzt. Zunächst einmal. Ich bin begeistert: Der Stoff, der Schnitt, die Verarbeitung ist nicht zu beanstanden. Hinten verschließt man das Kleid mit einem Steg (drei Häkchen) und einem Reißverschluss. Die drei Häkchen muss man allerdings vorab verschließen, denn ist das Kleid erst einmal übergestreift, besteht keine Chance, die Häkchen selbst zu verschließen. Und ich bin gelenkig! Man fragt sich, was die Häkchen da überhaupt sollen. Anders als bei vielen Billigkleidern sitzt die Taille auch bei meinen 1,75 m ungefähr dort, wo sie sitzen sollte. Ich schicke sicherheitshalber Fotos an meine Modejournalismus-Freundinnen und schreibe dazu: „Ratet mal…“

HM Jacquardkleid dunkelblau Sale Modepilot
Ungläubiger Blick: das 20-Euro-Kleid von H&M sitzt.

Isa ganz trocken via WhatsApp: „Es gibt ja bei Zara & Co. immer mal so Knallerteile. Das ist offenbar so eines.“ Glamours stellv. Chefredakteurin Julia Werner auch via WhatsApp: „Schön ist das, von wem? Ich komm nicht drauf!… Hammer!“

Klar, das mag ein Glückstreffer sein. Aber man fragt sich schon, wie ein Designer angesichts dieser Konkurrenz überleben soll. Stoffe, Schnitte, aufwendige Verarbeitung – das kann man heute in der Massenanfertigung günstig anbieten: Nicht zuletzt, weil es durch die hohe Stückzahl besser skaliert.

Das H&M-Kleid in der Qualitätskontrolle

Bei knapp 20 Euro sollte man eigentlich nicht meckern. Nur 20 Euro, die ungetragen im Schrank hängen bleiben, entsprechen nun mal einer Pasta, einer Rhabarberssaftschorle, einem Espresso und einem großen Eis bei mir unten im italienischen Restaurant. Drum darf ich die Wermutstropfen bei dem vermeintlichen Schnäppchen hier einmal auflisten:

1) Ich weiß nicht, wo die Baumwolle herkommt (das Kleid gehört nicht zur H&M Conscious Collection, ist dafür aber ein „Online Exclusive“) und ich weiß auch nicht, wer es gefertigt hat. An der Stelle muss man sagen: Die wenigsten Marken, auch nicht die Luxuslabels, gestalten ihre Produktionskette transparent. Mit bestem Gewissen kann man nur bei Marken kaufen, die eine komplette Transparenz bieten wie beispielsweise Hessnatur oder Honest by von Designer Bruno Pieters.

2) Die Farbvarianz, wie auf dem Produktfoto (ganz oben), entspricht nicht der Realität.

3) Das Material des Unterkleids/des Futterstoffes besteht aus 100 Prozent Polyester.

4) Während ich diesen Text hier schreibe, stülpt sich die schmale Stoffbahn des Oberteils, die ihr auf den Fotos auf Taillenhöhe seht, nach oben. Sie ragt etwas über den Rockteil und soll die Taillennaht verdecken, was an sich eine gute Idee ist. Nur leider dreht sich diese Abdeckung auch beim Herumlaufen von alleine auf links. Dann sieht man auch den weniger schönen Polyester-Futterstoff dahinter – nicht gut!

5) Passform. Kann sein, dass mir das Kleid in Größe 34 einen Ticken zu klein ist (deshalb stülpt sich die Taillennaht-Abdeckung hoch), aber in Größe in 36 ist es mir zu weit: An der Taille und am Oberkörper steht es dann wie ein Fremdkörper ab.

Mein Fazit zum H&M-Kleid

Ne, da schlüpfe ich doch lieber wieder in meine Kleider von Dior, Talbot Runhof, Roland Mouret oder Hessnatur. In denen kann ich mich bewegen, habe eine gute Taille und ein gutes Gewissen.

Talbot Runhof Modepilot 2016
Hier trage ich ein Kleid von Talbot Runhof und Schuhe von Aquazzura

Photo Credit: Modepilot, H&M

Modepilot
Modepilot ist Deutschlands erster Modeblog. Mit seiner Gründung in 2007 war und ist er Vorreiter der unabhängigen Mode-Berichterstattung. Noch heute wird die Seite leidenschaftlich von Mitgründerin Kathrin Bierling geführt. Sie ist eine ausgebildete und erfahrene Journalistin, die zunächst bei der Financial Times lernte und arbeitete und dann einige Jahre bei der WirtschaftsWoche beschäftigt war, bevor sie die Seiten Harpersbazaar.de, Elle.de und InStyle.de verantwortete. An Modepilot liebt sie, dass sie die Seite immer wieder neu erfinden muss, um am Puls der Zeit zu bleiben. Worin sie und ihre Autoren sich stets treu bleiben: Den Leser ernst nehmen, nicht sich selbst.

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