Die Anti-It-Bags

Es gibt Taschen, deren Feuer ein wenig zu heiß brennt. Sie sind so angesagt und verbreiten sich dermaßen rasant, dass man sie nach einer Saison schon wieder satt hat: Die Rede ist von It-Bags, also temporär angesagten Must-Haves. Ein kurzer Flirt, aufregend. Aber nichts Ernstes eben.

Eine Designerhandtasche ist eine Investition für’s Leben? Diese schon.

Und dann gibt es Taschen, die könnten uns eigentlich ein Leben lang begleiten: zeitloses Design, hochwertige Qualität. Im besten Fall überdauern diese Handtaschen-Klassiker Generationen. Dazu zählen die großen Ikonen wie die Kelly und Birkin Bag von Hermès, sowie die 2.55 von Chanel. Sie sind Legenden, Kultobjekt und natürlich auch ein Statussymbol. Das Logo ist kaum sichtbar, bei Hermès sogar unter den Verschluss-Schnallen versteckt. Trotzdem würde sie fast jede Frau auf der Welt erkennen. Und genau das möchten viele Luxuskunden heute nicht mehr.

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Die Chanel 2.55. Benannt nach Monat und Jahr ihrer Entstehung. 180 einzelne Schritte werden vom Schnittmuster bis zur fertigen Tasche benötigt. Mindestens 5 Jahre Arbeitserfahrung bei Chanel sind Voraussetzung, um an der Produktion der Chanel 2.55 beteiligt sein zu dürfen.

 

Diskreter Luxus ist das neue Nonplusultra – je unbekannter, desto besser. Die wichtigsten Kriterien: kein sichtbares Logo, konsequentes Design und Handarbeit statt Industrieproduktion. Nur Materialfetischisten erkennten den Wert. Warum das so ist und wieso genau diese Taschen gerade jetzt ein Hoch erleben, habe ich für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aufgeschrieben („No Logo“, S.20).

Welche Handtaschen und Labels diesem Zeitgeist entsprechen, stelle ich euch passend dazu hier vor:

Delvaux

Die belgische Ledermanufaktur wurde schon 1829 von Charles Delvaux gegründet und gilt damit als älteste der Welt – und ist erstaunlich unbekannt. Bis heute wird jede Tasche von Hand gefertigt, „Le Brillant“ – die Kulttasche des Hauses seit dem Jahre 1958, besteht aus 64 verschiedenen Lederstücken.

www.delvaux.com

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„Le Brillant“, entworfen in 1958

Stiebich & Rieth

Hinter dem Label verbergen sich Detlef Stiebich  und Julia Rieth, die vor drei Jahren, nach Designer-Jobs bei bekannten Marken, ihre Vision der perfekten Handtasche verwirklichten. Sie setzen auf deutsche Handarbeit und eine komplizierte Technik: den Sattlerstich, wie man ihn von Hermès kennt. Beim Sattlerstich wird mit zwei Nadeln gearbeitet.  Beide Enden des Fadens müssen jeweils durch eine Öse der Nadeln. Die eine Nadel wird von unten, die zweite Nadel von oben durch dasselbe Loch gestochen. Durch die gegenseitig versetzten Nähte ist der Stich extrem robust. Scheuert jetzt an einer Stelle ein Nähfaden durch, ist noch der Gegenfaden da, der die Naht auch alleine zusammenhalten kann.

www.stiebich-rieth.com

„La petite“ in Fuchsia
Die Mini-bag für den Abend: das Modell „Kit“
Das Modell „Hunter“

PB0110

Philip Bree ist in der Modewelt mittlerweile kein Geheimtipp mehr. Kein Wunder: Sein Handwerk wurde ihm schlichtweg in die Wiege gelegt. Mit 16 das erste Praktikum, mit 24 wurde er gemeinsam mit seinem Bruder Geschäftsführer des bekannten Familienunternehmens Bree, nachdem sein Vater unerwartet an einem Herzinfarkt starb. 2012 nahm er seinen Hut und gründete sein eigenes Taschenlabel, im Einvernehmen mit dem Bruder. Kein einfacher Weg. Mein Lieblingszitat über seine Neufindung stammt aus einem Interview mit dem Tagesspiegel. Da sagt er, dass er manchmal zu Hörer griff, um einen Mitarbeiter um Rat zu fragen. Dann fiel ihm ein: „Oh. Ich habe keine Abteilung, ich bin allein.“ Viele der geradlinigen PB0110-Modelle werden von der Münchner Designer Ayzit Bostan designt: „Kein Fashion-Wahnsinn, sondern Lieblingstaschen“, so beschrieb sie mir das Projekt einmal. Warum ich noch keine habe? Ich kann mich einfach für kein Modell entscheiden.

www.pb0110.de

Want Les Essentiels de la Vie

Für die Herren gibt es natürlich auch etwas! Die Lederwaren der Zwillinge Dexter and Byron Peart aus Montréal werden in weltweit führenden Boutiquen verkauft (Barneys, Bergdorf Godman, Colette). Die Idee? Funktionalität und Schönheit müssen sich nicht ausschließen.

www.wantlesessentiels.de

Steve Mono

Das spanische Label habe ich durch meine Freundin Sarah (Das Münchner Kindl) entdeckt, die meine Vorliebe für zeitlose Taschen kennt.  Eigentlich hat Designer Gonzalo Fonseca nur Herrentaschen entworfen. Weil die so gut ankamen, hat er seine Kollektion vergrößert. Eine gute Entscheidung.

www.stevemono.de

Valextra

Die Taschen aus der Mailänder Ledermanufaktur Valextra sind für mich der Inbegriff der Perfektion. Schnörkellos, mit Liebe zum Detail und  ganz ohne sichtbares Logo. Nur Eingeweihte erkennen, welches Schmuckstück man da spazieren trägt. So eine Tasche kauft man sich nicht jede Saison, sondern einmal im Leben.

www..valextra.com

Mansur Gavriel

Natürlich dürfen die Taschen von Mansur Gavriel in dieser Auswahl nicht fehlen: Das junge Label ist mit dem Hermès-Code des leisen Luxus in einem „günstigeren“ Preissegment sehr erfolgreich.  Wir haben schon ausführlich über die begehrten und ebenso schönen Beuteltaschen berichtet (Don’t believe the hype).

www.mansugavriel.com

 

 

 

 

Photo By: PR
7 Kommentare zu
“Die Anti-It-Bags”
  • Der Artikel ist interessant und gelungen … ich glaube aber nicht daran, dass teure Taschen ohne Label die anderen irgendwann überholen. Der ganze Luxusmarkt lebt schon seit immer davon, dass man das Produkt an einer Marke festmachen kann. Egal, ob es um Autos, um Schmuck oder um Handtaschen geht. Und das wird sich nie grundlegend ändern. Aber selbstverständlich werden in Zukunft wertige Dinge, die heute absolute Nischen besetzen, von mehr Menschen gekauft werden. Mir ist eine gute Tasche von Gucci, an der einfach alles Schwarz ist, viel lieber, als eine der so genannten nicht IT-Label-Hersteller. Das liegt daran, dass die großen Marken das Handwerk auch hoch leben lassen … und man greift da auf gute Erfahrungen zurück … finde ich … aber, wer weiß 😉

    • Liebe Eva,

      da sind wir uns einig. Die It-Bag Klientel wird es immer geben und ich bin da selbst auch leider nicht drüber erhaben. Aber der Bedarf für einen anderen, leisen Luxus nimmt zu – wie du es ja auch beschreibst. Manche Leute kaufen sich einen Wiesmann, mögen es eben plakativer. Und das ist ja irgendwie gut so.

      Liebe Grüße!

    • Hat Kathrin auch gesagt und da habt ihr natürlich recht. Die anderen gefallen mir aber besser 😛

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