"Ethisch korrekter Luxus ist fĂŒr mich der einzig wahre"

 Der Lebenslauf von Guya Merkle kann einem ganz schön Respekt einflĂ¶ĂŸen – mit nur 21 Jahren wurde sie GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Schweizer Haute Joaillerie-Unternehmens Vieri und keine zehn Jahre spĂ€ter ist sie auf dem besten Weg, die Schmuck-Industrie umzukrempeln. Geplant war das allerdings nicht.

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Du wurdest mit 21 plötzlich GeschĂ€ftsfĂŒhrerin von einem sehr traditionellen Unternehmen. Das klingt nach einem Alptraum?
Ja, das war es. Mein Vater verstarb sehr unerwartet und es gab im Prinzip keine andere Möglichkeit, da ich die einzige Tochter war. Ich bin mit dem Unternehmen groß geworden, aber habe mich natĂŒrlich nicht so intensiv damit beschĂ€ftigt. Anfangs habe ich gehadert und war ĂŒberfordert, auch mit dem persönlichen Verlust.
Du warst gerade mitten im Studium.
Genau, ich studierte Kommunikation und Management mit Fokus auf Entrepreneurship. Ich wollte schon immer in die soziale Richtung gehen und etwas Sinnstiftendes tun. Parallel habe ich damals bei einem Start-up in Berlin gearbeitet, BetterPlace.org, eine Art Spendenplattform. Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Es war klar, dass ich dort weiter arbeiten möchte, aber dann wurden die PlĂ€ne zerstreut.
Wie geht man an so eine Aufgabe heran?
Learning by doing. Ich unterrichte an UniversitĂ€ten und werde immer gefragt: Wie wird man erfolgreich? DafĂŒr gibt es keine Formel. Ich habe nicht darĂŒber nachgedacht und einfach gemacht. Mein Vater ist so plötzlich gestorben, ich hatte keine Zeit hineinzuwachsen.
Da wir ein Familienunternehmen sind, kannten mich die Mitarbeiter natĂŒrlich seit ich klein war. Sie haben mich extrem aufgefangen. Es gab fĂŒr mich viel zu lernen und es gab natĂŒrlich auch FehlschlĂ€ge – und das zahlreich. Aber dann rappelt man sich eben wieder auf. Ich bin extrem stolz darauf, was mein Vater geschaffen hat, wollte alles richtig machen und in seinem Sinne handeln. Aber ich musste erkennen, dass das die Ära meines Vaters war und ich ganz anders bin. Manchmal spielt das Leben eben nach eigenen Regeln: Die langjĂ€hrigen Mitarbeiter gingen in Rente, der Mietvertrag fĂŒr den Juwelier-Laden lief aus. Das war ein Scheidepunkt, an dem ich mich fragen musste: Mache ich so weiter oder finde ich meinen eigenen Weg?
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Die "Lily"-Kollektion ist von dem Familien-Wappen (eine Lilie) inspiriert und eine Hommage an ihren Vater: "
Das Unternehmen wurde 1939 von Rudolf Merkle, dem Großvater von Guya in Pforzheim gegrĂŒndet und gemeinsam mit seiner italienischen Frau Eva Gaietta de la Serra produzierten sie Schmuck und verkauften ihn an HĂ€ndler. Eddy Vieri Merkle, der Vater von Guya, baute das Unternehmen weiter aus, zu seinen Kunden zĂ€hlten Wempe, Bucherer und Boucheron und er verlegte einen Teil der Produktion nach Italien, wo der Schmuck auch heute noch hergestellt wird. 1993 eröffnete Eddy Merkle gemeinsam mit Fawaz Gruosi und Lala Vadoni einen Juwelier in Genf: De Grisogono ist heute weltberĂŒhmt. Ende der 90er Jahre verlegte er die Firma in die Schweiz und benannte Rudolf Merkle in Vieri Haute Joaillerie. 2007 ĂŒbernahm Guya. Sie beendete die Belieferung anderer Branchenunternehmen, um sich ausschließlich auf die Eigenmarke  zu konzentrieren.
Und wie hast Du ihn dann gefunden?
Ich ging zum Gemological Institute of America . Das ist die Schmiede fĂŒr Schmuck- und Steinlehre. Die Seminare sind nicht wie ein klassisches Studium aufgebaut und so konnte ich in einem halben Jahr alle Kurse hintereinander absolvieren. Dort lernt man alles ĂŒber die Beschaffenheit von Schmuck, Technik, Zeichenprogramme, aber auch Grundlegendes darĂŒber, wie man ĂŒberhaupt eine Schmuck-Boutique fĂŒhrt, wie Schmuck produziert wird und wo die Materialien herkommen. Ich war natĂŒrlich durch meine Arbeit bei BetterPlace.org sensibilisiert und habe auf manche Fragen keine Antwort gefunden. Ich erfuhr, dass Quecksilber benutzt wird und die Herstellung hauptsĂ€chlich in Lateinamerika und Afrika stattfindet. Da kann man sich ja die Bedingungen schon ausmalen. Bei meiner Recherche musste ich feststellen, dass es im Prinzip keine Informationen darĂŒber gibt.
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Kette aus der "Clouds Collection", der Kern-Kollektion von Vieri
Also musstest du selbst losziehen?
Und das war fĂŒr mich wirklich eine Überwindung, denn ich leide unter Flugangst. Also habe ich einen Crash Kurs gegen Flugangst gemacht – der absolut nicht geholfen hat. Schweißgebadet und mit meinem Rollköfferchen bin ich in Peru angekommen. Dort hat mich ein ehemaliger Minenarbeiter empfangen. Dann fuhr ich zehn Stunden mit dem Bus in ein Dorf, von dort weitere 15 Stunden, um auf 2000 Meter Höhe zu den Minen zu gelangen. Ich war noch nie so schlecht vorbereitet auf einen Trip. Plötzlich stand ich mitten in diesem Slum, vor mir Kinderarbeit, Krankheiten und in der Luft der Geruch von Quecksilber.
In Uganda sind die Menschen barfuß in der Mine unterwegs. Die Minen kollabieren regelmĂ€ĂŸig, weil sie durch das Grundwasser nicht stabil sind. Manchmal sind auch Kinder drin. Das war nicht mit meinen Lebens-Prinzipien vereinbar. Luxus gehört zu unserem Leben, WĂŒnsche und TrĂ€ume sind essentiell. Aber ethisch korrekter Luxus ist fĂŒr mich der einzig wahre.
Ich will das nicht dramatisch darstellen, aber die Bedingungen sind einfach schlecht und haben mich schockiert. Besonders weil Gold so ein luxuriöses, glorifiziertes Produkt ist und man bei einem SchmuckstĂŒck fĂŒr 20.000 Euro nicht solche Herstellungsbedingungen erwartet.
Dann wolltest Du mit der Industrie nichts mehr zu tun haben?
Die Menschen dort sind stolz auf ihre Arbeit. GoldschĂŒrfen ist ein sehr traditionelles Handwerk, das ĂŒber Generationen weiter gegeben wird. Ich kann kein Spanisch, aber sie haben wirklich mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen ihre Lage erklĂ€rt. Sie sagten mir im Prinzip: Geh' zurĂŒck und sag' das den Menschen. In diesem Moment wurde mir klar: Das ist die Chance – fĂŒr mein persönliches Unternehmen, wie auch den Menschen. Ich kann ein  Sprachrohr zu sein.
Wie wird Gold denn ĂŒberhaupt produziert?
Es gibt large scale mining, also Industrieminen ohne Menschen. Dort wird die Erde mit Sprengstoff aufgebrochen und maschinell abgetragen. Sie decken etwa 70 Prozent der Goldindustrie ab. Dort gibt es kein humanes Problem. Ich kĂŒmmere mich um die 30 Prozent Gold aus dem small scale mining. Der Großteil an Gold, der in der Schmuckindustrie verwendet wird, stammt von diesen Kleinbergbauern, die meist illegal arbeiten, also ohne Krankenversicherung und ohne vernĂŒnftige Werkzeuge.
In Afrika buddelt man Löcher in den Boden, in Lateinamerika sprengen sie den Berg auf und packen Holzpaneele an die WĂ€nde und tragen mit Eimer und Hacke das Geröll ab. Dann muss man an das Gold in dem Stein kommen – du und ich wĂŒrden nicht einmal erkennen, dass da etwas drin ist. Das Geröll wird per Hand mit Stampfern zermahlen, was sehr lange dauert und sehr anstrengend ist. Dann wird in das Steingemisch Wasser und Quecksilber gegeben, denn Quecksilber hat die chemische Eigenschaft, Gold zu binden. Das sogenannte Goldamalgan wird dann mit den HĂ€nden entnommen und der Klumpen Quecksilber-Gold ĂŒber offenem Feuer verbrannt. Das ist der gefĂ€hrliche Prozess, denn der Rauch ist giftig und den atmen die Arbeiter ein. Was ĂŒbrig bleibt, ist Gold. Aus einer Tonne Geröll kann man etwa ein Gramm Gold gewinnen.
Wie viele Menschen arbeiten im small scale mining?
Weltweit ungefÀhr 25 Millionen Menschen.
Wie kommt denn illegales Gold ĂŒberhaupt in den Handel?
Gerade bei den illegal BeschĂ€ftigten kommen ZwischenhĂ€ndler hinzu, die fĂŒr einen Apfel und ein Ei das Gold kaufen, in die nĂ€chstgrĂ¶ĂŸere Stadt bringen. Das geht immer so weiter bis man in die GroßstĂ€dte gelangt. Es ist eigentlich verboten, illegales Gold nach Deutschland oder in die Schweiz zu exportieren. Aber gerade in den großen StĂ€dten gibt es zum Beispiel Scheinfirmen, die es eben „legal waschen“ und so verbreitet es sich trotzdem.
Manche LÀnder verhÀngen ein Embargo und sagen: Wir kaufen kein Geld mehr aus dem Kongo. Das ist ein richtiges Zeichen. Aber am Schluss trifft es genau die, die davon abhÀngig sind. Solange sie keine Alternative haben, ist das recht kurz gedacht.
Theoretisch gibt es auf der Welt bereits genug geschĂŒrftes Gold, das man recyclen kann. Allerdings bleibt die Frage: Was macht man mit den 25 Millionen Menschen? Man muss ja zuallererst die Alternative schaffen.
Und wie willst du das schaffen?
Mit einem kleinen Schmucklabel, das fair geschĂŒrftes Gold verwendet, hĂ€tte ich dieser alteingesessenen Industrie nicht viel bewirken können, aber genau das muss passieren. Klar muss der Konsument nachfragen, doch dafĂŒr braucht es AufklĂ€rung. Also habe ich eine Stiftung gegrĂŒndet:  die Earthbeat foundation. Sie ist losgelöst vom Unternehmen, denn ich bin ja auch ein Konkurrent. Nicht dass ich eine Ahnung davon hatte, was das eigentlich bedeutet eine Stiftung zu GrĂŒnden. Dann saß ich da mit meinem Berg von AntrĂ€gen und dachte nur „Um Gottes Willen“.
Wie hilfst du konkret?
Organisationen, wie die Alliance for responsible mining und Fair Trade, kĂŒmmern sich um die Umstellung der Minen. Bisher gibt es vier zertifizierte Minen. Dort beziehen wir unser Fair Trade bzw. fair mine Gold. Das kostet etwa zehn Prozent mehr.
Ich konzentriere mich auf die Zukunft der Menschen. Sie arbeiten unter schrecklichen Bedingungen, aber es geht auch darum, dass Gold eine endliche Ressource ist. Niemand weiß, wie viel Gold es noch auf der Welt gibt. Sie kommen aus der AbwĂ€rtsspirale nicht heraus. Also initiieren wir Mini-Projekte, damit besonders Frauen und Jugendliche Alternativen bekommen, um selbst kleine Unternehmen aufzubauen.
Sind Deine Steine denn auch Fair Trade?
Nein, es gibt momentan keine Quellen fĂŒr mich. Das kann man natĂŒrlich kritisieren, aber man muss irgendwo anfangen.
Haben die großen Unternehmen denn ein offenes Ohr fĂŒr Dein Anliegen?
Als ich vor etwa zehn Jahren damit anfing, habe ich natĂŒrlich viel Gegenwind bekommen. Mittlerweile spreche ich auch mit großen Konzernen.
Gucci macht ja jetzt auch Echtschmuck und gehört zu Kering, einem Großkonzern.
Ja, das hat irgendwie niemand so richtig mitbekommen. Sie wollen bis 2020 die komplette Goldproduktion nachhaltig gestalten. Man muss natĂŒrlich vorsichtig sein. Es gibt auch ein großes Unternehmen, dessen Namen ich leider nicht nennen kann, das auf den Zug aufspringen wollte und extrem schnell umstellte. Das kann auch schief gehen: Bei einer Mine wurde viel Druck gemacht, die Leute wollten zu schnell Ergebnisse und dann gab es regelrecht AufstĂ€nde. Die Arbeiter haben sich gegenseitig niedergeschlagen. Es muss vorwĂ€rts gehen, aber behutsam.
Du bist mit dem neuen Konzept und den neuen Kollektionen zwar erst 2013 richtig auf den Markt gegangen, aber Rihanna trug deinen Schmuck schon auf dem roten Teppich. Wie kam es dazu?
Nachdem wir einen GlĂŒcksgriff hatten und bei Bergdorf Godmann aufgenommen wurden, haben wir den amerikanischen Markt ins Visier genommen. Viel zu frĂŒh, das war auch ein "learning". Wir haben mit Stylisten gesprochen. Eine hat den Schmuck fĂŒr Rihanna ausgeliehen, ohne dass ich es wusste. Das war der Wahnsinn – ich bin morgens aufgestanden und hatte plötzlich 500 E-Mails.
Und dann hast Du eine Party gefeiert?
Es ist großartig. Aber ehrlich gesagt wĂŒrde ich mir Rihanna, so nett sie auch sein mag, nicht unbedingt als Markenbotschafterin aussuchen. Wir möchten kein lautes Unternehmen sein. Aktuell arbeiten wir mit der Stylistin von Emma Watson und das passt fĂŒr mich perfekt. Sie tourt mit 24 fĂŒr die UN durch die Welt, setzt sich fĂŒr Gender Equality ein – sie transportiert fĂŒr mich genau unsere Werte. Das Bild von ihr mit unserem Schmuck hat nicht so eingeschlagen wie das von Rihanna, aber sie ist genau die Frau, die ich mit Vieri sehen mag.
Mal abgesehen davon, dass Guya Merkle mich als Person begeistert, sind ihre Kreationen wunderschön. Sie konzentriert sich auf ein Kern-Produkt, die Clouds-Collection, die gelegentlich erweitert wird. DarĂŒber hinaus kooperiert sie etwa alle zwei Jahre mit einer KĂŒnstlerin fĂŒr eine neue Schmuck-Kollektion. Zuletzt mit Monika Bonvicini.

Vieri

 
Photo Credit: Cem GuĂȘnes (Portrait), Vieri

Kommentare

  • Kathrin Bierling sagt:

    Ist das schön! Die ehrliche Frau, die Herangehensweise, das nicht Laute. Ich möchte ein Wölken tragen.