In eigener Sache

Die Brüderle-Affäre und die Mode

. 27. Januar 2013

Wir halten uns meistens aus der Politik raus – aber wenn sich (gewissermaßen) Politik – oder sagen wir besser “Gesellschaftliches” mit Mode überschneidet, dann bekennen wir uns. Und was nun gerade durch die Medien schwappt, angestoßen durch die Brüderle-Affäre, hat ein Stück weit auch mit dem zu tun, wie wir, speziell: wir Frauen, uns kleiden.

Ich kann hier endlos Beispiele anführen, wie ich im beruflichen Alltag von Männern in sexuell eindeutiger Weise auf meine Outfits aufmerksam gemacht werde. Und nein, das sind keine Komplimente, wenn mein Kollege mir auf dem Weg zum Konferenzraum zuraunt: „Geh mal vor mir her, dann habe ich eine hübsche Aussicht”, „Kommst Du vom Anschaffen?“ (beim Tragen von Overknees, die nichts mit den oben gezeigten zu tun haben) oder „Überzeug’ Du den Chef, was wir wollen, Du trägst heute den kurzen schwarzen Rock”. Das ist nicht witzig, das ist nicht charmant – das ist, mit Verlaub, Scheiße.
Zugegeben, der Grat zwischen Kompliment und Zote kann schmal sein und jeder hat einen unterschiedlichen Toleranzbereich, aber es gibt Äußerungen, die sind eindeutig unter der Gürtellinie und haben deswegen weder im Job noch sonst wo in der Öffentlichkeit etwas verloren.

Jetzt bin ich schon qua Berufswahl ganz gut mit Worten und schere mich nicht um Hierarchien – dann lässt es sich einfach zurückfeuern, was aber auch einen faden Beigeschmack hat. Zumal mir manche Verhaltensweisen einfach fremd sind – bei uns zu Hause geht es mitunter deutlich zu, aber niemals hätte ich erlebt, dass mein Vater oder Bruder Frauen gegenüber ein derart rüdes Auftreten an den Tag legen würden.
Vor allem: Muss das denn sein? Und wozu machen die Herrschaften das? Provozieren? Macht demonstrieren? Witzig sein wollen? Oder sich einfach gar keine Gedanken machen?
Reden die mit ihren Frauen zu Hause eigentlich genauso? Wollen die, dass mit ihren Töchtern eines Tages auch so umgegangen wird?

Und warum bin ich eigentlich immer der Depp, der sich überlegen muss, wie er reagiert (ganz gleich, ob ignorieren, parieren oder schmollen) – warum überlegt sich nicht mal mein Gegenüber vorab, wie gewisse Bemerkungen ankommen könnten? Stattdessen gerate ich vor mir selbst in die Rechtfertigungsfalle: Sage ich nichts, merkt er es nie. Sage ich was, bin ich entweder verklemmt, prüde, „untervögelt“, hysterisch, humorlos, eine Emanze oder alles zusammen.

Umgekehrt kenne ich Frauen, die ihre „Reize“ bewusst einsetzen. Einst meinte eine Freundin zu mir, dass sie sich extra sexy kleide, denn „so komme ich zum Ziel, und nur darum geht es“. Gerade erst hatte ich auf einer Tagung mit einer Dame zu tun, die schon tagsüber im engsten Hervé-Leger-Kleid und mit Louboutins unter den männlichen Gästen für Aufruhr sorgte, explizite Anmachen inklusive, die sie einfach – nonchalant und souverän weglachte! Ich schwanke bis heute, ob das die richtige Vorgehensweise ist. Meine ist es nicht, aber erst recht will ich niemandem Vorschriften machen, wie er sich zu verhalten hat. Am Ende stünde dann noch, dass wir uns anders, weniger sexy kleiden müssen – und so traurig darf es doch nicht werden.

Um hier gar keine Zweifel aufkommen zu lassen: Frauen, die Männern solche Sprüche drücken, sind kein Stück besser. Ich wage aber zu behaupten, und so ist auch meine Erfahrung und die meiner Freundinnen/Kolleginnen, dass dieses „Problem” in der Regel Frauen betrifft. Perfide wird es, wenn man sich nicht wehren kann. Wobei ich mittlerweile glaube: man sollte es immer probieren. Dann schläft es sich einfach besser.

Und was ich eigentlich will? Respekt. Obwohl, wenn ich so überlege, will ich nur, dass solche Idioten den Mund halten und mich in Ruhe lassen.

Foto: rakuten.de


 

Kommentare

  1. Sehr guter Post, kann mich Dir nur anschließen!

    Ich arbeite selbst im Auswärtige Amt und wie oft ich mir da unverhohlenes Starren auf meine Brüste gefallen lassen muss – wohlgemerkt egal ob im T-Shirt, Bluse oder Norweger-Pullover – ist wirklich nicht mehr feierlich, geschweige denn schmeichelhaft.
    Was mich dabei besonders stört, ist dieses arrogante “Selbstverständnis” mit dem sie oft noch ein lüsterndes Grinsen hinterherschieben, wenn man sie vorwurfsvoll oder fragend anguckt.
    Dabei kann auch ich nur sagen, dass das weiß Gott wenig mit dem Kleidungsstil zu tun hat (mein gewagtestes Outfit sind für gewöhnlich Jeansshorts über Thermostrumpfhosen zu Jack Wolfskin Stiefeln).
    Und wie Du schon sagtest, wenn sie dann nach 16Uhr mit ihren kleinen Töchtern liebreizend über die Flure spazieren wirkt das ganze noch schäbiger.

    Interessante Anekdote: Ich habe lange als Model gearbeitet und auch wenn da Anmache ebenfalls an der Tagesordnung steht, so war es selten so hintenrum abschätzig und von oben herab wie ich es jetzt unter den vermeintlichen Saubermann-Politikern erlebe.

  2. Schon in der Schule sagte man mir “es wird geärgert wer sich (gut) ärgern lässt”. Nur dann macht dem Ärgernden das Ärgern Spaß. Ins Leere laufen lassen, einfach freundlich bleiben, den Spruch überhören/das Thema wechseln, als wär überhaupt nichts gewesen. Dann wird das weniger, garantiert.

  3. mainlandoffice, du hast ja sowas von Recht! Es erschüttert mich immer wieder, in wieweit sexistische Bemerkungen, etc… schon zur “Normalität” geworden sind!

  4. Was ich ganz interessant finde an der Debatte: Wenn früher eine Frau von einer Übergriffigkeit berichtete, hätte man ihr nicht geglaubt, man hätte sie nach Beweisen gefragt, ihr die Mitschuld gegeben und jedenfalls NIEMALS den Namen des Täters veröffentlicht. Der Fall Brüderle hat daher eine neue Qualität. Und die Debatte hat bereits andere Frauen ermutigt, an die Öffentlichkeit zu gehen und Namen zu nennen:
    http://deraufschrei.wordpress.com/2013/01/27/endlich-werden-die-tater-genannt/

  5. Annemarie, das ist der Punkt: ich bin keine 12 mehr und ich stehe nicht mehr auf dem Schulhof. Einem Drittklässler oder Pubertierenden lasse ich solche “verbalen Entgleisungen” zum Austesten der Geschlechtergrenzen meinetwegen durchgehen. Aber sollte der Prozess nicht bei über 25-Jährigen allmählich abgeschlossen sein?

    Gegen “Ärgern” habe ich übrigens nichts einzuwenden, im Gegenteil, das mache ich auch, und in unserem Büro herrscht ein mitunter deftiger Ton. Aber es gibt Bemerkungen, die haben mit Ärgern nichts mehr zu tun, sondern sind einfach nur daneben. Wenn mein Kollege mir nach einem Geschäftsessen anbietet, mich nach Hause zu fahren, wenn ich ihm “einen blase” – sorry, das ist einfach nur ordinär.

    Ich habe mehrere Jahre in Italien gelebt, da hat das Thema nochmal eine ganz andere Dimension, denn dieses Schmierige ist fester Bestandteil des Alltags, allein im Fernsehprogramm, wo permanent leicht bekleidete Mädels neben Greisen “als Deko” hocken. Bei uns, so scheint mir, ist es verdeckter, aber nicht unbedingt weniger vorhanden.

    London, die geschniegelten Anzugträger, das sind die schlimmsten.

  6. Sehr gut, dass dieses Leidwesen hier zum Thema gemacht wird!

    Ich persönlich versuche dem immer entgegen zu wirken, in dem ich tiefe Ausschnitte/und oder zu kurze Röcke in der Arbeit vermeide. Ansonsten unterlasse ich sämtliche schäckerhaften/flirtenden/anspielenden usw. Bemerkungen 100 %. Wenn sich dann doch jemand trauen sollte, mir hier irgendwie zu nahe zu treten, werde ich eiskalt oder ich antworte schlichtweg nicht darauf.

    Zumindest bei mir scheint diese Methode glücklicherweise zu funktionieren, denn ich werde praktisch nie in irgendeiner Art und Weise belästigt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob meine Methode ein Patentrezept ist, denn ganz sicher ist hier bei vielen Frauen echte Not vorhanden.

    LG, Rena

    http://dressedwithsoul.blogspot.de

  7. @Mainlandoffice: Ich habe nicht gesagt, dass ich das Verhalten dieser Herren gutheiße. Glaube allerdings, es macht ihnen umso mehr Spaß, wenn es ihnen gelingt, das “Opfer” außer Fassung zu bringen. Denn ich schätze, dass es das ist, was ihnen den Kick gibt. Cool bleiben wie Rena es beschreibt, ist dagegen m.E. das beste Mittel.

    Die Nummer mit dem Blasen ist allerdings heftiger Tobak! Darauf würde mir auch nix mehr einfallen…

    Nun, mir geht es übrigens ähnlich wie Rena. Ich fühlte mich in der Vergangenheit selten belästigt und niemand macht abfällige oder sexistische Bemerkungen über meine Kleidung (zumindest nicht ins Gesicht, was hinter meinem Rücken abläuft weiß ich natürlich nicht). Vielleicht liegts an meinem Aussehen oder meiner Art – oder vielleicht habe ich einfach Glück und nette Kollegen (allerdings gilt das dann auch für die Kollegen in den 2 Firmen davor). Was heutzutage ja offenbar eine Seltenheit zu sein scheint, nach dem was man so liest…

  8. Neulich in einem Café: Ein älterer Herr erzählt, dass sein Unternehmen viel besser laufe, seitdem 50 Prozent der Belegschaft weiblich ist. Zum Einen, weil Frauen nicht mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf herumlaufen (das war ganz süß), zum anderen aber auch, weil eine junge, hübsche Frau viel besser zu Geschäftsführern zu schicken sei. Da käme es viel schneller zu Vertragsabschlüssen. Ich sagte ihm dann, dass es in meiner Damen-dominierten Branche einen ganz ähnlichen Effekt habe, wenn ich einen jungen, hübschen Mann zu Verhandlungen schicken würde, wo die Geschäftsführerinnen doch meist etwas älter und vor allem weiblich sind.
    ;-)

  9. Alles schön und gut oder auch schlecht. Was Brüderle angeht, so hat er sich mit diesem Verhalten als ein Ewiggestriger ausgewiesen, weil er dieses dümmliche Geplänkel einfach für einen charmanten Smalltalk, sogar wohlwollendes (!!) Kompliment – für sie oder sich ? – hielt. Der Eingangspost von MO ist richtig gut!

  10. I really appreciate this blog for addressing this subject!!!

    To me sexism is about demonstrating power and reducing women to non-human beings. Covering up or pulling-out are no solutions, because not the ‘victim’ has to change, but the aggressor respectively society as a whole.

  11. liebe mainlandoffice, ich danke dir für diesen vielschichtigen und sehr wahren beitrag!
    dabei bin ich wahrlich keine “typische emanze” oder klassische feministin und fühle mich von vielen dieser “klassichen emma-themen” im jahre 2013 nicht wirklich angesprochen – eben auch weil sie dieses subtile, hinterhältige und zwischen-den-türen-geschehene – was aber so oft im büroalltag passiert – nicht greifen.

    mal abgesehen von dem fall brüderle (ich finde den artikel und seinen inhalt durchaus legitim, nur die verspätete veröffentlichung gerade zum jetzigen zeitpunkt nicht) finde ich es wirklich gut, dass sich jetzt eine breitere öffentlichkeit mit dem thema befasst.

    ich habe oft das gefühl, dass sich frauen – noch dazu wenn sie sich altersmäßig erst zu karriereanfang befinden und trotzdem viel verantwortung übernehmen- viel stärker beweisen müssen als männer. und dazu gehört es scheinbar auch, auszutesten, wie denn die dame auf sprüche und – ich nenne es mal frei nach mainland “scheiße-verhalten” reagiert und sich behaupten kann.
    dabei den richtigen weg auszubalancieren zwischen “ich will weder zu harsch noch zu feminin rüberkommen” ist nicht einfach. humor in kombination mit direktheit funktioniert gut, aber auch nicht immer. weglächeln oder schweigen wäre undenkbar, auch wenn einem nur halbwegs verwendbares in der situation einfällt.

    ich kenne auch damen, die gerne mal den kurzen rock anziehen, wenn es darum geht, etwas zu erreichen. ich verüble es ihnen nicht, aber ich selbst würde das nie tun und würde es auch als kontraproduktiv empfinden, denn auf diese art und weise will ich beruflich nichts erreichen.

    und was ist eigentlich mit sexistischen bemerkungen von frauen untereinander, die optik getreffend? vielleicht kein sexismus, aber ist dieses “sticheln und stutenbeißerei”nicht auch echt ätzend? ich interessiere mich nun mal für mode – und obwohl ich niemals aufgedonnert zur arbeit komme – musste ich mir da schon so manches mal was anhören… frauen können sich wohl auch untereinander leider einiges verbauen ;)

  12. Ich finde das Thema zu vielschichtig, um das jetzt hier angemessen ausführlich zu kommentieren, aber einige Bemerkungen muss ich doch loswerden:

    Overknees und kurze Röcke (also oberhalb des Knies) haben im Job nichts verloren, jedenfalls nicht, wenn man ernst genommen werden möchte und / oder auf Führungsebene tätig ist. Das Gleiche gilt für zu enge Klamotten und zu tiefe Ausschnitte.

    Ich habe es ab einer gewissen Ebene (leider) immer noch überwiegend mit Männern zu tun, also muss ich als Frau nach ihren Spielregeln spielen, ob mir das nun gefällt oder nicht (gute Literatur dazu übrigens: Das Arroganz Prinzip von Moder).

    Männer spielen grundsätzlich nicht mit sexuellen Reizen, also sollte ich das auch nicht tun. Tue ich es doch, löse ich bei Männern unweigerlich gewisse Reaktionen darauf aus, die sich positiv oder eben auch negativ auf die Jobsituation auswirken können. Ich muss mir dann aber darüber im Klaren sein, was ich auslöse und ob ich das wirklich will.

    Zur Vermeidung von Missverständnissen: Ich bin nicht der Auffassung, dass Frauen sich nicht sexy kleiden sollten. Ich bin aber schon der Auffassung, dass sie mit männlichen Reaktionen rechnen sollten, wenn sie es tun, und dass das im Job nicht immer vorteilhaft ist. Ich möchte vor allem erst genommen werden und vermeide das daher grundsätzlich. Das heißt nicht, dass ich im Sackkleid und mit Kopftuch arbeiten gehe, aber z.B. heute statt Ausschnitt einen dünnen Rolli unter dem Kleid, keine kurzen Röcke trage und überhaupt alles auf den Privatbereich beschränke, was zu unseriös wirkt (Jeans, Lederleggings, Overknees etc.).

    Der Spruch des lieben Kollegen betreffend die Gegenleistung für das Nachhausefahren ist allerdings eine Unverschämtheit und dann helfen m.E. nur deutliche Worte.

  13. Pingback: #Aufschrei hat gezeigt, wie Internet geht « Aus Liebe zur Freiheit

  14. Pingback: #Aufschrei hat gezeigt, wie Internet geht — Carta

  15. Tut mir leid, aber ich halte die Debatte so wie sie hier in Deutschland geführt wird für übertrieben. Ergebnis: Frauen denen Mann die Tür aufhält empfinden das – zumindest in einschlägigen Großstadt-Teilen oder Berlin-Bezirken bereits als Belästigung. Das ist lächerlich, weil ich sogar einem Kind die Tür aufhalte, einfach weil es ein Mesch ist dem schon als solcher eine gewisse Achtung gebührt. Wenn ich einige verbissene Männerhasserinnen z.B. in Kreuzberg oder Friedrichshain sehe fälllt mir nichts mehr ein. Ich hatte Frauen als Vorgesetzte und Kolleginnnen und es gab nie Probleme der oben geschilderten Art mit mir oder anderen männlichen Kollegen. Das es Übergriffe gibt weiß ich wohl und ich heiße sie nicht gut. Aber bitte die Kirche im Dorfe lassen. und das Anschmachten mänlicher Führungskräfte oder vermeintlicher Machergestalten (bei denen jeder Normalo nach 5 Minuten merkt dass es Dummmschwätzer sind) durch junge Mitarbeiterinnnen oder Kolleginnen unter Einsatz ihrer weiblichen Reize wird von den Frauen hier kaum abzutreiten sein. Als Jurist der auch mal in der größten deutschen Bank gearbeitet hat, schreibe ich hier aus Erfahrung. Übbrigens: in Skandinavien sind Frauen weiter als in Deutschland – Flirten können sie trotzdem besser als manch emanzipierte Brunhilde aus unserem Land.
    Es gibt viel zu tun – lassen wir´s liegen.

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