Neues vom Beauty Pro: Porentief nachgefragt

Hüftoperation und neue Hüfte − (k)ein Grund zur Freude

Hüftoperation Tagebuch − An dieser Stelle steht normalerweise, jeden Freitag, meine Beauty-Kolumne. In den kommenden Wochen wird es nicht um Beauty gehen, sondern um eine Hüft-Operation, der ich mich nächste Woche unterziehen werde. Wann immer es mir die Reha zeitlich zulässt, werde ich Euch von meinen Erfahrungen berichten.
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Aktuell bin ich mit diesem Gehstock noch unterwegs
Ich erinnere mich noch gut wie ich als Fünfjährige am Gitterbettchen meiner jüngeren Schwester stand. Sie tat mir so unendlich leid, wenn sie aus Verzweiflung schrie, weil sie nicht strampeln konnte. Ich verstand nicht, warum die Erwachsenen so etwas zuließen. Die Kleine lag in einer mit grauem Filz überzogenen Gipsschale. Die Beinchen waren nach außen gedreht und mit Ledergurten fixiert. Meine kleine Schwester hatte eine angeborene Hüftgelenkdysplasie, d.h. die Gelenkpfanne ist zu klein, bzw. zu wenig tief, so dass der Hüftkopf des Oberschenkels nicht fest darin liegt. Das Problem ist vererbbar und trifft die weiblichen Nachkommen.

Bei mir hat es keiner bemerkt

Was ich damals noch nicht ahnen konnte, dass ich ebenfalls mit einer Dysplasie auf die Welt gekommen bin. Im Babyalter hat niemand etwas bemerkt. Und später? Ich habe mein ganzes Leben lang viel und extrem Sport betrieben. Deshalb war die Muskulatur so stark ausgebildet, dass sie die Dysplasie über Jahrzehnte hinweg ausgleichen konnte.
Als sich dann ab und an Schmerzen in der Leistengegend bemerkbar machten, vergingen noch mal etliche einige Jahre bis endlich ein Arzt die richtige Diagnose stellte. Physiotherapeuten behandelten den Trochanter. Das ist ein Muskel, der von der Innenseite des Kreuzbeines nach aussen am seitlichen Knochenvorsprung des Femurs (Oberschenkelknochen) andockt. Ein Orthopäde wiederum tippte auf die Lendenwirbelsäule und verödete mir – äußerst schmerzhaft, weil nur ohne Betäubung möglich – Nerven im unteren Rücken.
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Habe ich mir für nach der Hüftoperation beim Sanitärbedarf bestellt: Krücken in Sonnengelb
Ich erinnere mich an einen Tag im Frühjahr, da war ich noch Beauty Director bei Instyle, und musste nachmittags einen Flug nach Paris antreten. Ein wichtiger Termin! Die Schmerzen im linken Bein waren morgens so stark, dass ich kaum laufen konnte. Ich rief einen Orthopäden in Nähe des Verlags an und bat um einen Notfalltermin. Er spritzte mich fit, so dass ich wenigstens den Flug antreten konnte. Das kam in größeren Abständen dann immer wieder mal vor. Immer wenn ich ihn anrief und sagte, wieder mal ein Notfall, Herr Doktor, wußte er schon Bescheid.

Endlich die richtige Diagnose

Vor drei Jahren dann blieb der Schmerz und wurde so schlimm, dass ich einen Orthopädie-Professor aufsuchte, den mir eine Freundin empfahl. Das MRT war eindeutig: Dysplasie beider Hüftgelenke, links schlimmer als rechts. Eine Operation sei irgendwann unausweichlich, meinte er. Aber vorerst beschlossen wir, den Schmerz konventionell zu bekämpfen. Mit einer Eigenblut-Injektionen, heute ein Standardverfahren. Dabei wird Venen-Blut entnommen und daraus das PRP (Platelet Rich Plasma), wie es auch in der ästhetischen Medizin für das so genannte Vampir-Lifting verwendet wird, gewonnen. Mit Hyaluronsäure versetzt werden die im Blutplasma enthaltenen Wachstumsfaktoren dann direkt ins Hüftgelenk eingespritzt, um die Reibung von Knochen auf Knochen zu vermindern. Es funktionierte. Nach sechs Spritzen war ich schmerzfrei. Dann kam die Corona-Hochphase und ich war überglücklich, mich nicht operieren lassen zu müssen.
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Seit einigen Wochen verwende ich nun den Gehstock
Knapp drei Jahre ging alles gut. Ich konnte einwandfrei laufen, meinen Sport machen. Als mich eine befreundete Ärztin jedoch Anfang dieses Jahres beim gemeinsamen Hundespaziergang fragte, ob ich Probleme mit der Hüfte hätte, wurde mir klar, dass sich mein Gang verändert hatte. Ich suchte einen befreundeten Orthopäden auf und lies nochmals die Eigenblut-Therapie über mich ergehen. Nur dieses Mal half sie nicht. Am 10. Mai konnte ich kaum noch gehen, hatte extreme Schmerzen. Es wurde eine erneutes MRT gemacht. Diesmal war die Diagnose eindeutig: Die linke Hüfte musste dringend operiert und ein Implantat eingesetzt werden.

Arzt und Patient - das muss passen!

Mein Orthopäde stellte mir drei Operateure in Aussicht. Einen Professor, von dem er sagte, dass er exzellent in seinem Fach, aber als Mensch schwierig sei. Ihn strich ich sofort von meiner Liste. Nummer 2 war mir auf den ersten Blick sympathisch: kompetent, natürlich, unaufgeregt − kein Halbgott in Weiß. Es folgten weitere Untersuchungen, der Termin für die künstliche Hüfte wurde festgelegt: 21. Juni.
Der Arzt zeigte mir das Implantat: Es besteht aus einem Schaft aus Titan, ummantelt mit Hydroxylapatit am unteren Ende, wie man es auch für den Zahnknochenaufbau verwendet. Der Schaft wird in den Oberschenkel eingesetzt und darauf der Gelenkkopf aus Keramik befestigt, der in einer ebenfalls mit Keramik ausgekleideten Pfanne liegt. Er erläuterte, dass Keramik ein äußerst abriebarmes Material ist und damit einer Lockerung vorbeugt.
Die sechs Wochen bis zum 21.6. kamen und kommen mir immer noch unendlich lang vor. Ständig habe ich Schmerzen, brauche ständig neue und stärkere Schmerzmittel in immer höheren Dosen, weil die schwächeren nicht mehr helfen. Alle paar Stunden muss ich eine Tablette einnehmen, damit sich das Schmerzgedächtnis nicht manifestieren kann. Wenn alles nichts hilft, habe ich ein Opinoid, eine synthetische Substanz mit morphinartigen Eigenschaften. Es ist allerdings so stark, dass ich es allenfalls nachts einnehmen kann. Zwar dämmt es den Schmerz, beamt mich aber dermaßen weg, dass ich tagsüber völlig umnebelt bin und weder schreiben noch Autofahren kann. Es fühlt sich an wie auf einem Trip.

Gothic-Stock versus Krücken in Gelb

Trotz Medikamente habe ich eigentlich immer Schmerzen in unterschiedlicher Heftigkeit. An manchen Tagen sind sie morgens so stark, dass ich nicht aufstehen kann, um mit dem Hund seine Frührunde zu drehen. Dann muss mein Mann einspringen. Manchmal klappt es, wenn ich einen Stock zu Hilfe nehme. Er ist schwarz mit einem silbernen Hundekopf als Griff. Ich hab ihn noch von einem Gothic-Kostümfest und nie gedacht, dass ich ihn mal im Alltag brauchen würde.
Die Unterarmstützen in Gelb für die ersten Wochen in Klinik und in der Reha musste ich im Sanitätshaus bestellen. Für den tristen Anlass wollte ich weder schwarze noch graue Krücken, sondern wenigstens eine sonnige Farbe. Momentan stehen sie noch in der Ecke und warten auf ihren Einsatz. Mein Operateur meinte, ich solle sie ruhig schon vor dem Eingriff nehmen, um mich auf das Danach einzustimmen. Aber irgendwie widerstrebt mir das. Ich finde, es kommt noch früh genug auf mich zu. Wenn man nicht richtig laufen und vor allem nicht ganz aufrecht gehen kann, fühlt man sich ohnehin schon miserabel, aber das noch an Krücken zu demonstrieren… Nein, danke, da gehe ich lieber am stylischen Gothic-Stock.
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Passend zum Gehstock gekleidet
Am schlimmsten ist für mich, dass mein Körper extrem unter dem Bewegungsmangel leidet. Trotz wenig Essen, weil ich kaum Appetit habe, habe ich drei Kilo zugenommen. Wie gesagt, kann ich keine langen Spaziergänge mit dem Hund mehr machen, sonst sind wir täglich mindestens acht Kilometer gelaufen. Ich kann nicht mehr ins Fitnessstudio und noch nicht mal mehr abends bei meinen Yoga-Ritualen entspannen. Die Tabletten machen mich ohnehin so müde, dass ich spätestens um 22 Uhr völlig erschöpft ins Bett falle.
Inzwischen sehne ich den Operationstermin herbei, um endlich die Schmerzen los zu werden. Ich hätte nie gedacht, dass man sich auf eine Operation freuen kann. Naja, freuen ist zu viel gesagt. Mein Operateur fragte mich, ob ich Angst vor dem Eingriff hätte. Das wäre schlecht, meinte er, wenn jemand angespannt und gestresst in eine Operation geht. Ich habe keine Angst, denn schlimmer kann es nicht werden…
Mehr von unserer Autorin Margit Rüdiger: Ihre bisherigen Kolumnen gibt es hier >>> und mehr auf ihrem Blog Culture & Cream (>>>) Fragen, Wünsche, Feedback? Sie erreichen unsere Kolumnistin unter beautypro[@]modepilot.de
Photo Credit: Margit Rüdiger für Modepilot
Modepilot ist Deutschlands erster Modeblog. Mit seiner Gründung in 2007 war und ist er Vorreiter der unabhängigen Mode-Berichterstattung. Noch heute wird die Seite leidenschaftlich von Mitgründerin Kathrin Bierling geführt. Sie ist eine ausgebildete und erfahrene Journalistin, die zunächst bei der Financial Times lernte und arbeitete und dann einige Jahre bei der WirtschaftsWoche beschäftigt war, bevor sie die Seiten Harpersbazaar.de, Elle.de und InStyle.de verantwortete. An Modepilot liebt sie, dass sie die Seite immer wieder neu erfinden muss, um am Puls der Zeit zu bleiben. Worin sie und ihre Autoren sich stets treu bleiben: Den Leser ernst nehmen, nicht sich selbst.

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