Neues vom Beauty Pro: Porentief nachgefragt

Werden wir alle zu Biohackern?

Biohacking. Das Wort Hacker ist eigentlich negativ belegt. Denn wer ist schon erfreut, wenn sein Computer gehackt und seine Daten benutzt wurden. Doch seit die deutsche Netflix-Serie „Biohackers“ so erfolgreich ist, hat jeder den Begriff zumindest schon mal in anderem Zusammenhang gehört. Darin geht es nämlich um die Medizinstudentin Mia und ihre Erlebnisse im ersten Semester an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Was ist aber mit „Biohacker“ gemeint? Das ist jemand, der sich sozusagen selbst hackt. Er will den eigenen Organismus genauestens verstehen. Denn nur wenn man weiß, wie alles zusammenhängt und funktioniert, kann man bestimmte Vorgänge im Körper zum eigenen Vorteil beeinflussen, um fitter, konzentrierter und fokussierter zu werden, sich geistig und körperlich besser zu fühlen.

Unser besseres Ich

Es geht also um Selbstoptimierung, die noch optimierter ist. Biohacker suchen einen systematischen Zugang zu unserer eigenen Biologie. Die absolut beste Version von sich selbst zu erlangen. Hört sich alles ziemlich spektakulär an. Doch worum es geht, ist eigentlich die Basis unserer Gesundheit: Essgewohnheiten, Lifestyle, Trainingsroutine. Um das alles zu optimieren, muss man allerdings seine Komfortzone verlassen.
Biohacking Modepilot
Biohacking als Haute Couture bei Iris Van Herpen, Sommer 2021
Prof. Dr. Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule in Köln sagt: „Ähnlich einem Hacker, der ein Computerprogramm verändern will, versucht man das körpereigene Programm durch Reize zu verändern.“ Ein Beispiel aus seiner Praxis war ein Experiment mit Sportlern. Sie machten eine Fastenkur während einer hochintensiven Trainingsphase. Für den Körper bedeutet das relativen Stress, weil er viel leisten muss, aber wenig Kalorien zugeführt bekommt. Bloch stellte fest, dass neben der Entgiftung auch das System verändert wird. Bei einem Großteil der Sportler war nach Beendigung der Kur der Stoffwechsel umgestellt und der Körper hat Nährstoffe effektiver verarbeitet.

Möglichkeiten zur Selbstoptimierung

Doch es gibt viele Stellschrauben, an denen sich drehen lässt. Für sportlich Aktive könnte HIIT (hochintensives Cardio-Intervalltraining) ein „Biohack“ sein, weil man damit seine Komfortzone verlässt, Herzfrequenz und Muskelauslastung steigert. Auf Dauer fühlt man sich fitter und besser. Auch mit Ernährungsumstellungen kann man Reize setzen, die das System nachhaltig verändern. Das Gleiche gilt, wenn man weniger oder mehr schläft als gewohnt.
Trotzdem gibt Bloch zu bedenken, dass unter dem Begriff Biohacking extrem viel zusammengefasst wird und für vieles die Evidenz, also der Nachweis, ob und was es letztendlich bringt, bislang noch fehlt. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Pflanzenstoffe und Nahrungsergänzungsmittel. Ob solche Nootropika tatsächlich einen Braineffect haben, also die geistige Leistungsfähigkeit steigern, ist nicht bewiesen.

Selbstgemachte Cyborgs

Dabei ist die Idee vom Biohacking längst nicht neu. Schon seit Jahrtausenden benutzt die Menschheit bestimmte Kräuter, Pflanzen und Pilze, um Gesundheit und Leistung zu verbessern, Schmerzen zu lindern oder Krankheiten zu heilen - modern ausgedrückt, ihre Performance zu optimieren. Nur haben wir heute eine Fülle an Informationen zu Verfügung und die Technik hat die Welt verändert, während unsere Vorfahren darauf angewiesen waren, dass althergebrachtes Wissen von Generation zu Generation überliefert wurde. Doch unser Zeitalter strebt nach immer mehr Perfektionierung.
Diejenigen unter den Biohackern, die ihre Optimierung auf die Spitze treiben wollen und einen sehr direkten Ansatz befolgen, werden Grinders genannt. „Schleifer“ auf Deutsch. Sie schleifen, modifizieren ihren eigenen Körper mit NFC-Chips (Near Field Communication), Navigationsgeräten und Kopfhörern nach ihren eigenen Vorstellungen. Ihr Ziel ist es, sich in die ersten selbst gemachten Cyborgs zu verwandeln.
Solche Experimente sind nicht ganz ungefährlich. Harmloser ist die inzwischen weiter verbreitete DIY-Biologie. Zu diesem Zweig des Biohackings existiert bereits ein globales Netzwerk, auf dem sich Insider austauschen über den Umgang mit Gadgets und selbstgemachten Zentrifugen, Mikroskopen und anderen Tools. Die bodenständigste Variante strebt danach, unser Leben dadurch verbessern zu wollen, indem die Wissenschaft bewusst und vernünftig im Alltag angewandt wird. Das können Nahrungsergänzungsmittel sein, über die der Biohacker natürlich alles weiß oder Inhaltsstoffe in der Hautpflege, die wir individuell brauchen und um genau das zu erzielen, was wir wollen und was unsere Haut braucht.

Beauty in der Zukunft

Die in London ansässige Hautexpertin Jasmina Vico glaubt fest an Biohacking als Zukunft unserer Hautpflege. Schon heute kommt keiner ihrer Kunden an einem ganzheitlichen, holistischen Ansatz vorbei, wenn er sich in ihre Hände begibt. Sie will wissen, was in seinem Körper los ist, fragt nach Verdauung, Schlafverhalten, Stress-Level, Mikronährstoffen und allgemeiner Ernährung, bevor sie ihm eines ihrer berühmten Laser-Treatments, Needling, LED Facials oder sanften Säurepeelings angedeihen lässt. An das viel gerühmte Ziel einer makellose Haut, glaubt sie ohnehin nicht.
„Wie können eine Haut nicht so dramatisch verändern, dass sie die beste Version ihrer selbst ist. Ich bin ein Problemlöser und was ich tue, ist, eine Veränderung zu identifizieren und − auch wenn sie nicht sichtbar ist − eine Lösung dafür zu finden.” Sie sagt auch, dass eine schöne Haut ein Langzeit-Investment ist mit kontinuierlicher Pflege.

Von Haut-Printern und Nanorobots

Das Zukunfts-Szenarium, das die Wissenschaft aufzeigt, ist atemberaubend und ein wenig erschreckend zugleich. Nicht in allzu weiter Ferne werden wir fähig sein werden, unseren Körper mit Hilfe von Wissenschaft und fortschrittlicher Technologien exakt zu überwachen. Wir werden unsere Schlafmuster präzise tracken mit einem Monitor am Bett oder mit Hilfe von Nanorobots. Denn nicht zuletzt ist Schlaf einer der wichtigsten Faktoren für schöne Haut.

Darmgesundheit

Zugleich werden wir mit Bio-Technologie nahtlos unsere Darmgesundheit kontrollieren und regulieren, wenn die Wissenschaft das Mikrobiom noch besser erforscht hat. Wir werden Erdungsmatten nutzen, um inflamatorische Prozesse zu reduzieren und einen guten Schlaf zu fördern. Jeder wird seinen persönlichen 3D-Hautprinter zu Hause haben, um die eigene Haut zu printen. Das ist gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, dass Forscher aus Toronto bereits einen 3-D-Drucker entwickelt haben, der selbst tiefe Wunden mit Hilfe einer „Biotinte“ schnell heilen kann. Für das Bio-Printing der Haut wird man Peptide heranziehen, die sich selbst organisieren, und Aminosäuren, die eine gerüstartige Struktur innerhalb der Haut wachsen lassen.
„Die Zukunft wird wesentlich mehr als bisher auf Prävention ausgerichtet sein und das auf zellulärer Ebene“, glaubt Vico.
„Seine Gesundheit selbst zu überwachen wird uns helfen zu verstehen, wie unser Körper funktioniert und wie er auf innere wie äußere Faktoren reagiert. Das ist bei jedem von uns unterschiedlich. Aber es wird der Schlüssel sein zu verstehen, wie es zu Entzündungen kommt.“
Man weiß längst, dass es die sogenannten stillen Entzündungen sind, die krank machen und die Haut schneller altern lassen.
Beauty-Brands investieren schon jetzt in Produkte, die auf das Individuum zugeschnitten sind, anstatt auf Cremes für alle. Ein Thema ist die Mikrobiom-Pflege, an der schon heute an Lösungen geforscht wird, die weit über Prä- und Probiotika hinausgeht. „Kaum eine Haut ist heute noch im Gleichgewicht“, sagt die Hamburger Ärztin und Kosmetologin Dr. Sabine Gütt.
Pflegeprodukte, die auf das Mikrobiom ausgerichtet sind, können die Homöostase regulieren und den pH-Wert auf ein gesundes Niveau zurückführen. Gütt: „Für eine ältere Haut muss die Mikrobiom-Pflege anders aussehen als für eine Pickelhaut. Wir müssen eine Individualisierung hinbekommen. Das ist die Zukunft.“ Das bedeutet aber auch Abstrich und Gensequenzierung. So weit sind wir noch nicht. Momentan muss wohl jeder selbst ausprobieren, mit welchen Maßnahmen er sich selbst gesünder, fitter und zufriedener „biohackt“.
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Photo Credit: Catwalkpictures

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