Neues vom Beauty Pro: Porentief nachgefragt

Kosmetik geht uns alle an.

Eine Eigeninitiative der Kosmetikerinnen unter #kosmetikgehtunsallean gab den Anstoß für die heutige Kolumne. Den Salonbesitzer*innen steht das Wasser bis zum Hals. Die von der Regierung zugesagten Hilfen werden nur schleppend ausgezahlt oder oft verweigert. Die Klein-Unternehmer*innen haben Bitt-Briefe an die Politiker in Berlin und ihre regionalen Landtagsabgeordneten geschrieben. Zwar häufig mit offenem Ohr, aber wenig Erfolg. Nun haben sie zu digitalen Demos aufgerufen. Sie fordern: eine zuverlässige, ordnungsgemäße und pünktliche Zahlung. Und die Soforthilfe, die in einigen Bundesländern als Pauschale gesandt wurde, sollte nicht mehr zurückgefordert werden.
Kosmetik geht uns alle an Modepilot
Leerer Schönheitssalon in der Kö-Galerie in Düsseldorf
Wie ernst die Lage wirklich ist, erfahre ich im Interview mit Dr. Helmut Drees, dem Vorsitzenden des Kosmetikverbands VCP (Verband Cosmetic Professional e.V.):
Wie viele Beauty-Salons werden Ihrer Schätzung nach die Corona-Krise überleben?
H.D.: Wir erleben gerade die schwerste Krise der Kosmetikinstitute, die wir bisher hatten. Bereits im letzten Jahr waren die Institute viereinhalb Monate geschlossen. Und auch in diesem Jahr sind die Institute noch mindestens bis Mitte Februar zu und ein Ende ist nicht abzusehen. Im Markt gibt es über 50.000 Kosmetikinstitute und Nagelstudios mit circa 200.000 Beschäftigten. In einer aktuellen Umfrage, an der sich bereits über 2.000 Institute beteiligt haben, befürchten circa 45 Prozent eine Schließung ihres Institutes. Einer ganzen Branche droht das Aus!

Wen trifft es am härtesten?

Welche Salons trifft es am härtesten?
H.D.: Wir hören Hilferufe aus allen Bereichen. Ganz besonders hart trifft es sicherlich Institute mit einem hohen Fixkostenanteil; also Kosmetikstudios, die hohe Miet- und Betriebskosten (wie z.B. laufende Leasingraten für Geräte o.ä.) haben. Sehr schwierig ist es zudem für Kosmetikinstitute, die nicht über einen hohen Anteil an Stammkunden verfügen (zum Beispiel Institute, die noch nicht so lange im Markt sind oder stärker auf Laufkundschaft angewiesen sind). Hier greifen nämlich nicht die Service-Angebote (Click & Collect oder Call & Collect), die einige Institute auch in Lockdown-Zeiten ihren Stammkunden anbieten.
Wie sieht es mit den staatlichen Hilfen aus?
H.D.: Die von der Regierung versprochenen Hilfsmaßnahmen kommen bisher bei den Kosmetikinstituten nicht an. In der angesprochenen Befragung weisen ca. 70 Prozent der Institute darauf hin, dass die staatlichen Hilfen nicht ausreichen. Entweder greifen die Unterstützungen gar nicht, weil Institute aus diesen Förderungen rausfallen (zum Bespiel, weil sie aktuell verzweifelt über Lieferservice o.ä. Basisumsätze generieren) oder die Hilfen werden nur zum Teil ausgezahlt und können die laufenden Kosten nicht decken.
Lediglich bei Instituten mit Mitarbeitern wird berichtet, dass die Unterstützungszahlungen zur Kurzarbeit funktionieren. Insgesamt ist die Anzahl der Kosmetikstudios mit mehreren Mitarbeitern allerdings eher niedrig.
Welche Hilfen können sich die Salons sonst noch holen?
H.D.: Neben den staatlichen Hilfen, versuchen einige Kosmetikstudios noch Kredite über Ihre Hausbank zu erhalten. Dies gestaltet sich in den meisten Fällen allerdings sehr schwierig, da die Kriterien für die Kreditvergabe für viele Institute nicht gegeben sind. In einigen Fällen lohnt sich auch eine Nachfrage bei den Herstellern. Hier kann bei kulanten Produktpartnern eine Verlängerung der Zielzahlungen erreicht werden, um Luft für die eigene Liquidität zu erhalten.

Kosmetikerinnen in Not

Das düstere Bild, das uns der Experte malt, wird auch landesweit von den Kosmetikerinnen bestätigt, die ich persönlich anspreche. Ranina Janz aus Düsseldorf, die ihr Geschäft erst im März 2019 in der Kö-Galerie aufgemacht hat (>>>) und eine Vollzeitkraft sowie zwei 450 Euro-Kräfte beschäftigt, schildert mir sehr emotional ihre Nöte.
Aufgrund der kurzen Standortbindung gibt es wenig Stammkunden, dafür aber viel Laufkundschaft (Ausländer, Messebesucher). Die blieben seit dem Frühjahrs-Lockdown 2020 weg. „Ich habe Soforthilfe in Anspruch genommen, aber noch nicht abgerechnet. Es kann sein, dass ich sie zurückzahlen muss“, befürchtet Ranina Janz. Noch schlechter sieht es aktuell aus.
Andrea Fabry Kosmetiksalon Düsseldorf
Kosmetiksalon von Ranina Janz in Düsseldorf (>>>)
„Mein Steuerberater hat gesagt, dass ich keine Hilfe für Nov/Dez. 2020 beantragen kann wegen der Mischbetriebsregelung.“ Die besagt, laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), folgendes: „Ein „Mischbetrieb“ liegt formal immer dann vor, wenn ein Unternehmen seine Umsätze nur zu Teilen mit solchen Aktivitäten erzielt, die per Verordnung untersagt sind. Eine Antragsberechtigung liegt immer dann vor, wenn der „geschlossene“ Bereich mindestens 80 Prozent zum Umsatz beiträgt“. Das bedeutet, ein Kosmetik-Institut darf nicht mehr als 20 Prozent seines Umsatzes mit Warenverkauf erzielen.
Wer also zu viele Produkte verkauft, wird bestraft. Die Überbrückungshilfen II und jetzt auch III werden lediglich als Zuschuss zu den betrieblichen Fixkosten wie Miete und Geräte-Leasing gewährt. Das reicht hinten und vorne nicht, deshalb sagt Janz: „Ich verkaufe, was das Zeug hält: Produkte, Gutscheine. Dazu bespaße ich meine Kunden mit Videos auf Social Media-Kanälen. Ich mache Click+Collect sowie Lieferservice.“ Trotzdem fährt sie jeden Monat Miese ein. Denn schließlich muss sie auch neue Ware einkaufen. Janz: „Die Kosten für den Einkauf darf ich jedoch nicht ansetzen. Hätte ich überhaupt keinen Verkauf angekurbelt, hätte ich 90 Prozent meiner Fixkosten bekommen.“
Was sie und ihre Kollegen massiv stört, ist die Ungleichheit: „Gaststätten dürfen ja auch mit dem Außer-Haus-Verkauf dazu verdienen.“ Und auch der Schönheitschirurg von Gegenüber hat in seinem integrierten Kosmetik-Bereich volles Haus, behandelt auch viele von Janz’ Kunden. Nur weil er Arzt ist und mit medizinischer Relevanz seine Behandlungen begründet, darf er das. Darauf angesprochen meinte der Sachbearbeiter vom Gesundheitsamt. „Es gibt in der Ungleichheit keine Gerechtigkeit.“

Keiner hört uns

Ihrem Ärger über die Ungleichheit macht auch Anja Heide aus Weilheim an der Teck Luft: „Was mich ärgert: Es werden alle in einen Topf geworfen. Wir vergeben Termine und sind nicht Ikea oder Saturn, alle unsere Kontakte sind nachvollziehbar. Meine Bitte wäre, mehr zu differenzieren, aber keiner hört uns.“ Schon im ersten Lockdown hatte sie die Initiative ergriffen und verschiedenen regionalen Politiker gemailt, und sie um Unterstützung für die Kosmetikerinnen gebeten. Geholfen hat es nichts, aber sie macht weiter: Mails, Briefe, Telefonate.
Auch Anja Heide beschäftigt in ihrem Institut „Kosmetik und Wohlfühlen“ mehrere Mitarbeiter. Weil sie nur auf 4,6 und nicht fünf Festkräfte kommt, erhielt sie im Frühjahr für drei Monate auch nur 9.000 Euro Hilfe und nicht 15.000 Euro. „Die Abschlagszahlung für November und Dezember letzten Jahres habe ich am 15.1. 2021 bekommen. Inzwischen ist aber schon viermal die Miete fällig gewesen. Und von den 75 Prozent kriege ich im Endeffekt nur 50 Prozent, weil Gutscheine, KUG (Kurzarbeitergeld), Betriebsauto, etc. abgezogen werden.“ Dabei hat Anja Heide noch Glück. Sie hat viele Stammkunden, die sie mit Social Media-Beiträgen auf Facebook und Instagram versorgt. Sie verschickt Mailings mit Angeboten, denkt sich Aktionen aus. So legte sie ihren Briefen eine Probe eines neuen Produktes bei. „Es kommt viel Resonanz zurück, das rettet mich gerade“, gibt sie zu.

Schleppende Zahlungen

Doch der Produktverkauf reicht nicht. „Allenfalls für die Miete“, bestätigt Neslihan Oruc aus Gelsenkirchen. Sie führt ihren Salon „Chique Beauté“ zusammen mit einer Teilzeitkraft (in Kurzarbeit) und einer Aushilfskraft, die inzwischen arbeitslos ist. Oruc: „Die Unterstützung ist sehr mangelhaft. Die Abschlagszahlung für November habe ich im Dezember erhalten und Dezember im Januar, aber für die Kurzarbeit seit November habe ich bis heute nichts bekommen.
Von den Behörden keine Antwort auf Briefe, Mails, Telefonate.“ Um sich über Wasser zu halten, dreht auch sie Videos für ihre Social Media-Kanäle, wo sie Pflegerituale für zu Hause erklärt. Sie empfiehlt z.B. Ampullenkuren oder bietet spezielle Homepflege-Sets an. Für den Telefonverkauf mit Abholung geht sie zweimal pro Woche in ihr Geschäft. Um noch besser gerüstet zu sein für die kommenden Monate, hat sie jetzt auch einen eigenen Onlineshop eingerichtet.
"Dazu habe ich einen Schnellkredit bei der Bank beantragt. Das hat zum Glück zügig geklappt“, sagt sie. Die Raten für das Leasinggerät muss die Kosmetikerin trotz fehlender Nutzung weiter bezahlen. Aber der Vermieter hat ihr wenigstens Ratenzahlung eingeräumt. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn wie viele ihrer Kolleginnen fürchtet auch Neslihan Oruc, dass ihre Branche vor Ostern nicht wieder eröffnen darf. Sie sagt: „Ich spreche auch oft mit Kollegen. Viele sind fix und fertig, haben Depressionen, sind einfallslos, wie gelähmt…“ Gerade denen versuchen die Beauty-Frauen und auch einige männliche Kollegen wie die „Prachtburschen“ aus Münster aus dem Tief zu helfen.
Sie stellen unter #gemeinsamstark auf www.kosmetik-international.de Mutmacher-Videos ein, um weniger aktive Mitglieder der Branche aufzubauen, ihnen Tipps zu geben und moralische Unterstützung anzubieten.

Wir machen mit!

Auch wir können einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass unsere Lieblingssalons überleben. Beispielsweise kann man jetzt Behandlungen buchen und bezahlen (ohne nach Rabatt zu fragen, versteht sich), die man erst später in Anspruch nehmen wird. Sich vielleicht auch mal zu einer Maniküre, bzw. Pediküre anmelden, die man sonst aus Sparsamkeitsgründen zu Hause macht. Pflegeprodukte, die einem ausgehen, lieber bei der Kosmetikerin bestellen, anstatt bei Zalando, Amazon oder anderen Online-Riesen – auch wenn man dort vielleicht ein paar Euro spart.
Und hier noch mal unsere aktuelle Umfrage:

Welche Beauty-Behandlung vermisst Du am meisten (3 möglich)?

Photo Credit: Andrea Fabry

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