Neues vom Beauty Pro: Porentief nachgefragt

Foundation, Mascara, Lippenstift. Das ist sozusagen die Grundausstattung. Viele klatschen sich diese Kombi seit ihren Teenagerjahren täglich aufs Gesicht. Es ist eine Art Uniform, in die wir schlüpfen, um uns wohler zu fühlen. Das behaupten wir zumindest. Aber stimmt das auch oder steckt etwas ganz anderes dahinter? Diese Frage hat sich mir gestellt, seit ich mich nicht mehr einem täglichen Schmink-Diktat unterwerfe.
Wir machen unsere Haut brauner, die Wimpern voller, die Brauen dichter und die Lippen üppiger. Eigentlich alles Fake, wenn man es genau betrachtet. Je mehr man pimpt, um so unglücklicher wird man oft mit seinem natürlichen Aussehen. Denn trifft man morgens beim Bäcker jemanden, ungeschminkt, entschuldigt man sich fast sofort: „Entschuldigung, ich bin noch nicht geschminkt“. Warum entschuldigt man sich dafür, wie man nun mal naturgegeben aussieht oder will man damit der üblichen Frage seines Gegenübers zuvorkommen, ob es einem nicht gut gehe?
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Dolce & Gabbana, Frühjahr/Sommer 2021
Am Abend dann ist ohnehin Schluß mit dem ganzen Fake, weil (wenn man seine Haut liebt!) alles vom Gesicht runter muss, und man sich mit dem eigentlichen Ich im Badezimmerspiegel konfrontiert sieht. Ob es einem gefällt oder nicht. „Wir erschaffen selbst so eine unglaubliche Fallhöhe zwischen unserem komplett gepimpten Aussehen und der daneben fast unerträglichen Hässlichkeit unseres natürlichen Aussehens.“ So drastisch beschreibt es die aufmüpfige Deutsch-Britin Charlotte Roche („Feuchtgebiete“) in einem Artikel über das weibliche Schönheitsbewusstsein.

Diskrepanz zwischen ungeschminkt und geschminkt

Ganz so dramatisch sehe ich es zwar nicht, aber irgend etwas muss dran sein an der Diskrepanz zwischen dem Aussehen, das man von der Natur und den Genen mitbekommen hat und der Spachtelmasse, die wir Make-up nennen. Nimmt man das Beispiel von Alicia Keys, die 2016 ungeschminkt zu den MTV Video Music Awards erschien. Die halbe Welt hat sich darüber aufgeregt. Viele nannten es mutig, dass die Künstlerin sich ungeschminkt zu zeigen wagte. Andere bescheinigten ihr großes Selbstbewusstsein. Das hört sich an, als würde man sich öffentlich nackt machen, nur weil das Gesicht nicht geschminkt ist. Gleiches gilt für Magazin-Cover, für die mal ohne Make-up gearbeitet wurde (>>>). Bei einem Mann würde niemand hinterfragen, warum er so und nicht anders aussieht. Die Kerle zeigen sich uns immer „gesichtsnackt“ und keiner kommentiert es. Charlotte Roche sagt dazu: „Ich denke, wir sind das schöne Geschlecht? Warum müssen wir dann die ganze Zeit an unserem Aussehen rumschrauben und die Männer so: Deo und raus!“ (SZ-Magazin >>>)

Die ungeschminkte Wahrheit

Wenn ich eine Frau frage, warum sie sich schminkt, erhalte ich meist die Antwort: „Ich tue es für mich“. Das ist eine glatte Lüge. Schminken wird immer als eine Frage des Wohlbefindens dargestellt. Bei Beauty-Eingriffen ist die Reaktion übrigens immer genau die gleiche: Frau fühlt sich damit einfach besser. Das haben wir schon in Teenagertagen so gelernt – aus einschlägigen Magazinen, Schminkfibeln und Beauty-Tutorials. Aber ist es wirklich so? Ich glaube nicht.
Man fühlt sich nicht wohler, weil man eine Schicht Foundation auf der Haut trägt, sondern weil man mehr Anerkennung für sein Äußeres bekommt. Du siehst so strahlend aus! Dieser ebenmäßige Teint und die langen Wimpern… Für das wirkliche Gesicht, das mal blass und müde aussieht oder rot vor Aufregung ist oder auf irgendetwas mit einem Pickel reagiert hat, würde niemand Komplimente bekommen. Genauer betrachtet sind diese auch nicht mir zugedacht, sondern Chanel, Bobbi Brown oder von wem sonst die ganzen Schminkutensilien stammen.

Oben ohne

Ich bin jetzt keine militante Make-up-Gegnerin, aber ich nehme mir die Freiheit, öfter mal „oben ohne“ unter Leute zu gehen. Die Kommentare „Du siehst aber müde aus“, wenn die Augenringe mal etwas tiefer sind oder „bist ganz schön blass heute“, weil der gewohnt rote Lippenstift fehlt, nehme ich gelassen hin. In Teenagerzeiten wäre ich sofort nach Hause gerannt, um die fehlende Schminkarbeit nachzuholen. Doch damals haben selbst die coolsten Girls, denen die Meinung der anderen angeblich sonst wo vorbei ging, sich dem selbst verordneten Schmink-Dekret unterworfen. Es wurden längere Wimpern geklebt und vollere Lippen gemalt – und das alles im Namen der persönlichen Freiheit.
Lacoste Modepilot 2021
Lacoste, Frühjahr/Sommer 2021
Dabei haben wir heute die Freiheit, uns so zu zeigen, wie wir sind. Vorbei sind die Zeiten von Korsett-Qualen, Kleiderlängen, Perücken und Schönheitspflästerchen. Auch das Verdikt, dass nur Prostituierte Lippenstift tragen dürfen, ist schon längst nicht mehr gültig. Wir dürfen mit unserem Gesicht und unserem Körper eigentlich alles anstellen, was wir wollen. Wir dürfen uns tätowieren lassen, von Kopf bis Fuß rasieren oder die Lippen aufspritzen lassen bis sie einem Fischmaul ähneln. Nur eines trauen sich viele Frauen noch immer nicht: ungeschminkt aus dem Haus zu gehen.
Nichts gegen Make-up, wenn ein großer Event ansteht oder man gerade Lust darauf hat, etwas Neues auszuprobieren. Aber muss man zwanghaft vor dem Gang zum Bäcker erst mal den Gesichtsmalpinsel schwingen? Ich meine nicht. Und je öfter ich mir die Freiheit nehme, mich so zu zeigen wie ich bin, desto besser fühlt es sich an.
Photo Credit: Catwalkpictures

Kommentare

  • Andrea sagt:

    You made my day ❤
  • Petra sagt:

    dto. !
    • Margit Rüdiger sagt:

      Danke, liebe Petra, dass du dich meiner Meinung anschließt. Lg Margit
  • Simone sagt:

    Bravo ! 🙌🏼
    • Margit Rüdiger sagt:

      Danke, liebe Simone. lg Margit
  • Joe sagt:

    Als Mann kann ich hier nur zustimmen. Weniger ist oft mehr.
    • Margit Rüdiger sagt:

      Danke, Joe. Freut mich, dass auch immer mehr Männer sich der Weniger-ist-mehr-Devise anschließen.

      Liebe Grüße, Margit


  • Jessica sagt:

    Super 👏🏻👏🏻

    Ich muss gestehen, seit März schminke ich mich nur noch selten. Hätte mir das Jemand vor einem Jahr erzählt, hätte ich ihn vermutlich für verrückt erklärt!

    Alles begann damit, dass unsere Station (normalerweise eine Station für Innere Medizin) zur zusätzlichen Isolierstation für Corona Erkrankte wurde. Das bedeutet für uns Pflegekräfte arbeiten in kompletter Schutzausrüstung (u.a. FFP2-Maske, Schutzbrille bzw -visier sowie eine Haube für die Haare). Direkt nach dem ersten Dienst war klar: Make Up macht absolut keinen Sinn! Nach der ersten Stunde ist davon fast nichts mehr übrig und das was noch da ist, ist unschön verlaufen und verschmiert.

    Was zunächst total ungewohnt war und einiges an Überwindung gekostet hat (ich fühlte mich irgendwie "nackt"), ist für mich mittlerweile ganz normal und ich genieße besonders im Frühdienst die extra Zeit morgens im Bett!