Jil Sander im Modepilot-Interview

Jil Sander im Interview. Morgen launcht nach 11 Jahren endlich wieder eine neue J+ Kollektion bei Uniqlo, also eine von Jil Sander. Die Hamburgerin beantwortet anlässlich dieser erneuten Zusammenarbeit mit dem japanischen Einzelhändler meine Fragen. So eine Gelegenheit lasse ich mir natürlich – auch mit einem drei Wochen alten Sohn an der Brust – nicht entgehen!
2009 taten sich die beiden Modedemokraten also zum ersten Mal zusammen (>>>), es folgten zwei 'Best of'-Kollektionen. Erst jetzt also wieder eine neue J+ Kollektion mit weiteren echten Sander-Leckerbissen. Von der Modedesignerin wollte ich nun wissen, wie sie es fertig stellt, Blazer und Mäntel zu Uniqlo-Preisen zu entwerfen. Da wir doch alle ihre Vorliebe für feinste Materialien und beste Verarbeitung kennen. Aber ich wollte auch wissen, wie sie den Einfluss von Corona-Maßnahmen auf die Mode der Zukunft einschätzt.
Jil Sander by Peter Lindbergh Modepilot Interview
Jil Sander, fotografiert von Peter Lindbergh

Jil Sander im Interview

Wie geht es Ihnen?
Jil Sander: Mir geht es gut hier in Hamburg. Dank der intensiven Arbeit an der +J Kollektion bin ich zuversichtlich und konzentriert. Die kreative Arbeit ist eine gute Ablenkung von den enormen Problemen der Welt, die sich gerade ein wenig aufzulösen versprechen.
Sämtliche Einzelhändler würden sich die Finger nach einer Jil Sander-Kollektion abschlecken. Warum bekommt Uniqlo wieder den Zuschlag?
JS: Uniqlo ist ein Unternehmen, das meine Vision demokratischer Mode von hoher Material- und Entwurfsqualität realisieren kann. Das habe ich schon ausprobiert, und wir kennen uns. Deshalb bin ich zu meinen japanischen Partnern zurückgekehrt. Es ist mir einfach eine große Freude, durch Uniqlo so viele Menschen erreichen zu können. “Quality For All” ist unsere Devise. Deshalb bin ich glücklich darüber, dass die +J-Kollektion diese Woche an den Start geht.
Jil Sander Interview Modepilot
Die neue J+ Kollektion von Jil Sander für Uniqlo
Wie können wir uns die Zusammenarbeit vorstellen? Mit welchen Leuten arbeiten Sie da zusammen? Wie beginnt Ihr Arbeitsprozess und wie endet er?
JS: Ich arbeite großenteils mit demselben Team, das ich bei meiner ersten Uniqlo-Kooperation zusammengestellt habe. Es hat schon Erfahrung mit +J und meinem Arbeitsprozess. All meine Kollektionen beginnen mit der Stoffentwicklung, denn für meine Herangehensweise sind interessante, innovative Materialien eine wesentliche Inspiration und auch Hilfe. Wir fitten die Modelle in meinem Atelier und überprüfen die Prototypen. Es ist bei der Konzeption so einer konzentrierten Kollektion wichtig, dass sie ihre Aussage behält und relevant bleibt. Am Ende soll sie ästhetisch ein Ganzes darstellen und nicht nur aus Einzelteilen bestehen.

Die größte Herausforderung?

Was ist die größte Herausforderung beim Designen eines Mantels, der im Geschäft 130 Euro kosten soll, oder einem Blazer, der dann als 'tailored' auf den englischsprachigen Seiten beschrieben wird?
JS: Uniqlo Kaufkraft, Logistik und weltweites Distributionsnetz wirken sich auf das Preisniveau aus. Die Modelle werden in meinem Atelier entwickelt und seriell auf demselben Niveau produziert. Mit „tailored” bezeichnen wir handgenähte Doublefacemäntel und Jacken. Dabei sind wir immer auf der Suche nach höchster Verarbeitungsqualität.

Was bedeutet nachhaltiger Lebensstil für Sie?

In der Kollektionsbeschreibung von J+ wird unter anderem eine „nachhaltige Lebensweise“ genannt. Was bedeutet nachhaltiger Lebensstil für Sie?
JS: Nachhaltigkeit ist seit jeher ein Grundprinzip meines Designs. Was ich entwerfe, ist von dauerndem Material und auf Haltbarkeit gearbeitet. Ich sage gern, es gibt für alle Dinge nur eine Qualität, die es zu finden und zu erhalten gilt. Dabei kann es sich auch um ein Glas Wasser handeln. Nach dieser Maxime lebe ich auch privat.
Apropos Nachhaltigkeit: Vintage-Mode ist ja gerade wieder sehr angesagt und 20-Jährige entdecken Designerteile aus den Achtziger- und Neunzigerjahren für sich. Wenn Sie ihnen einen Tipp geben könnten: Nach welchen Jil Sander-Designerstücken sollten sie am besten Ausschau halten?
JS: Vintage ist ein kostbares Archiv, in dem man sich umsieht und durch das man viel über den eigenen Geschmack und die Möglichkeiten der Mode lernt. Aber ich vertraue auf die Gegenwart und möchte den Wandel in unserer ästhetischen Wahrnehmung in modernes Design übersetzen.
Welches Kollektionsstück aus der aktuellen J+-Kollektion ist das nachhaltigste und warum?
JS: Uniqlo achtet auf nachhaltige Materialien, das Unternehmen verwendet zum Beispiel nur ECI-Baumwolle und RDS-Standard-Daunen. Was das Design betrifft, sind dauerhafte Verarbeitung und stilistisch nachhaltiges Understatement mir bei allen Entwürfen wichtig.

Gibt es einen typischen Sander-Blazer?

Modepilot Jil Sander Interview Uniqlo
Die neue J+ Kampagne von Uniqlo
Gerade auch die Blazer tragen eindeutig Ihre Handschrift. Was hat sich am typischen Jil Sander-Blazer-Schnitt über die Jahre hinweg verändert?
JS: Während der Erarbeitung meiner Museumsausstellung in Frankfurt am Main vor drei Jahren hatte ich Gelegenheit, meine bisherigen Kollektionen Revue passieren zu lassen. Da gab es keinen typischen Blazerschnitt, auch wenn der Gesamteindruck der Kollektionen Konsistenz hatte. Denn ich habe die Schnitte laufend modernisiert, gerade bei Anzügen nach neuen Proportionen gesucht und die Verarbeitung überdacht. Darum verändert der Blazer sich ständig, aber er ist nie Konfektionsware.
Inwiefern hat unsere veränderte Lebenssituation durch das Coronavirus COVID-19 Einfluss darauf, was wir künftig tragen?
JS: In Krisen neigen wir eher zu elementaren und praktischen Lösungen. Auch schützende Volumen, in die man sich zurückziehen kann, gehören dazu, obwohl ich immer darauf achten würde, dass sie den individuellen Körpern angepasst sind und eine moderne Silhouette ergeben. Wichtiger scheint mir, dass wir in einer alle Menschen einbeziehenden Krise stärker spüren, was vergangen ist. In dieser Zeit sind viele von uns zuhause und räumen auf. Kritische Situationen sind Einschnitte, an denen wir uns neu orientieren. Das wollen wir auch in der Kleidung spüren.
Jil Sander Interview Modepilot
Die neue J+ Kollektion von Jil Sander für Uniqlo
Die neue J+ Kollektion wird vom 12.11.2020, um 8 Uhr, an in ausgewählten Uniqlo Stores und im Onlineshop zu kaufen sein – so lange der Vorrat reicht.
Photo Credit: Uniqlo, Peter Lindbergh, Giovanni Giannoni

Kommentare

  • Katha sagt:

    Ich bin sehr gespannt - das Lockbook ist überaus vielversprechend und ich hoffe, ich kann das ein oder andere Stück ergattern! 🙂
    • Kathrin Bierling sagt:

      Bestimmt! Wünsche Dir viel Glück dabei.

      Auf welche Stücke hast Du es denn abgesehen?


  • efz sagt:

    ich fass es nicht, was für ein Traum: Jil Sander + Uniqlo!!! Von Jil Sander Mode konnte ich lediglich träumen, von Uniqlo auch eine sehr geschätzte, feine Regenjacke erstehen. Ich freu mich unendlich über die Kooperation und kann es kaum erwarten, mein erstes Stück zu erwerben.....was wird es wohl sein? Mein Herz klopft!
  • efz sagt:

    P.S. Ich muss zugeben, dass ich Uniqlo als wertvoll erst vor 3 Jahren in Berlin entdeckt habe. Zuvor hat mich der "ungewöhnliche" Name von jeglichem Interesse abgehalten......auch weil es in den Städten, in denen ich lebe keinen Uniqloladen gibt.
  • Michaela sagt:

    Tolles Interview! Und...was für News, muss ich soch mal wieder bei Uniqlo vorbeischauen.
    • Kathrin Bierling sagt:

      Danke, liebe Michaela... und flx! 🙂
    • flx sagt:

      genau! ☝️🤓👌
  • Andrea sagt:

    Eine warme Jacke hätte Platz in meinem Schrank. Letztes Jahr habe ich ja meinen Bestand sehr reduziert. Vielen Dank für das interessante Interview mit dieser besonderen Künstlerin. Ein Kleid von ihr trage ich seit 15 Jahren.