Neues vom Beauty Pro: Porentief nachgefragt

Sich schön schlucken, z.B. mit Kollagen als Nahrungsergänzung? Nicht immer ohne Risiko!

Nutricosmetics boomen. Nicht nur in Apotheken und Drogeriemärkten, sondern auch in Prestige-Läden und Luxus-Beauty-Shops. Sogar in Supermärkten sind die Regale voll mit Nahrungsergänzungsmitteln. Viele Kosmetikkonzerne und auch kleinere Doctor Brands haben ihre Pflegelinien längst mit Pillen, Pülverchen und Drinks erweitert. Sie nennen es „Schönheit von innen“. Doch das neue Beautyfood hat seine Tücken.
Nahrungsergänzungsmittel Schönheit Risiken
Pillen immer dabei? Moschino, Sommer 2017

Beautyfood per Mausklick

Karen Grant hat als Global Beauty Industry Analyst des US-Marktforschungsinstituts NPD Group den Markt genau im Blick. Sie sagt: „Weltweit wird mit Beauty-Supplements ein Umsatz von 133 Milliarden US-Dollar gemacht.“ Die Deutschen gaben 2018 über zwei Milliarden Euro für Nahrungsergänzungsmittel aus, Tendenz steigend. Einen Großteil davon machen Online-Versender aus. Gibt man beispielsweise auf dem Edel-Online-Portal Net-a-porter „Nahrungsergänzungsmittel“ ein, bekommt man nicht weniger als 94 Produkte gezeigt, die Schönheit zum Schlucken versprechen. Und wer hat nicht schon mal sein Magnesium oder Vitamin C online bestellt? Oder hat bei einem Posting auf Instagram auf „jetzt bestellen“ geklickt, wenn ein „Glow Inner Beauty Powder“ oder das „Ageless Beauty Vitamin“ angepriesen wurde. Ich auch! Trotzdem habe ich jedes Mal die Liste der Inhaltsstoffe genau studiert. Und das sollte man auch.

Schlucken statt schmieren

Untersuchungen nach sind es gerade die Millenials in Europa und Asien, die immer häufiger einen proaktiven Ansatz der Hautpflege wählen. Sie wenden sich ab von Mutters traditionellen Pflegeprodukten, besonders von Anti-Aging-Cremes und werfen lieber Pillen, Pulver, Shots und Tees ein für eine Overall-Wellness. Prominente Beauties tun das Ihrige dazu. So wirbt Heidi Klum für eine Tablette, dank der „ihre Haut, Haare und Nägel so wunderbar wie nie sind“. Gwyneth Paltrow verkauft unter „Goop Wellness“ diverse Sticks und Gums für mehr Energie, einen klaren Kopf und Glow für die Haut. Ihr Pillen-Cocktail „The Mother Load“ für Frauen vor, während und nach der Schwangerschaft, ist allerdings bereits schwer unter Experten-Beschuss geraten. Laut WHO (World Health Organisation) sollen Schwangere keine Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, die Vitamin A enthalten, es könnte dem ungeborenen Kind schaden.

Erreicht Kollagen als Nahrungsergänzung die Hautzellen überhaupt?

Schaut man sich die Inhaltsstoffe auf den Packungen an, ist gegen die meisten erst mal nichts einzuwenden. Häufig sind es körpereigene Substanzen wie Kollagen und Hyaluronsäure, die für Straffheit von Haut und Bindegewebe sorgen und deren Produktion im Körper sich schon ab dem 20. Lebensjahr reduziert. Hinzu kommen meist Mineralstoffe, Spurenelemente wie Zink, verschiedene Vitamine und Anti-Oxidantien.
Pill bag Moschino Modepilot
Pillen on the go? Handtasche von Moschino in 2017
Es gibt sogar schon Gummibärchen mit Hyaluronsäure und Kollagen, z.B. Bears Benefits. Wissenschaftler halten es allerdings für unwahrscheinlich, dass Kollagen als Nahrungsergänzung (also oral aufgenommen) die Magen-Darm-Passage unbeschadet übersteht und am Ende tatsächlich die Hautzellen erreicht. Wenig glaubhaft sind auch wissenschaftliche Studien, auf die Hersteller gerne verweisen. In der Regel hat die Firma sie selbst in Auftrag gegeben oder die Testgruppen sind so klein, dass das Ergebnis wenig repräsentativ ist. In einer Meta-Analyse werteten Forscher aus Baltimore die Daten von knapp einer Million Menschen aus 277 Einzelstudien aus. Untersucht wurden die Vitamine A bis D, Kalzium, Folsäure, Eisen und Fischöl – als Einzelsubstanz und in Kombinationspräparaten im Hinblick auf ihre gesundheitlichen Vorteile.
Ihr Fazit: Die meisten der Ergänzungsmittel haben zwar keine schädliche Wirkung, aber die wenigsten verbessern die Gesundheit – und wenn, nur für spezielle Zielgruppen.

Auf die Dosis achten

Überhaupt: Je größer die Versprechen auf der Verpackung, desto vorsichtiger sollte man sein. Einzelne Inhaltsstoffe haben sicher die verschiedensten klinischen Studien durchlaufen und sind erprobt. Doch was ist, wenn diese in einem Produkt kombiniert werden. Über deren Wirkung und Effektivität gibt es wahrscheinlich keinen weiteren Nachweis. Was man vermeiden sollte: Wenn man schon ein kombiniertes Supplement schluckt – beispielsweise für Haut, Haare, Nägel –, nicht zusätzlich noch Vitamine und Mineralstoffe einzunehmen. Gerade bei B-Vitaminen kann es bei einer Überdosierung zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen.
Zu viel des Schwangeren-Vitamins B9 (Folsäure) beispielsweise kann zu Nervosität, Schlafproblemen oder Magen-Darm-Störungen führen. In Deutschland ist Folsäure übrigens das einzige Vitamin, bei dem laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung die empfohlene Tageszufuhr nicht erreicht wird. Sie empfiehlt daher eine folatreiche Ernährung mit viel grünem Gemüse und Hülsenfrüchten. Die Ernährungswissenschaftlerin Daniela Graf vom Max-Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, warnt davor, allzu sorglos Nahrungsergänzungsmittel zu konsumieren – ganz gleich, ob für gesunde Ernährung oder schöne Haut: „Ein Zuviel der Inhaltsstoffe kann zu negativen Wirkungen führen, insbesondere dann, wenn gleichzeitig Medikamente eingenommen werden.“
Sie bevorzugt frische Lebensmittel statt sie durch Pulver und Kapseln zu ersetzen, denn „viele belegte Wirkungen von Obst und Gemüse lassen sich nicht auf einzelne Substanzen zurückführen. Schon gar nicht auf die enthaltenen Vitamine oder Mineralstoffe“.

Less is more

„Weniger ist mehr, straffen Sie Ihre tägliche Supplement-Routine“, empfiehlt auch die englische Lifestyle- und Ernährungsexpertin Louise Parker. Ihr vertrauen viele Celebrities wie Emma Thompson. Sie war es auch, die die Duchess of Cambridge nach ihrer ersten Schwangerschaft schnell wieder in Bestfigurform gebracht hat. Parker bezweifelt, dass jemand täglich mehr als drei Nahrungsergänzungsmittel nehmen sollte.
„Vertrauenswürdige Hersteller von Supplements listen ihre Inhaltsstoffe auf, ohne große Versprechungen zu machen. Sie vertrauen auf die Expertise eines Arztes oder Ernährungsberaters, um ein geeignetes Produkt herauszufinden nach Überprüfung des individuellen Lifestyles und erfolgten Bluttests.“ Deshalb habe ich meine neueste Entdeckung, Sirt-Kapseln, auch zuerst mit meiner Ärztin besprochen und von ihr testen lassen, ob ich sie überhaupt brauche. Die Kapseln enthalten pflanzliche Substanzen, die eine bestimmte Enzym-Gruppe im Körper, die Sirtuine, aktivieren. Diese werden mit der Zellregeneration und dem menschlichen Alterungsprozess in Verbindung gebracht. Der Stoffwechsel kommt auf Trab und die Immunabwehr wird optimiert. Also: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!
Kollagen als Nahrungsergänzung
Handtasche in Pillendosen-Form von Moschino von 2017
Photo Credit: Catwalkpictures

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