„Es gibt noch so viele Materialien, die ich noch nicht gefaltet habe.”

Jule Waibel ist Designerin, ihr wichtigstes Werkzeug: heißer Dampf. Die Stuttgarterin lebt seit zweieinhalb Jahren in Berlin, wo sie ihre Faltkunst weiterentwickelt – zu wunderschönen Kleidern, Möbeln und anderen Gegenständen. Beigbracht hatte sich Waibel die ersten Falttechniken während ihres Studiums am Royal College of Art in London.
Badeanzug von Jule Waibel
Ich treffe die 32-Jährige im Departmentstore Lodenfrey. Für eine Auftragsarbeit kam sie nach München: 30 Meter Denimstoff kunstvoll in Rauten zu vier Meter Schaufensterdekoartion gefältelt und gebügelt. Drumherum sind die neuen Jeansmodelle von '7 For All Mankind' ausgestellt.
Waibel selbst ist kein '7 For All Mankind'-Typ. Die Jeanshose, die sie trägt, ist ohne Stretchanteil, karottig und bis zum Bauchnabel geschnitten. Anders als bei den Lodenfrey-Kundinnen an diesem Donnerstagmorgen kommen ihre Sneaker ganz ohne Nieten und Keilabsatz aus. Dafür trägt sie weiße Socken zur knöchelfreien Jeans. Soweit sind die Münchnerinnen noch nicht.
Jule Waibel auf einem ihrer Hocker aus Kork
Warum bist Du von London nach Berlin gegangen?
Waibel: „Ich war fünf Jahre in London, der Brexit drohte, und es wurde eh Zeit für mich, eine neue Stadt kennenzulernen. Viel hatte ich noch nicht gesehen. Ich dachte an Paris oder New York, aber mein Bruder (Sänger Cro, Anm. d. Red.) meinte, dass Berlin cool sei und das Richtige für mich. Er hatte Recht. Ich habe die Entscheidung nie bereut, hierher gekommen zu sein – in Berlin fühle ich mich zuhause. Hier kann ich mir auch – im Vergleich zu London, Paris oder New York – ein großes Atelier leisten.”
Kleider aus einer Kooperation mit Jasmine Deporta
Glaubst Du, dass man als junge, deutsche Designerin eine Stadt wie London, Paris oder New York braucht – als Sprungbrett –, um in Deutschland Fuß zu fassen?
Waibel: „Es ist eher so, dass man durch so einen Aufenthalt einen Blick auf die Welt bekommt und beginnt, größer zu denken. Das hilft einem beim Aufbau der eigenen Marke natürlich. Seit Kurzem habe ich zwei Mitarbeiter: eine Couture-Schneiderin für die Mode und einen Produktdesigner, der mit mir die Stoffe für die Möbel faltet.”
In Falten gepresstes Denim für Mustang Jeans
Woher kommt die Leidenschaft fürs Falten?
Waibel: „Wir hatten im Studium diese Aufgabe, Minimum und Maximum zusammen zu bringen. Da kam mir die Idee einer Vase, die im gefüllten Zustand ihre Maximalgröße erreicht und im leeren Zustand flach gefaltet werden kann. Ich kaufte mir Bücher und schaute mir Youtube-Videos an, um mir verschiedene Falttechniken beizubringen. Ich probierte lauter Materialien aus, besorgte mir ständig neue, vom Duschvorhang bis zu flüssigem Latex.”
Vasen aus Acryl
Und bis heute hält diese Leidenschaft und Suche an oder verliert sie langsam an Reiz?
Waibel: „Überhaupt nicht! Es gibt noch so viele Materialien, die ich noch nicht gefaltet habe! Außerdem hat es etwas Meditatives für mich – ich bin sonst ein sehr ungeduldiger Mensch, aber diese Arbeit beruhigt mich. Ich kann dabei ganz stoisch ein Ziel verfolgen.”
Würdest Du für H&M eine Kollektion entwerfen?
Waibel: „Schwierig. Ich hatte auch schon Gespräche mit Ikea, die scheiterten. Weil ich es einfach schwierig finde, wenn ich nicht weiß, wo die Dinge hergestellt werden. Außerdem müsste ich die Falttechnik dann erst einmal den Leuten in China beibringen.”
Photos by: Jule Waibel

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