Modeschreck: Patchwork-Mäntel

Ein Phänomen: der Erfolg des bunten Patchworkmantels von Desigual. Wir sehen ihn überall auf der Straße, sogar in Deutschland. Hier, wo sich Frauen doch sonst kaum an Farb- und Musterkombinationen wagen! Dabei besteht er im Grunde aus Stoffstücken, die für sich allein genommen schon nicht besonders schön sind. Die Stoffrestposten-Kombinationen sorgen bei uns und unseren Modekollegen geradezu für Verstörung. Warum tragen Frauen so etwas?!
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Bestimmt schon häufiger auf der Straße gesehen: Patchwork-Mäntel von Desigual
Eine mögliche Erklärung: Wir wurden auf wildes Patchwork konditioniert. Frauen, die sich für solch einen Mantel entscheiden, wurden als Kind – wie ich damals – mit der Kindermodenmarke Oilily malträtiert. Das war in den Achtzigerjahren, als es keine anderen Modemarken in Kinderboutiquen gab. In Frankreich gab es, neben Oilily, auch Einfarbiges von Dior und Lacoste für Kinder, hier nicht. Wir hatten nur diese, hach so fröhlichen, und angeblich kindgerechten Muster-Zusammenstöße zur Auswahl. Dabei soll man Kinder doch vor Reizüberflutung beschützen!
Ich startete mit einer ganz natürlichen Abwehrhaltung, die mir von Karlsruher Shopbetreibern fast abtrainiert wurde. Meine Mutter war dem Nervenzusammenbruch nahe, als ich das erste Mal vor so einer Ladentheke stand und immerzu „Nein, mag ich nicht" sagte. Irgendwann gab es keine weitere Winterjacke mehr in meiner Größe zum Vorlegen. Es gab keine unifarbene in Dunkelblau, also fror ich lieber.
Wäre das Shoppingparadies Straßburg nicht in der Nähe gelegen und hätten meine Eltern nicht so viel Geduld mit mir gehabt, würde ich heute vermutlich nach dem antrainierten Muster leben wie so viele andere, denen ich auf der Straße begegne.

Typisch Desigual

Was ist los mit der deutschen Frau? Sie ist entschlossener als alle anderen, wenn es um Mülltrennung geht. Auch mit dem Einkaufen nimmt sie es genauer: Von Mode-Onlineshopbetreibern weiß ich, dass sie für ihre deutschen Seiten extra die Materialangaben einsetzen lassen – selbst, wenn sie auf der amerikanischen Seite nicht vermerkt sind. „Die deutsche Frau möchte wissen, aus welcher Wolle der Pulli ist", heißt es, wenn ich mit ihnen spreche. Am liebsten kauft die deutsche Kundin Einfarbiges in Braun, verriet man mir bei der Yoox-Gruppe >>> Wir gelten als solide, überlegt und bodenständig. Und dann bricht plötzlich die Sehnsucht nach einem überzogenen Blumenkinder-Lebensgefühl und Material-Potpourri durch?

Es gibt etwas dazwischen:

(z.B. von Marni, Miu Miu und Dries Van Noten):
Photo Credit: Catwalkpictures

Kommentare

  • StephKat sagt:

    Ganz schlimm. Aber das finde ich schon, seit es die Marke gibt. Die Mäntel sind allerdings die Krönung.

    Mit Custo hat es angefangen und dann sind die Spanier irgendwie ausgeflippt.


  • Hannes sagt:

    Wenn ich ketzerisch wäre, dann würde ich jetzt schreiben, dass zwischen den Exzessen von Alessandro Michele und denen von Desigual eigentlich kein großer Unterschied besteht. Mal vom Preis abgesehen.
  • FrauMartha sagt:

    ich fühle mir in den kopf geschaut.... genau diesen oilily-vergleich habe ich letzt erst gezogen und freue mich sehr, mit meinem unverständnis für das desigual-phänomen nicht allein dazustehen. meiner meinung nach ist das übrigens der vermeintliche ausbruch aus uniformiertheit und spießigkeit. nur ist es dann halt leider so gar nicht.
  • katha sagt:

    Desigual ist mir ein Rätsel, für mein Auge so in etwa wie die "das bewegte Auge"-3D-Bilder aus den Neunzigern. Ich würde es nicht anziehen, wenn ich Geld dafür bekommen würde...Aber habe mir in der Tat schon häufiger gedacht, dass ich es eigentlich gut finde, wenn gerade deutsche Frauen die Marke tragen - mal ein optisch-fröhlicher Gegensatz zu dem mutlosen einerlei braungrauschwarz.