Kann Kanye Mode?

Kanye West macht gute Musik. Das finde ich wirklich. Kanye West zieht sich außerdem sehr gut an. Auch das ist tatsächlich ganz nach meinem Geschmack. Aber Kanye West möchte auch unbedingt zu den Großen der Modewelt gehören. Und an diesem Punkt habe ich ein Problem. Er hat sich an Anna Wintour herangepirscht und sich mit ihr angefreundet, seine Frau Kim Kardashian zu einer Kunstfigur gemacht, die er strategisch klug in sämtlichen Modemagazinen platziert. er Er shoppt sich regelmäßig quer durch die Prêt-à-Porter, so dass die von ihm favorisierten Labels schon wenige Wochen später zur Grundausstattung jedes nachahmenden Fußballers gehören. Ob man sich für diese Designer (unter ihnen Margiela und Haider Ackermann) freuen darf, weil der Name in die Welt hinaus gerappt wird, oder ob sie einem eher Leid tun müssen – darüber lässt sich streiten. Margiela jedenfalls hasst den Song „Niggas in Paris“ und hört seinen Namen darin überhaupt nicht gerne, so erzählte es mir kürzlich eine langjährige Bekannte von ihm in Antwerpen.

  Nun hat Kanye West seine neue „Yeezy“-Kollektion in Kooperation mit Adidas am vorletzten Tag der New York Fashion Week präsentiert. Die Einladungen dazu wurden am Samstag, fünf Tage vor der Show, verschickt. Zuvor tauchten weder die Namen Yeezy noch Kanye West im offiziellen Schauenkalender auf. Das hat für reichlich Presse gesorgt (gut gemacht), ist aber respektlos gegenüber den Designern, die aus Angst vor mangelnder Presse (zu recht) ihren Show-Slot verlegen mussten. Die Front Row bei Yeezy war dann übrigens sehr gut besetzt. Unter anderem mit den Kim-Schwestern und Halbschwestern (Reality Soap: „Keeping Up with the Kardashians“) Kourtney und Khloé Kardashian und Kendall Jenner, sowie Rapper Tyga und 2 Chainz, Givenchy-Designer Riccardo Tisci und die Sängerinnen Lorde und Debbie Harry. Kim, ebenso fleischfarben gekleidet wie die Kollektion und ihr Editorial für das Love Magazin, saß gemeinsam mit Tochter North neben Anna Wintour, die wiederum gewohnt elegant gekleidet war.

  DEAR KANYE, SORRY BUT SHE STOLE THE SHOW ? @kimkardashian #kanyewest #north #yeezy #gang #family   Ein von riccardotisci17 (@riccardotisci17) gepostetes Foto am

New York Fashion Week: Kann Kanye Mode?

Aber zurück zur Show: Die sah dann letztendlich aus wie schon die Premiere der Yeezy-Kollektion. Die Präsentation ist wie in der vergangenen Saison in Zusammenarbeit mit der Performance-Künstlerin Vanessa Beecroft entstanden, die Models marschierten erneut militärisch ein, wenn auch dieses Mal als Reaktion auf die explizit geschrieenen Anweisungen eines Drill Instructors, und sie trugen erneut Leggings, Parkas und Sweaters in neutralen Tönen, die exakt an die Hautfarbe des jeweiligen Models angepasst waren. Sie erschienen nach Hautfarbe sortiert – von hell nach dunkel – auf dem Laufsteg. Und sie trugen überwiegend Yeezy Boosts. Mehr schreiben die internationalen Modekritiker über die Mode in dieser Kollektion übrigens auch nicht. Es gibt kein explizites Lob, aber auch keine Kritik. Vielleicht weil man es sich mit dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten von 2020 (das hat er während der MTV Video Music Awards angedroht) nicht verscherzen möchte…

#YEEZYBOOST 750. Coming soon. ?: @highsnobiety Ein von adidas Originals (@adidasoriginals) gepostetes Foto am

 

Das Problem ist aber eigentlich, dass es zu der Kollektion auch nicht viel mehr zu sagen gibt. Die Show war ein recht amüsantes Spektakel, wenn sie die Übertragung auf weltweit ausgewählte Kinoleinwände (in Deutschland in Frankfurt und Berlin) auch nicht rechtfertigt. Die besagten Leggings, Sweaters und Parkas sind in Adidas-Manier sportlich-solide, über weite Strecken sogar wirklich schön und von dem eigenen Kleiderschrank der Wests geprägt (der hautenge Teil von Kim und der lässige Teil von Kanye). Aber sie zeugen von keinem modischen Genie. In den letzten Wochen, so erzählen es sich einige Designer aus Antwerpen untereinander, sieht man Kanye West immer mal wieder durch die belgische Modestadt streifen. Naheliegend scheint: Er war auf der Suche nach Inspiration (gar nicht blöd) für diese Kollektion. Denn die sieht abermals aus wie eine Mixtur aus Martin Margielas Vorliebe für den fleischfarbenen Nylon-Strumpf, den wiederkehrenden Militär-Elementen A.F. Vandevorsts und der Streetwear von Raf Simons.

Im März wollte Kanye West gemeinsam mit seiner angetrauten Kim übrigens die Show von Dries Van Noten in Paris besuchen. Der unabhängige Designer, ohne nach noch mehr Umsätzen lechzendes Konglomerat im Rücken, war von dieser Idee so gar nicht begeistert und musste gemeinsam mit seinem Pressesprecher eine freundliche Absage formulieren. Dries wird schon wissen warum.

Photo By: adidas
10 Kommentare zu
“Kann Kanye Mode?”
    • Isa, die Belgier sind cool. Die wollten auch nicht Johnny Hallyday, als der plötzlich aus Steuergründen Belgier werden wollte. Der bekam eine Absage. Und Monsieur LVMH-Arnaud haben sie es so vermiest, dass er auch seine Bewerbung zurück zog. Ein kleines Land mit Rückgrat.

  • Liebe Lisa!

    Ein bisschen beleidigt bist du schon, dass du – wenn überhaupt – nicht vorne dabei sein durftest, oder?

    Gordon

    • Höhö, sprach der Mann von der deutschen GQ, wo man all das nicht schreiben darf, was wir dürfen 😉 Aber, hey, ich freue mich, dass du dich bei uns einschaltest, lieber Gordon! Wann gehen wir essen?
      Liebe Grüße,
      Kathrin

      • Huch, hatte gar nicht gesehen, dass du / ihr mir geantwortet habt. Essen gehen? Gerne. Bin aber nächste Woche im Urlaub, wäre dann also letzte November- oder erste Dezemberwoche.

        Gordon

  • Die Kollektion ist nicht meins, um Beige mache ich sowieso immer schon einen großen Bogen und Hauttöne brauchen High-Fashion. Aber ergal, Kanye West ist ohnehin nur das Rolemodel der Kollektion.

    Zu diesem kleinen Seitenhieb muss ich aber was sagen: „Der unabhängige Designer, ohne nach noch mehr Umsätzen lechzendes Konglomerat im Rücken … Ich mag Dries van Noten auch, finde das Unternehmen faszinierend; aber das was Du da als Konlomerat, das nach immer mehr Umsatz lechzt, bezeichnest, sind Luxus- und Modekonzerne, ohne die es a) heute nicht mehr geht; wer sollte denn die weltweite Distribution finanzieren? … und b), die den besten Kreateuren wie z.B. Raf Simons und Kollegen tolle Rahmenbedingungen bieten. Erfolg und Autonomie von Dries van Noten bilden ja eher die Ausnahme. Ansonsten: Nur wenn man groß ist und Millarden mit High-Fashion und Luxusgütern macht, dreht man das Rad der Luxusmode in der richtigen Richtung. Das kostet ja auch alles ein paar Euro, woran wir uns dann mit Begiesterung hochziehen.

    • Liebe Eva,

      ich freue mich über deine Anmerkungen.
      Mit meinem kleinen Nebensatz möchte ich allerdings keinesfalls die Bedeutung dieser Konzerne infrage stellen, sondern lediglich sagen: Dries van Noten darf auf Promis, die ihm nicht passen, in der ersten Reihe verzichten, weil sich niemand im Hintergrund freut, eine gewinnbringende PR-Geschichte daraus zu stricken.

      Ob allerdings Raf Simons so glücklich mit den „tollen Rahmenbedingunge“ ist, stellen wir vielleicht an anderer Stelle noch einmal zur Diskussion… 🙂

      Liebe Grüße,
      Lisa

  • Liebe Lisa,

    Dir vielen Dank …

    Mir sind all die Kims und Kanyes dieser Welt nebst It-Models und It-Bloggerinnen in der Frontrow auch suspekt, darin stimm e ich Dir zu. Am schlimmsten ist, dass Fachfrauen wie Mrs. Wintour diesen Zirkus nicht nur mitmachen sondern sogar noch befeuern.

    Ich kann zu Raf Simons und seinen Arbeitsrahmenbedingungen im Moment nur sagen, dass die Kollektionen stimmen … und zwar inklusive den Cash Cows Handtaschen und Accessoires … bin also gespannt auf Eure Insiderberichte 🙂

    Liebe Grüße

    Eva

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