Reportage: Mainland im Land des Lächelns

Wo war ich also? Genau, in China, noch genauer: in Peking. Dort findet einmal jährlich die Modemesse Chic statt, parallel zur Fashion Week. Und das Ganze habe ich mir angeschaut - gleichzeitig Mainlands Premiere in Fernost.
Die Messe
Die Chic sieht auf den ersten Blick überhaupt nicht anders aus als Messen bei uns (im Gedenken an die CPD in Düsseldorf etwa), etwas anonym, ziemlich groß, viel zu laufen, teilweise nichtssagende Mode. Messe eben.
Dabei vergisst man aber schnell, dass das Geschäft in der Masse eben doch dort statt findet. Während sich das Geschehen bei uns verlagert hat auf Showrooms, werden in China wichtige Kontakte immer noch auf der Messe und in deren Umfeld geknüpft - hier wird allerdings in der Regel nicht die Kollektion geordert, sondern man lernt Partner fürs Franchisegeschäft von Monobrandläden oder für die Distribution kennen. Multibrandläden gehören in China bisher (noch) nicht zur Normalität, hier gibt es hauptsächlich Ketten und eben Monobrand Stores. Klamotten hängen zwar auf den Messeständen, aber helfen mehr das Image der Marke zu transportieren als konkret die Trends einer Saison.
Noch ein Unterschied: Auf der Chic sind auch Endverbraucher zugelassen. Bei 100.000 Besuchern nach vier Tagen Messe lässt sich also nicht mehr so genau sagen, wer da Geschäft macht und wer nur mal gucken und ein paar bunte Tüten abgreifen will.
Wer stellt aus: an die 1.000 Kollektionen sind zu sehen, viele aus China (unten GGPX), ...
...aber auch aus anderen asiatischen Ländern, wie etwa aus dem Nachbarland Korea. Hier ein Beispiel einer etwas "cooleren" Marke: Kravitz - die stark auf Patchwork setzen:
Nicht ganz untypisch: Kravitz steuern noch nicht die Expansion nach Europa an - warum auch? Der chinesische Markt (so denn er mal richtig ins Rollen kommt) bietet jede Menge Absatzpotential. Das macht es wiederum für internationale bzw. europäische Marken interessant, sich dort zu präsentieren (s.u. Arrow aus den USA).
Das geschieht meist gebündelt: Deutschland, Frankreich und Italien sind in der "Overseas"-Halle mit Länderpavillons vertreten. So kam auch das Foto ganz oben zustande - in der Lounge des deutschen Pavillons wird man daran erinnert, dass der Staat das Treiben unterstützt. Die Labels, die dort ausstellen (und natürlich auch für den Auftritt bezahlen), sind allesamt aus der mittleren Kategorie, so wie Marc Cain, Monari, Gerry Weber oder Vanilia.
Luxus sucht man hier vergeblich - aber laut Aussage des Chefs des chinesischen Kleiderverbands ist das auch gewünscht: auf der Chic soll es um den Massen- und Mittelmarkt gehen, denn darin liege in China die Zukunft; das Luxussegment stelle, anders als immer dargestellt wird, nur eine Nische dar. Stimmt, und gleichzeitig kann man sagen: das Ambiente ist für Luxusmarken einfach auch zu piefig, zumal die großen Häuser wie Prada, Louis Vuitton, Burberry, Gucci, Chanel, Marni, Bottega Veneta, usw. mit eigenen Läden in den chinesischen Malls sowieso schon alle vertreten sind. Immerhin: die Italiener leisten sich zusätzlich einen Imagestand auf der Messe und zeigen ein bisschen Italo-Schick mit einzelnen Outfits von MSGM, Valentino, Les Copains, MaxMara, Marni und Co.:
Das scheint sich zu lohnen, denn in der Nachfrage nach ausländischen Marken steht Italien bei den Chinesen am höchsten im Kurs (wir schneiden bei Autos ganz gut ab, entsprechend sieht man häufig BMW, Audi und Mercedes auf Pekings Straßen - welche Überraschung!).
China Fashion Week
Wie erwähnt, lief parallel die Fashion Week, gesponsert von Mercedes-Benz. Das ist nun so eine Sache: alles ist stark westlich angehaucht und sehr professionell, aber modisch gesehen leider nicht so interessant, zumal extrem viel Anlassmode gezeigt wird, hier von Farmory Cai Zhonghan:
Für die Herren sah es dann schon eher mal nach Alltagsmode aus, Beispiele von Dancing Wolves:
Der Nachwuchs wird ebenfalls gefördert, hier zwei Looks vom WSM China Knitwear Contest:
Und ein bisschen ausländische Beteiligung gab es auch, um neue Märkte zu erobern (in Italien ist ja tote Hose) - hier der italienische Nachwuchsstar Gabriele Colangelo:
Unterm Strich ist das meiste entweder überdesignt, zu normal oder Red Carpet - das hochwertige Design fehlt und daher reißt einen das sicher alles noch nicht vom Hocker, aber sobald die Chinesen beginnen, sich mehr auf ihren eigenen Geschmack zu verlassen und ihre Tradition mit neuen Designs vermischen, kann das sehr spannend werden. Das Label Jefen von Xie Feng könnte sich in eine derartige Richtung entwickeln:
Auch interessant fand ich Wang Peiyi:
Bis es soweit ist, wird es wohl noch ein bisschen dauern, und die optische Dominanz des Westens ist allgegenwärtig. Das sieht man nicht zuletzt im Styling der Fashion-Chinesinnen - an dieser Selle muss ich Jing Yin zeigen (rechts im Bild, daneben mit Linda Wang von Butterfly PR), die mit ihrer Agentur Jam ausländische Marken nach China bringt und immer dermaßen top aussieht, dass ich sie bald mal zu einem Beauty-Interview überreden werde:
Apropos Beauty - das westliche Schönheitsideal ist auch in jeder Kosmetikabteilung präsent - die Haut aufzuhellen und möglichst europäisch auszusehen, gilt nach wie vor als DAS Erstrebenswerteste überhaupt, Sommersprossen sind verhasst:
Die Stadt
In vier Tagen bekommt man sicher nur einen oberflächlichen Eindruck dieser Riesen-Metropole - allein die zehnspurige Straße vorm Hotel mitten im Zentrum lässt die Dimensionen erahnen:
Mit Smog muss man hier leben, Leitungswasser zu trinken sollte man tunlichst vermeiden - China weiß, dass es in puncto Umweltschutz dringend etwas unternehmen muss, sonst fährt das Ding hier vor die Wand - dabei geht es leider nicht ums Moralische, sondern ums Wirtschaftliche. Man ist hier fest entschlossen, DIE Wirtschaftsmacht überhaupt zu werden (wenn man es nicht schon ist). Da kommt noch nicht jeder Bewohner mit, und entsprechend ist Peking geprägt von den Gegensätzen der alten Stadt des 19. Jahrhunderts bzw. des kaiserlichen Chinas, des maoistischen Regimes des 20. Jahrhunderts und der Modernität des 21. Jahrhunderts. Einstöckige Hütten zwischen Glaspalästen und kommunistischen Repräsentationsbauten prägen das Stadtbild. Zu einem intensiven Kulturprogramm hatte ich leider keine Zeit, immerhin: für einen Besuch der Chinesischen Mauer hat es am Ende noch gereicht - ein eindrucksvolles Erlebnis, und nur eines der vielen, die das kulturelle Leben hier bietet. Kleiner Exkurs: das Thema Menschenrechte ist ein schwieriges und wird tunlichst in Gesprächen vermieden. Unter den Teppich kehren lässt es sich aber nicht, und diejenigen Chinesen, die reisen oder längere Zeit im Ausland verbracht haben, sind sich sehr wohl bewusst, dass hier nicht alles Gold ist, was glänzt. Diese Erfahrung habe ich mit unseren Guides gemacht, die im Ausland studiert haben und von sich aus das Thema Tibet bei unserer Gruppe ansprachen.
Das Shopping
Dominiert wird alles von großen Department Stores, Monobrand Läden der bekannten Marken (von Uniqlo über H&M bis oben erwähnte Luxusbrands), das alles findet in der Regel in Malls statt, die sich in keinster Weise von unseren unterscheiden, alles da, was das Herz begehrt.
Eine der wenigen Multibrand-Ausnahmen ist Joyce, Luxusladenkette aus Hongkong, die Marken wie Sacai, Balmain, Alexander Wang, Givenchy oder Balenciaga führt
Designersachen in China zu kaufen, lohnt sich für uns nicht - alles ist etwa 20% teurer. Und nicht in europäischen Monstergrößen vorhanden - diese Erfahrung durfte ich bei Gucci machen, als ich die Verkäuferin nach Schuhen in 41 oder größer fragte und sie mich ansah, als ob ich drei Arme hätte.
Wer drauf steht, kann sich natürlich auch mit Fakes eindecken, etwa im Sanlitun Yashow Clothing Market - sehr ramschig, meins ist es nicht - aber es gibt darin im obersten Stockwerk ein paar Buden, die exzellente Fußmassagen und günstige Pediküre verabreichen.
Sehr gehypt ist momentan der Art District, in dem auch die Fashion Week ihr Lager aufgeschlagen hatte. Wie der Name sagt, sind hier ein paar gute Galerien ansässig, die auch internationale Händler und Sammler anziehen.
Leider verschwimmt das Viertel aber gerade und die ersten Kunsthandwerksläden halten Einzug, die allzu touristisch werden und dem ganzen sein Independent Flair nehmen. Schade drum. Hier noch einer der besseren:
Dann hält man sich besser an ganz Traditionelles - zum Beispiel Peking-Ente-essen im besten Restaurant der Stadt, Da Dong:
Überhaupt fand ich das Essen dort ganz hervorragend - leider werde ich nie wieder in Deutschland zum Chinesen gehen können, denn wie vermutet, hat das, was wir hier vorgesetzt bekommen, mit chinesischer Küche wenig zu tun.
Ganz gleich, welcher Meinung man über China ist - man sollte dringlichst dort hin fahren und sich dieses im Umruch befindliche Land selbst anschauen. Stehklos sollten einen nicht schocken, eben sowenig die Sprachbarriere (mit Englisch kommt man im Zweifelsfalle nicht sehr weit), dafür darf in Restaurants geraucht werden. Hat eben alles Vor- und Nachteile.
Fotos: Mainlandoffice/Modepilot; Chic; Jam; China Fashion Week
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