Neues vom Beauty Pro: Porentief nachgefragt

Unter der Gürtellinie

Intimpflege ist der neue Lifestyle-Trend. Die Regale in den Drogerieabteilungen quellen über mit Produkten für den Intimbereich. Und der Markt wächst weiter. Laut einer Studie von Persistence Market Research soll die Intimpflege-Branche im Jahr 2026 weltweit einen Wert von über 33 Milliarden Euro erreichen. Während wir uns noch mit Waschlotionen, Sprays und Feuchttüchern begnügen, haben vor allem die amerikanischen Frauen weitaus mehr Auswahl. Von Moisturizern bis zu Peelings. Eine „Vagina Sheet Mask“ mit Aktivkohle soll die „Vulva detoxen und beruhigen“. Der VMagic „Feminine Lip Stick“ befeuchtet die Schamlippen. Ein spezieller „Lip“ Balm fungiert gar als eine Art Vulva-Highlighter. Mit irrisierender Farbe solle man sich die Schamlippen aufhübschen, heißt es bei The Perfect V, die u.a. die 'Very V Luminizer'-Creme im Programm haben. Man kann es auch übertreiben!

Down there

„Fur” hieß die erste Marke (über net-a-porter), die Produkte für "up top, down there, and everywhere in between" in das Luxus-Segment geadelt hat. Allen voran das 'Fur Oil', das mit Teebaumöl und Salbei-Extrakten Bakterien und Rötungen vertreiben soll. Die meisten Brands tragen geheimnisvolle Phantasienamen wie Two L(i)ps, Queen V, DeoDeoc, VMagic oder Lady Suite. Das V steht dabei immer für Vulva beziehungsweise Vagina. Wieder mal ein Trend, der vor allem aus Asien kommt, wo V-Beauty schon lange eine große Bedeutung zukommt und auch wesentlich weiter fortgeschritten ist als in westlichen Ländern. Dort gibt es Produkte für die Intimregion, die wir bisher nur aus der Gesichtspflege kannten.
Das Trendforschungsinstituts WGSN wurde bei einem Recherche-Trip nach Tokio im Mai 2017 auf das bis dahin im Westen vernachlässigte Segment aufmerksam. „Bei uns rückte es gleichzeitig mit der #MeToo-Bewegung in den Fokus“, erklärt Emma Grace Bailey von der WGSN-Beauty-Abteilung. „Die Vagina ist wieder zum Thema geworden, nicht nur darauf bezogen, wie man sie pflegt und präsentiert, sondern auch, wie man sich ihr annimmt.“

Mein Körper, das unbekannte Wesen

Die neue Offenheit zur Intimpflege ist gut und sicher auch sinnvoll. Doch viele wissen gar nicht, was sie da genau pflegen. Denn was die Kenntnis über die weibliche Anatomie angeht, sind wir in Europa offensichtlich noch Entwicklungsland. Laut einem aktuellen Report des Marktforschungsinstituts YouGov können 43 Prozent der britischen Frauen die Vagina nicht richtig orten. 58 Prozent wissen nichts über die Funktion der Harnröhre und 47 Prozent können die Schamlippen nicht benennen. Aufklärung tut offensichtlich Not.
Als Aufklärerinnen und Tabu-Brecherinnen sehen sich deshalb auch zwei Schwester aus Schweden mit iranischen Wurzeln. Die eine Urologin, Dr. Hedieh Asadi, und ihre Schweser Hasti Asadi haben zusammen die Intimhautpflege-Marke DeoDoc gegründet. Ihre Produkte sind seit Kurzem auch bei uns über Sephora erhältlich. Die beiden arbeiten leidenschaftlich daran, Tabus zu brechen, Verwirrungen zu beseitigen und in ihren V-Lektionen die Mythen über „da unten“ zu zerstreuen. „Wir haben das Wissen und möchten es mit Frauen auf der ganzen Welt teilen”, sagen die Asadis. Sie ermutigen, ehrlich über Intimprobleme zu sprechen, geben aufrichtige, unverkrampfte Informationen und auch Nachhilfe in Anatomie: „Vagina heißt der innere Teil, Vulva nennt man den äußeren Schambereich” – So beginnt ihre erste Lektion.
Modepilot Intimpflege
Trendthema: Intimpflege. Auch die aktuelle Bademode setzt den Intimbereich in Szene.

Me-Time für den Intimbereich

Auch prominente Frauen nehmen sich des Themas an. Seit Gwyneth Paltrow 2016 auf ihrem Blog „Goop“ Vaginal-Damfbäder als Detox-Kur für die Vagina anpries, ist das Steaming der Intimzone in den USA ein Riesentrend. Tatsächlich aber ist diese Methode Jahrhunderte alt. In vielen asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Kulturen ist sie bis heute ein gebräuchliches Reinigungsritual, besonders nach der Periode. Das Bedampfen im Sitzen soll aber nicht nur reinigen, sondern auch die Durchblutung fördern und die Beckenbodenmuskulatur entspannen. Model Chrissy Teigen teilte ihre Vaginal Steaming Session sogar auf Instagram mit ihren 26 Millionen Followern. In New York hat ein eigenes VSPOT Medi-Spa eröffnet, das neben Steaming diverse nicht-invasive Treatments zur Vaginal-Verjüngung anbietet. Unter anderem ein 24K Gold Wax & LED Vajacial. Also Vajacial statt Facial für eine schönere Optik.

Man kann es auch übertreiben!

Fragt man Gynäkologen, also Experten auf dem Gebiet „downunder“, sind die weniger begeistert vom ständigen Waschen, Bedampfen und Beduften der weiblichen Intimregion. „Das Problem ist, wenn man es übertreibt, kriegt man chronischen Juckreiz, chronische Rötungen, chronische Entzündungen, weil der Säureschutzmantel zerstört wird“, erklärt Dr. Maximilian Franz, Frauenarzt in München. „Kann der pH-Wert nicht mehr aufrecht erhalten werden, dann siedeln sich Bakterien und Pilze an.“ Für noch schlimmer als häufiges Waschen mit Seife hält er Vaginal-Spülungen. Franz: „Das ist ungefähr das Allerdümmste, was man machen kann, wenn man keine Beschwerden hat.“
Was bei bestimmten Erkrankungen sinnvoll sein kann, kann einer gesunden Vaginalflora eher schaden. Sie braucht im Normalfall überhaupt keine Hilfe bei der Reinigung, sie reinigt sich nämlich selbst. Keine dramatischen Risiken birgt das äußerliche Vagina-Steaming. Davon Abstand nehmen sollte man allerdings bei dem Verdacht auf eine Pilzinfektion, da Dampf und Hitze das Pilzwachstum noch fördern können. Wer empfindlich ist, kann auf den Sud aus frischen oder getrockneten Kräutern wie Rosmarin, Thymian, Lavendel oder Ringelblumen, den man zum Steaming verwendet, allergisch reagieren. Außerdem unbedingt darauf achten, dass der Dampf nicht zu heiß ist, um Verbrühungen zu vermeiden.

Öl statt Seife

„Das alles heißt jetzt aber nicht, dass man sich nicht waschen soll”, erklärt Dr. Franz. „Einmal am Tag eine gewisse Intimhygiene ist durchaus sinnvoll, um totes Zellmaterial zu entfernen, weil das Nährböden sind, wo Keime sich vermehren können.” Nur zu viel Seife ist schlecht, weil man damit den Fettmantel wegwäscht. Franz: „Was wir bei vielen Erkrankungen empfehlen und auch im Normalfall gut ist, ist Fett, Fett, Fett für die Vulva, z.B. Olivenöl, damit der Säureschutzmantel erhalten bleibt.” Da die Vulva ein empfindliches Ökosystem ist mit einem pH-Wert von 5, sollte man auch nur Intim-Produkte verwenden, die einen entsprechenden pH-Wert haben und frei sind von Alkohol, Parabenen, Phthalaten oder Duftzusätzen. Also unbedingt auf die INCI schauen.
Ich persönlich finde tatsächlich die Intim-Öle am angenehmsten. Und multifunktional sind sie auch. Neulich hatte ich auf Reisen mein Deo vergessen und musste unterwegs eines kaufen, auf das ich dann mit Reizungen reagiert habe. Ein paar Tropfen Intim-Öl unter die Achseln – und gut war es.
Margit schreibt neben ihrer wöchentlichen Beauty Pro-Kolumne auf Modepilot.de, auch ihren sehr empfehlenswerten Culture And Cream Blog.
Photo Credit: Catwalkpictures

Kommentare

  • katha sagt:

    Gutes Thema und noch besser die kritische Betrachtung!
    • Margit Rüdiger sagt:

      Danke Katha, freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat. Lg Margit
  • Daphne Bierling sagt:

    Super auch mal so einen Artikel im Blog!
    • Margit Rüdiger sagt:

      Danke für den Kommentar. Das fanden wir auch. Gerne weitere Anregungen zu Themen, die interessieren. Lg Margit