Warum wir es lieben zu hassen

Wir alle haben etwas gemeinsam. Etwas, dass wir uns ungern eingestehen: Wir folgen dem Treiben von Menschen, die wir eigentlich nicht besonders mögen, doof finden oder sogar hassen: Die Freundin vom Schwarm (Bitch!); der völlig ahnungslose Ex-Chef (Idiot!); der Kollege, der den Traum-Job weggeschnappt hat (Blender!); der komische Typ aus der Schulzeit, der dich dauernd zu Online-Games einlädt.

Ebenso folgen wir sogar Menschen, die wir nicht einmal persönlich kennen: Musiker, deren politische Ansichten wir verachten; Schauspielerinnen, die ihre Kinder wie Zirkuspferde in Designerkleidung hüllen oder deren quietschige Stimme wir nicht ertragen können. Die Bloggerin, die ein #deliciousbrekkie Instagram-Foto aus einem Restaurant postet, von dem wir wissen, dass es Instant-Rührei aus Pulver serviert. Trotzdem kann man nicht aufhören ihnen zu folgen.

Hate-Follow – die Freude am Hass

Das Phänomen hat einen Namen: Hate-Follow. Poetisch klingt der Begriff, wie eine dramatische Liebesgeschichte. Und ein bisschen dramatisch ist das auch alles. Mit gierigen Fingern scrollt man durch Feeds, um sich zu vergewissern, dass das Hate-Follow immer noch genauso blöd ist, wie beim letzten Tweet und in der Hoffnung, ihn doch endlich beim Scheitern, oder wenigstens mit einer saudummen Frisur zu sehen.

Mein Hate-Follow: Schlecht blondierte Youtube-Mäuschen mit pinken Gel-Nägeln und Glitzersteinchen auf dem Zahn, die exzessiv Präfixe wie „Mega“, „Super“ oder „Ultra“ benutzen. Natürlich langgezogen: „Meeeeeeeega“. Ihre kunterbunte Glitzerwelt ist geschmückt mit Geschmacklosigkeit. Und ich fühle mich gleich besser. Erhaben und froh, nicht wie sie zu sein. Auch ein bisschen schmutzig. Denn: Wer ist denn jetzt das Opfer? Bibi in ihrem Beauty-Palace, die sich beim Zähneputzen für ein Youtube-Video filmt, oder ich, die sich das ansieht, um angesichts der hohen Abrufzahlen einen Screenshot an Kathrin zu senden, mit der Frage: Im Ernst?

bibis beauty palace hate follow

Agressiv gut gelaunt: Bibi

Warum tun wir uns das an? – Die Vergewisserung des Selbst (Wer bin ich eigentlich?), funktioniert viel einfacher über Abgrenzung: Es ist leichter zu sagen, wer man nicht ist oder nicht sein möchte. So wie es einfacher ist, etwas blöd zu finden als selbst etwas zu kreieren.

Homo homini lupus – „Der Mensch ist des Menschen Wolf“

Es ist ein ähnliches Prinzip, wie es auch schon bei der Hochphase der Nachmittags-Talkshow funktionierte: Assis schlagen sich verbal (manchmal auch körperlich) und öffentlich die Köpfe ein. Da sitzt man bräsig auf der Couch und denkt sich: Zum Glück bin ich nicht so hässlich, so dumm, so unreflektiert, so antriebslos. Im Vergleich sieht unser Leben auf einmal paradiesisch aus – wir fühlen uns besser, wenn wir das Versagen der anderen sehen. Besonders, wenn es uns schlecht geht, wie eine Studie der Ohio State University belegt: Die Test-Gruppe der Studie musste eine Prüfung absolvieren: der einen Hälfte sagte man, sie hätten hervorragend abgeschlossen; der anderen, sie hätten extrem schlecht abgeschnitten. Anschließend wurden sie durch ein extra für die Studie konzipiertes Social Media-Netzwerk geschickt. Das Ergebnis: Grundsätzlich folgen Menschen Leuten eher, die reicher, schöner, erfolgreicher sind. Aber: Wir neigen zum Hate-Follow, wenn wir gerade schlechte Laune haben.

Eine weitere Erklärung für den Ursprung des Phänomens „Hate Follow“: die voyeuristische Veranlagung im Menschen: Wir spielen gerne Kommissar und versuchen durch Brocken (Bilder, Markierungen) ein Puzzle zusammenzufügen, um Informationen zu erhalten („Wann kam ER mit IHR zusammen?“ ). Oder wie mein Freund es so treffend beschreibt: „Na, machst du wieder Instagram-Forensik?“ Und so wie der Spielsüchtige irgendwann ignoriert, wie viel Geld er verliert, blenden Hate-Follower aus, wie viel Zeit sie durch maßloses Scrollen verlieren. Forscher vergleichen exzessiven Social Media-Konsum mit Kokainsucht: Man muss die Dosis erhöhen, damit sich Befriedigung einstellt.

Wie viele Hate-Follower wohl Kim Kardashian hat? Ich war eine davon. Durchschnittlich verbringen wir 4 Jahre unseres Lebens mit Social Media. Der Sommer steht vor der Tür: Keine Zeit zu verlieren.

Photo By: Catwalkpictures
3 Kommentare zu
“Warum wir es lieben zu hassen”
  • Herrlicher Artikel! Mein Ober-Hate-Follow hat eine Figur wie gemalt, mehr Chanel-Handtaschen als ich Wollmäuse in der ganzen Wohnung nach zwei-Wochen-nicht-saugen und jettet übers Wochenende auf die Malediven und nach NY, während ich am Samstag die Wocheneinkäufe nach Hause schleppe. Ich rette mich mit Gefasel über Sinnhaftigkeit, „Wertschätzung für die wirklich wichtigen Dinge im Leben“ und den Glauben daran, dass „die irgendwann ganz tief fällt“. 🙂

  • Ich habe letztes Jahr meinen Feed Reader und Instagram Account nach genau solchen Hate Follows durchsucht und alle rausgeworfen. Ein paar sind aber wieder reingekommen, es fühlt sich einfach zu gut an sich aufzuregen.

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