Vom Leben gelernt: Stefano Pilati

Zum Auftakt der Berliner Modewoche fand gestern die Konferenz Mode & Stil, ausgerichtet vom Zeit Magazin und der Vogue, im Kronprinzenpalais statt. Unter den Talk-Gästen: Stefano Pilati, der unter dem Titel „The Reinvention of Style“ von Christiane Arp (Chefredakteurin Vogue) interviewt wurde.

Stefano Pilati begann seine Karriere in den achtziger Jahren als Praktikant bei Cerruti, arbeitete für Häuser wie Prada oder Armani und war von 2004 bis 2012 Chefdesigner bei Yves Saint Laurent. Heute arbeitet der 49-Jährige in gleicher Position bei Zegna. Sein größter Verdienst für die Mode? Vielleicht die aktuelle Revolution der Männermode.

 

Modelektionen von Stil-Gott Stefano Pilati

stefano Pilati Modepilot

Stefano Pilati vergangene Woche nach der Ermenegildo Zegna Show

Wer ist dein Mode-Idol?
Mode-Idol? Du meinst außer mir selbst?

Gelächter. Stefano Pilati ist bestens gelaunt; das Eis ist gebrochen. Er gilt als einer der bestgekleidetsten Männer der Branche und wird von vielen für sein Modegespür geradezu verehrt. Wen er ganz bestimmt nicht für eine Stil-Ikone hält, hat er kürzlich in einem Brief formuliert.

SP: Die Welt insgesamt hat einen schlechten Geschmack – scheinbar ist das gefälliger. Aber man sollte nicht in der Mode arbeiten, wenn man keinen guten Geschmack hat. Da gibt es doch genug andere Jobs.

Was ist dein kreativer Motor, die treibende Kraft?
SP:
Ich weiß nicht. Langeweile?

Wieder Gelächter.

 Es ist definitiv nicht der Ruhm.

Du hast mit dem „Broken Suit“ für Zegna 2014 die Männermode revolutioniert. Was ist das genau?
SP:
Es ging darum, die recht eintönige Männermode aufzulockern, indem man Teile verschiedener Anzüge kombiniert. Diese Teile haben vielleicht die gleiche Farbe, sind aber aus unterschiedlichen Materialien. In Wahrheit wollten wir natürlich nur zwei, statt einem Anzug verkaufen.

Gibt es zu viele Trends?
SP:
Meiner Meinung nach: Ja. Leider. Es gibt zu viele Trends und zu wenig Schönheit. Die Mode ist gesättigt. Man sitzt im Restaurant und an jedem Tisch wird über Mode geredet, aber die Menschen sind trotzdem schlecht angezogen.

Zu meiner großen Trauer scheint es sich in der Mode nur noch um das Geschäft zu drehen. Wenn Mode reine Unterhaltung ist, dann verkommen wir alle zu Werbeplakaten.

Auf das Geschäft versteht er sich trotzdem: YSL war unter seiner Führung finanziell sehr erfolgreich.

Kleidest du dich in Mailand anders als in Berlin? (Anm. d. Red.: Pilati ist Italiener und in Mailand aufgewachsen, aber lebt in der deutschen Hauptstadt).
Pilati hält sich die Hände vor das Gesicht, senkt den Kopf und lacht.

SP: Ich habe es versucht. Wirklich. Ich schwöre bei Gott. Berlin gilt als Anti-Fashion und als unaufdringlich, also dachte ich über meine Uniform dafür nach. Ich griff zu einer Hose von Helmut Lang – ein anonymes, schlichtes Stück, aber hervorragend geschnitten. Dann besitze ich ungefähr 30 bis 40 weiße Hemden sowie vier Paar Loafer und dachte: Ja, das ist deine Uniform für Berlin.  Aber ich habe sie nicht einen einzigen Tag durchgehalten. Am nächsten Tag kaufte ich mir einen plissierten Rock von Yohji Yamamoto. Man muss akzeptieren, wer man ist.

An dieser Stelle muss man erwähnen, was er beim Interview trägt: ein weißes Hemd und eine weite, schwarze Hose mit schmalem Gürtel. So weit, so schlicht. Dazu: eine rote Bouclé-Jacke im Biker-Stil, Chanel Vintage, das i-Tüpfelchen.


Liegst du jemals daneben?
SP: Wenn es um meinen eigenen Stil geht? Nein.

Er lacht, führt seine Antwort nicht weiter aus. Es muss genügen.

Du hast viele Tätowierungen. Welche ist die jüngste?
SP:
Dieses hier! Er zeigt auf seinen Unterarm. Ein Mann, der in eine Blume eintaucht. Ich arbeite seit 33 Jahren in der Mode, das ist eine lange Zeit. Dieses Tattoo symbolisiert den Beginn eines neuen Kapitels und die Hoffnung, dass alles, was vor mir liegt, so schön ist wie eine Blume.

Ein schönes Schlusswort. Und wer weiß – vielleicht ist es ja auch ein Hinweis: Stefano Pilati wird in Insiderkreisen als heißester Anwärter für die Nachfolge von Giorgio Armani gehandelt, wenn dieser sich eines Tages aus dem Unternehmen zurückziehen sollte. Neben der Nationalität haben sie noch eine große Gemeinsamkeit: Armani hat die Männermode auch schon einmal revolutioniert, indem er Ende der 80er-Jahre die Schulterpolster herausgeschnitten hatte.

 

Ermenegildo Zegna Couture Herbst/Winter 2016/17

Ermenegildo Zegna Herbst/Winter 2016/17

* Die Statements der Podiums-Diskussion sind leicht gekürzt.

Photo By: Catwalkpictures, Ermenegildo Zegna

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