Halbzeit in Paris: Fragen und Antworten

Die Pariser Modewoche ist mehr als zur Hälfte rum und hat in diesem Jahr einen ganz neuen Ablauf. Dior zeigte gleich am ersten Tag – das ist eine Neuheit. Dafür ist nun Chanel auf den letzten Tag gerutscht. Das bringt die Reisepläne der meisten Besucher ziemlich durcheinander. Dass Chanel nicht am traditionellen Sonntag zeigt, kann auch damit zusammenhängen, dass heute ein autofreier-Sonntag in Paris ist. Wie bitte sollen die Damen in den High Heels zur Schau kommen? Mit dem Bus?

Auch sonst gibt es im Kalender einige Änderungen: Nachwuchsstar und ANDAM-Gewinnerin Wanda Nylon fehlt. Sie suche nach einer neuen Form der Präsentation. Die hat Ellery (Bilder davon zeige ich auf Facebook) geliefert in Form einer digitalen Fashionshow. Ich denke, davon werden wir in den nächsten Saisons mehr sehen. Barbara Bui ist ebenfalls abwesend, auch Courrèges setzt aus, nachdem die kreative Leitung das Haus verlassen hat. Dafür sind Thom Browne und Lacoste mit den Schauen von New York nach Paris zurückgekehrt. Bei Paule Ka gab es einen Eigentümerwechsel und der Gründer ist vor wenigen Wochen zurückgekommen, um die kreative Leitung wieder zu übernehmen. Hier gibt es auch keine Präsentation wie sonst. Um die Ecke bei Colette herrscht dafür Dauerbetrieb, weil alle noch mal vor der Schließung im Dezember ein Erinnerungsstück der „Mutter aller Konzeptstores“ ergattern wollen. Und sonst? Was Wichtiges passiert ist, habe ich hier in ein paar Fragen und Antworten gepackt:

Ist das Saint Laurent oder Isabel Marant?

Die Auflösung: Es ist Saint Laurent, schaut aber aus wie Isabel Marant.

Erst am Ende der Schau zeigte Anthony Vaccarello mehr Modelle im Stil der aktuellen Saint-Laurent-Interpretation. Siehe das hier:

Warum wollten so wenige Olivier Theyskens sehen?

200 Plätze waren reserviert, doch nur die Hälfte kam, weil niemand Saint Laurent verpassen wollte. Der Schauenbus, der von einer Show zur nächsten fährt, hat die Theyskens-Schau einfach übersprungen. Da haben die Gäste die falsche Wahl getroffen. Diese schlichte, tragbare und schöne Kollektion hätten sie sehen können.

Weiße Slipper zu weißen Tennissocken? Meint das Lacoste ernst?

Ja, die meinen das ernst. Allerdings muss man dem Sportswear-Modehaus lassen, dass sie das Achtziger-Revival konsequent durchziehen. Manche Teile schauen wie eine Wiederauflage alter Archiv-Schnitte aus. Also Ballonseide-Jogging-Anzüge aus der Mottenkiste holen und sie zu Pumps anziehen. Diesen Look hatte Alessandro Michele bei Gucci auch schon. Für mich ein konsequentes 80s-Revival.

Woher kommen die Herzen und Stickereien bei Christian Dior?

Aus der Kunst. Ganz in der Tradition des Hauses und ihrer Vorgänger wählte Maria Grazia Chiuri ein Kunstthema als Inspiratioin ihrer Kollektion. Natürlich fiehl die Wahl der feministischen Dior-Designerin auf eine Frau: Niki de Saint Phalle. Chiuri durfte mit Genehmigung der Saint-Phalle-Stiftung sogar einige der Original-Kunstwerke in Stickereien und in Form von Strick umsetzen.

Ist John Galliano bei Maison Margiela nichts eingefallen?

Scheinbar. Die zerschnittenen Trenchcoats gab es schon in den letzten Saisons. Auch die traditionelle Trench-Farbe Beige zieht sich farblich bereits seit einigen Saisons durch seine Kollektionen. Neu ist, dass die Stoffcollagen immer wilder werden. Das ist eine Kollektion, die man sich wohl im Showroom näher ansehen muss

An wen sollen die blonden Perücken bei Guy Laroche erinnern?

An die französische Schauspielerin und Laroche-Muse Mireille Darc, die kürzlich verstorben ist. Ihr Auftritt im Film „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ im Guy-Laroche-Kleid ging in die Kino-Geschichte ein: Mireille öffnet die Tür in einem bis oben hoch geschlossen schwarzen Kleid, dreht sich um und zeigt wohl die erotischste Rückenansicht und den tiefsten Ausschnitt, den die Modebranche je kreiert hat.

War die Wahl von Olivier Lapidus bei Lanvin die richtige?

Nein. Das ist die einhellige Meinung aller Besucher nach der ersten Schau. Eine sehr minimalistische Kollektion (fast) ganz in Schwarz und mit sehr wenig Ideen, wird nicht reichen, das kränkelnde Haus zurück in die Gewinnzone zu führen.

Kann François Girbaud noch Jeans schneidern?

Er kann. Der Denim-Veteran mit dem lockeren Mundwerk, der uns die Stone-washed-Jeans und die Baggy bescheert hat, ist mit rund 80 Jahren zurück an den Zeichentisch gekehrt. Zusammen mit Closed hat der Franzose eine Capsule Kollektion entworfen. Er griff zurück auf seinen Baggy-Schnitt aus den Achtzigerjahren und modernisierte ihn gekonnt. Gerade die super weiten Schnitte überzeugen.

 

Photo By: Catwalkpictures, PR Closed
3 Kommentare zu
“Halbzeit in Paris: Fragen und Antworten”
  • Klar kann er … und schön, dass man noch jemand auf einem deutschen Modeblog findet, der den Namen überhaupt zuordnen kann …
    Marithé et Francois Girbaud waren und sind richtig gut in ihrem Genre. Ich freue mich und habe nie aufgehört, das Zeugs zu kaufen und zu tragen.

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