Colette in Paris schließt nach 20 Jahren

Eine Legende schließt. Nach 20 Jahren wird am 20. Dezember 2017 der Pariser Konzeptstore Colette seine Türen schließen. Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Warum? Bedeutet das Ende der Urversion der Konzeptstores das Ende für das ganze Genre? Hat die Krise, unter der fast alle Modehändler leiden, sogar Colette in die Knie gezwungen?

Die Hintergründe

Der Konzeptstore selbst begründet in seiner Mitteilung an die Presse die Entscheidung folgendermaßen: „Alle guten Dinge haben einmal ein Ende. Nach 20 außergewöhnlichen Jahren wird Colette definitiv seine Türen schließen. Colette Roussaux erreicht ein Alter, wo es Zeit ist, sich Zeit zu nehmen. Aber Colette kann nicht ohne Colette existieren.“

Modepilot-Colette-Schließt

Colette Roussaux und Tochter Sarah Andelman in der Front Row 2016

Ist es wirklich nur eine persönliche Entscheidung, weil die Gründerin kürzer treten möchte? Immerhin hatte schon seit geraumer Zeit Colettes Tochter Sarah Andelman die Geschicke geführt. Erst 2017 hatte auch sie die Strategie für die erste Etage geändert. Statt einer von Colette kuratierten Auswahl an Mode, durfte sich dort eine Marke oder – ab August – eine Presseagentur (Lucien Pagès) präsentieren. Waren das Vorboten für die nun verkündete Schließung? Sarah, die in der Modeszene als Spürnase bekannt ist und immer alle coolen Marken vor allen Anderen hatte (wie Off White, OAMC oder früher die Target Kooperationen aus den USA), gab die Verantwortung für die Modeauswahl ab, für die sie berühmt war. Der erste Stock wurde zu einer Art „im Handel umgesetzten Advertorial“. Vielleicht war es da besser, wirklich einen Schlussstrich zu ziehen.

Modepilot-Colette-Schließt

Die neue 1. Etage. Statt Sarahs Modeauswahl darf sich dort nun eine Marke ausleben. Hier Balenciaga.

Der Rückblick in Bildern und Text

 

Colette klebt Kerzen ans Gebäude zum 10. Gebrutstag im Jahr 2007
Logo zum 10. Geburtstag
Colette nach dem Umbau 2008
Die Sneaker-wall war damals 2008 noch etwas Neues. Nun hat sie fast jeder Laden.
Blick ins Innere, Erdgeschoss
Jede Woche werden die Schaufenster umdekoriert.
Schaufenster mit Esteban Cortazar. Juni 2017.
Schaufenster im Juni 2017.
Schaufenster aus 2016. Mit Thom Browne.
Schaufenster mit Barbie-Foot aus dem Jahr 2009
Sales-Schaufenster im Juli 2017.

Colette klebt Kerzen ans Gebäude zum 10. Gebrutstag im Jahr 2007

Logo zum 10. Geburtstag

Colette nach dem Umbau 2008

Die Sneaker-wall war damals 2008 noch etwas Neues. Nun hat sie fast jeder Laden.

Blick ins Innere, Erdgeschoss

Jede Woche werden die Schaufenster umdekoriert.

Schaufenster mit Esteban Cortazar. Juni 2017.

Schaufenster im Juni 2017.

Schaufenster aus 2016. Mit Thom Browne.

Schaufenster mit Barbie-Foot aus dem Jahr 2009

Sales-Schaufenster im Juli 2017.

Zum 10-jährigen Jubiläum hatte ich diesen Text verfasst. Er ist noch immer aktuell, am Image und dem Ruf dieses Kultladens hat sich nichts geändert.

Colette in Paris ist nicht nur irgendein schickes Geschäft in einer ebenso schicken Stadt, sondern eine Schatzkiste, in der man einfach alles findet, was kurze Zeit später als cool oder zum Must-Have erklärt wird. Seit nunmehr zehn Jahren pilgern täglich scharenweise die Besucher in den 700 qm großen und drei Etagen hohen Shop in Nummer 213 der Rue Saint-Honoré im ersten Arrondissement von Paris, einen Steinwurf von den Tuileries und dem Place de la Concorde entfernt. Viele kaufen gar nichts, wollen nur gucken oder sich informieren, um mitreden zu können. Immer wieder trifft man auf bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen. Karl Lagerfeld, Carla Bruni und Nicole Kidman sind Stammgäste. Sie allen schätzen die Innovationsfreude und Spürnase der beiden Besitzerinnen Colette Roussaux und ihrer Tochter Sarah Lerfel.

Die Aufgabenverteilung zwischen Mutter und Tochter ist klar: Während Mama zuhause das Zepter führt, düst Sarah als Chefeinkäuferin unermütlich kreuz und quer die Welt auf der Suche nach den trendigsten Neuigkeiten, die sie in Rekordzeit nach Paris schafft. Der ständige Wechsel an Produkten und Marken zeichnet den berühmten Konzeptstore aus: Neuheiten gibt es fast täglich, mindestens einmal pro Woche wird das Sortiment zu großen Teilen ausgetauscht. Die Kunden wissen das und schauen regelmäßig rein. Colette ist eine Art Wundertüte, bei der man nie weiß, was man bekommt. Oder wie es PR-Chef Guillaume Salmon umschreibt: Die Regel ist, dass es keine Regel gibt. Sarah kauft ein, was ihr gefällt. Wir wollen verschiedene Welten und Kunden mischen, die Boutique soll zum Treffpunkt der Kulturen werden.“ Ganz in diesem Sinne liegen Art-Toys aus Japan neben Schweizer-Messern oder In-Jeans aus Los Angeles. Auf den drei Etagen tummeln sich Accessoires, Kosmetik, Spielzeug, Bücher, Zeitschriften, CDs, unnützer Schnickschnack, Kunst, Fotografie, Schmuck und Mode. Das Schaufenster wird jede Woche umdekoriert, Colette bringt eigene CDs heraus, hat ein hippes Kundenmagazin und veranstaltet Tanzkurse, die auf Monate ausgebucht sind. Die Wasserbar im Untergeschoss mit 65 verschiedenen Mineralwässern ist längst eine In-Location, der Online-Shop ein Renner, die Hunde-Maskottchen Caperino & Peperone berühmt.

Obwohl das Colette-Konzept in den zehn Jahren seines Bestehens längst Nachahmer auf der ganzen Welt gefunden hat, genießt der Laden noch immer eine Ausnahmestellung. Warum? Das Geheimnis ihres Erfolgs umschreibt Sarah mit den Worten: „Wir folgen immer unserem Instinkt und wir verlieben uns ständig auf den ersten Blick.“ Klingt romantisch, doch dahinter steckt eine Menge Arbeit, Mut und ein beneidenswert sicheres Trendgespür. Colette hat immer vor allen anderen Händlern in Europa irgendeine neue Kosmetik- oder Modemarke im Sortiment. Dank bester Beziehungen zu den Modehäusern bekommt die Boutique Sondereditionen und limitierte Stücke. Viele Mode- wie Industriedesigner entwerfen Unikate nur für den Laden. Mit außergewöhnlich günstigen, aber nur in den USA erhältlichen Marken, wie der Jeansmarke Cheap-Monday oder der Kollektion von Proenza Schouler für die US-Supermarkt-Kette Target, hat sich der Konzeptstore seit kurzem nun auch einer weniger kaufkräftigen, aber umso trendigeren, jungen Klientel geöffnet. So zieht sich das Geschäft seine zukünftigen Stammkunden selbst heran. Schwarz gekleidete Aufpasser mit Muskeln am Arm und Knopf im Ohr wie bei den luxuriösen Nachbarn der Rue Saint-Honoré sucht man vergebens. Bei Colette steht die Eingangstür immer sperrangelweit offen. Niemand soll Hemmungen haben müssen, einzutreten.

Es ist genau dieser Spagat zwischen Einfachheit und Luxus sowie zwischen Tradition und Innovation plus dem ungebeugten Wille zur ständigen Transformation, der Colette auszeichnet und einzig macht. Und es ist auch die schlaue Entscheidung, aus dem Laden kein Filialsystem zu machen. Sarah: „Wir bekommen zwar ständig Angebote, Dependancen zu eröffnen, doch man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Wir haben 1997 Colette hier in Paris gegründet, weil wir diese Stadt lieben und weil wir hier eine sehr inspirierende Gemeinschaft von kreativen Leuten um uns haben. Colette ist einzig und wird es auch bleiben.“

 

Wie geht es weiter?

Die berühmte Adresse und wohl auch die Belegschaft werden von Saint Laurent übernommen. Die Zusammenarbeit mit YSL war schon immer gut und wichtig. Colette hatte der Marke großen Platz eingeräumt. Wie auch dieses Schaufensterinstallation aus dem Februar 2017 beweist.

 

Was bleibt zu sagen? Eine Ära geht zu Ende. Es ist schade. Die Handelslandschaft verliert einen seiner wichtigsten Vertreter,  ein weiterer Multimarken-Store muss einem Monobrand-Flagship den Platz räumen. Traurig. Ich hoffe, dass Sarah Andelman eine neue Idee hat und sie bald wieder etwas Außergewöhnliches auf die Beine stellt. Diesmal mal eben ohne Mama.

Photo By: Pressebilder Colette, Barbara Markert für Modepilot
2 Kommentare zu
“Colette in Paris schließt nach 20 Jahren”
  • Puh, das kommt überraschend und ich finde es sehr schade. Ich hatte 2011 einen Dreh bei Colette und auch wenn es nur ein paar Stunden waren, seitdem eine ganz besondere Beziehung zu dem Store.

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