Träume (bitte) weiter, Haute Couture!

Gestern Nachmittag schloss die Haute Couture ihre goldenen Pforten für diese Saison und bei mir stellte sich im ersten Moment Ratlosigkeit über diese Saison ein. Man braucht ja immer ein bisschen Abstand und muss sich auch noch mal die einzelnen Modelle auf den Bildern ansehen. Nun bin ich wieder etwas hoffnungsfroher, was dieses allerhöchste Genre der Mode betrifft. Denn es gibt zwei Lager: die Träumer und die Luxus-Innovatoren. Ich fange mit den Träumern an, die anderen folgen im nächsten Post.
Modepilot-Haute Couture-Review-SS2017
Setting bei Christian Dior

Brauchen wir eine modische Traumfabrik?

Diese Frage stellt sich bei der Haute Couture wohl jede Saison aufs Neue, aber irgendwie finde ich, dass diese Frage selten so berechtigt schien, wie diese Saison. Wir leben in einer sehr schwierigen Zeit voller Krisen, Terrorismus, politischen Brandherden und zunehmender Armut. Welche Botschaft sollte die Mode aussenden? Die Designer hatten eine Antwort parat. Und sie steckt im – rosa Tüll. Oups!
So viele Tüllbomben wie diese Saison gab es schon lange nicht mehr auf den Laufstegen der Haute Couture. Rosa Tüll und andersfarbiger Tüll, wohin man auch schaut. Ich habe die Tüll-, Organza- und Seidenkleider nach Farben sortiert: Rosa und all' die anderen Babyfarben.
Seid Ihr bereit? Los geht's mit Rosa:
Und die anderen Baby-Farben:
Babyblau kam scheinbar auch gut. Genau diese Farbe war ja zusammen mit Rosa die Trendfarbe letzten Jahres von Pantone (wir berichteten >>>) .
Schaut Euch mal das erste Kleid in der Fotogalerie genauer an und vergleicht es mit dem Kleid, das Grace Kelly im Film "Die oberen Zehntausend" trägt.
Viel Unterschied ist da nicht. Dazwischen liegen mehr als 60 Jahre, in denen sich die Mode ziemlich weiterentwickelt hat. Doch warum sieht man das dann nicht? Weil die Haute Couture eine Traumfabrik ist und scheinbar in dieser Saison so reagierte, wie Deutschland nach der Niederlage des zweiten Weltkriegs: Wir spülen alle Probleme weich durch. Die 50er-Jahre Filmindustrie im Nachkriegs-Deutschland produzierte Filme am laufenden Band wie "Mein Schatz kommt mit ans blaue Meer", "Die Zwillinge vom Zillertal" oder "Weißer Hollunder" (Nein, das sind keine Erfindungen von mir sondern echte Filmtitel) . Schöne heile Welt, in der man davon träumt Prinzessin zu sein.
Aktuelle Prinzessinnen vom Couture-Laufsteg:
Prinzessin sein? Wird gemacht. Alexis Mabille und auch Guo Pei setzten den Models sogar Krönchen auf den Kopf und in der Kollektion Haute Joaillerie von Chanel gab es seit langem auch wieder mal ein Diadem zu kaufen.
Nun tummlen sich echte Prinzessinen durchaus in der Klientel der Haute Couture, die dann aber nicht unbedingt diese Kleider kaufen. Doch auch Hollywood braucht Prinzessinnen-Kleider für den roten Teppich. Auf keinen Fall zu vergessen sind die Öl-Prinzessinnen. Der mittlere Osten stellt nicht nur einen Großteil der Haute Couture Kundinnen, sondern inzwischen auch eine Handvoll Designer, die in Paris zeigen (Elie Saab, Georges Hobeika, Zuhair Murad etc.) und die Mode machen für "1000 und eine Nacht". So erklären sich manche Tüllbombe auf den aktuellen Laufstegen.

Haben die Designer nicht mehr zu bieten?

Haben sie. Das sieht man vor allem auch in meinem kommenden Post zur Haute Couture, in dem ich die innovativeren Häuser zeige. Unter den Vertretern der Traumfabriken-Zulieferer haben aber auch manche noch über den Feenwald hinausgedacht:
Bei Chanel hat man den Eindruck, dass Karl Lagerfeld zur Preview des Films über Jackie Kennedy eingeladen wurde. Ich zeige erst den Trailer, der diese Woche in Deutschland gestartet ist...
... und dann die Mode von Chanel:
Dazu muss man wissen: Bei Chanel liegt die Innovation oft im Detail und offenbart sich erst, wenn man ganz genau hinschaut.
Bei Christian Dior erwartete ich als Debutkollektion in der Haute Couture von Maria Grazia Chiuri einen Paukenschlag. Vor allem nach der Ankündigung, dass wir alle mehr Feministinnen sein sollten (wir berichteten >>>). Ok, wenn die Feministinnen nun so in Schwarz gewandet demächst demonstrieren gehen, sähe die Welt definitiv schicker aus. Aber nicht unbedingt lustiger.
Vielleicht war aber der Paukenschlag darin zu sehen, dass die Designerin selbst am Ende in der Jeans über den ausgelegten Natur-Rasen des Musée Rodin marschierte.
Ich könnte nun ewig zu weiterunken. Oder Beispiele zeigen, in denen uralte Schnitte aus den siebzigern und achtziger Jahren hervorgekramt wurden und nun in Haute Couture Roben aus dem Jahr 2017 verewigt sind. Ich könnte erneut betonen, dass unsere Ikonen der Achtziger und Neunziger, Giorgio Armani und Jean Paul Gaultier, sich weiter treu bleiben und beharrlich ihren Stil seit nunmehr einem Vierteljahrhundert durchziehen. Die Kollektionen gleichen sich jede Saison aufs Neue– gemäß des Mottos: Gutes Design wird nicht schlecht. Oder: Besser sich selbst kopieren als andere.
Ich war diese Saison kurz davor, künftig die Haute Couture sich selbst zu überlassen und zuhause im Warmen auf die Bilder von Etienne, unserem Fotografen, zu warten statt in der eisigen Kälte vor irgendwelchen Locations auf den Einlass zu verharren. Aber dann...
Tja, dann sitze ich in bester Salon-Manier bei Viktor & Rolf. Die Blumengebinde auf dem Laufsteg sind atemberaubend schön und sanfte Musik durchweht den Raum. Direkt an mir vorbei flanieren zarte Wesen in ebenso zarten Kleidern (und das war nun bei weitem nicht eine von Viktor & Rolfs besten Kollektionen) und ich bin umgestimmt oder einfach auch nur eingelullt.
Vieles (in vielen Kollektionen) ist Stoff gewordener Kitsch, manches ist auch echt jenseits des guten Geschmacks ... und doch sage ich mit wieder gewonnener Überzeugung: „Haute Couture, bitte, bitte träume weiter Deinen Traum!"
Photo Credit: Catwalkpictures, Video by Barbara Markert für Modepilot

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