Warum die Vetements-Show voll den Zeitgeist trifft

Der Applaus war verhalten, in vielen Gesichtern lag eine Erwartungshaltung: „Kommt da noch was nach?“ Doch es kam nichts mehr. Nachdem das letzte Model im Brautkleid – wie sich das für die Haute Couture Woche gehört – das Defilee schloss und wieder auf der Rolltreppe in den ersten Stock des Museums Centre Pompidou verschwunden war, gingen die Lichter bei Vetements aus. Die mit großer Spannung erwartete Show war vorbei. Die Streetstyle-Fotografen rannten eilig nach draußen, um die Gäste in ihren gut erkennbaren Vetements-Kleidern zu fotografieren.

Modepilot-Vetements-Show-Kritk

Streetstyle-Lieblinge: die im Vetements-Look

Wer weiß, ob sie die Modelle des Kultlabels nächste Saison noch erkennen werden, denn die Designergruppe um Demna Gvasalia tat genau das, was sie immer tut: Sie überraschte.

Eine Kollektion für Normalos

Nach Oversize und Koops mit Traditionsmarken gab es diesmal Mode für Jedermann. Über den Catwalk spazierten in irrem Tempo angegraute Ladys, junge Frauen aus den Banlieues, Businessmänner, Künstlertypen, Spießer und Rapper, übergroße Jungs in Sportklamotten und Grufti-Damen, ganz in Schwarz. Doch das Wichtigste: Sie sahen alle ganz normal aus. Zu normal für eine Fashionshow? Vielleicht. Seht selbst:

Mit der Wahl der Models aller Größen und Altersstrukturen wandelt Vetements auf den Spuren von Jean Paul Gaultier, der mit solcher Art Mannequins von der Straße früher mal sein Publikum schockte. Doch heute haben wir uns längst daran gewöhnt, dass Leute von nebenan auf dem Catwalk laufen. Verwirrend ist eher, dass sie so 08/15-mäßig gekleidet sind. „Come as you are“ – schien das Motto zu sein. Alle sahen so aus, wie man sich eben klischeemäßig ihre Kleidung vorstellt: Die weißhaarige Lady trug einen Pelz zu spitzen Pumps, die Businessfrau ein enges, schwarzes Kostüm und weiße Bluse, der Architekt eine weite, beige Cordhose, die Japanerin ein weißes Tweed-Kostüm à la Chanel und der Rapper ein Oversize-Layering-Ensemble in Schwarz. Sie sahen auf den ersten Blick (und viel mehr konnte man bei dem Lauftempo auch kaum erkennen) so aus wie Passanten, die sich zufällig auf den Catwalk verirrt hatten.

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Die Lady trägt Pelz – auch bei Vetements.

 

Selten habe ich eine,  in sich so unterschiedlich und so altersübergreifende Kollektion gesehen. Was auch immer das Designerkollektiv von Vetements beabsichtigte, bei mir kommt die Message an: Jetzt mal Ball flach halten! Jeder kann modisch sein und jedes Alltagsoutfit hat eine modische Relevanz. Dieses „zurück zur Normalität“ passt ganz zu den gerade abgelaufenen Männerschauen, die sich auch stark in dieser Saison an Tragbarkeit und Realitätsnähe orientierten. Bestes Beispiel ist hier Dries van Noten, der in dieser Saison statt opulenter Militärjacken, wie noch vor einem Jahr, nun coole Hosen-Pullover-Kombinationen zeigte, die man alle sofort anziehen möchte.

Die gerade auf der Haute Couture-Woche zu sehenden rosa Tüllbomben stehen dazu im krassen Gegensatz und wollen auch nicht recht in eine Zeit der Attentate, Flüchtlingswellen, Wirtschaftskrisen und täglich neuen, medialen Verirrungen eines gerade vereidigten US-Präsidenten passen. Deshalb bin ich der Meinung, dass Vetements völlig richtig liegt mit seiner Normalo-Show.

Für mehr Toleranz in der Mode

Demna Gvasalia sagte 2016 in einem Zeit-Interview: „Ich finde es sinnlos, den Models für die Modenschauen etwas anderes anzuziehen als das, was letztendlich in den Läden verkauft wird. Für Vetements entwerfen wir Kleidung, die die Leute auch wirklich kaufen und anziehen können.“ Recht hat er. Und diesmal ist auch was für Tante Frida dabei.

Irgendwie habe ich den Endruck, dass es dem Vetements-Kollektion bei dieser Kollektion auch darum ging, an mehr Toleranz zu appellieren. Vetements, das Kultlabel der Super-Fashionistas, zeigt Mode für Oma, den spießigen Onkel, den zu groß gewachsenen Neffen und die verrückte Grufti-Cousine zweiten Grades. Alle sind modisch – in ihrer Art eben. Niemand braucht die Nase rümpfen, denn alle tragen die Kleider des coolen Labels.

Zu diesem „Grenzen im Kopf einreißen“, passt auch die Einladungskarte im Form eines Personalausweises aus allen möglichen Ländern. Selten habe ich gesehen, dass sich die Gäste in der Warteschlange so viel untereinander unterhalten haben. „Aus welchem Land kommst Du? Ach, Du bist ein California-Girl. Ich komme aus Belgien. Und Du? Zeig mal her! Ach, Italien. Ui, das ist doch eine indische ID-Karte…“ Die eigene Herkunft spielte gar keine Rolle mehr, sondern die Nationalität, die einem Vetements verpasst hatte.

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Die indischen Personalausweise waren die Standings. Die französischen die Buyers.

Auch wenn man wohl in den Showroom gehen muss, um bei dieser Kollektion die Feinheiten und Besonderheiten der Marke rauszufiltern und eine Trendanalyse schwierig wird, so denke ich, dass diese Normalo-Show voll und ganz den aktuellen Zeitgeist getroffen hat. Oder sagen wir mal: Uns alle zum Nachdenken über Mode von heute anregen sollte.

Vetements Herbst/Winter 2017/18: Alle Looks

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Photo By: Barbara Markert für Modepilot
2 Kommentare zu
“Warum die Vetements-Show voll den Zeitgeist trifft”
  • Also.., ich wollte gerade schreiben, dass ich Vetements völlig überbewertet finde und viel zu teuer. Ich verstehe den Hype nicht. Immer noch laufen alle mit dieser Jeans herum – die ist ausgefranst, zusammengestückelt und macht kurze Beine, also was soll das nur?

    Aber was du darüber sagst, gefällt mir. Ich mag auch lieber die zeitlosen Dinge und irgendwie ist mir dieser ganze Modezirkus schon lange zu schnell und zu viel. Zu viele Zwischenkollektionen, zu hohe Preise für schlechte Qualität, zu viel Hysterie und dann auch noch dieses überzogene Getöse um Streetstyle und Blogger. Interesssiert mich nicht.

    VIelleicht haben die das wirklich erkannt, wer weiß. Kaufen werde ich die Sachen dennoch nicht. Zu teuer.

  • Mode für Jedermann zu entwerfen finde ich prinzipiell gut. Aber Klischees zementieren gefällt mir nicht so sehr. Und das sehe ich hier!
    Wenn wir alle das tragen sollen, was wir sowieso tragen: warum sollte ich dann Vetements kaufen, das unglaublich überteuert ist? Und zweitens: wo bleibt dann die Inspiration für Neues?
    VG
    Claudine

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