Warum die Mode Skandale braucht

Gibt es eigentlich noch Skandale in der Mode? Durchaus. Sie werden sogar immer häufiger, wie die aktuelle Ausstellung  im Pariser Museum Les Arts Décoratifs  analysiert. Denken wir an den sichtbaren Penis bei der Rick Owens Show von 2015 (hier geht’s zum Artikel >>). Oder an den tiefen Ausschnitt des Abendkleides von Angela Merkel beim ihrem Auftritt bei den Bayreuther Festspielen im Jahr 2012. Oder an den radikalen Stilwechsel von Hedi Slimane bei seinem Designer-Amtsantritt bei Saint Laurent (unser Artikel hier >>). Schon allein der Wegfall des Yves im Markennamen war „unerhört“, fanden damals viele.

Ach, Skandale in der Mode sind etwas Wunderbares!  Meist erkennen wir ihren Wert erst im Nachhinein. Heute wissen wir: Slimane revolutionierte die Mode 2013 ebenso wie aktuell Alessandro Michele für Gucci mit seinem Tanten- und Spießerschick. Der Penis bei Owens ist da schnell vergessen. Denn der Blick aufs Gemächt hat die Mode nicht wirklich vorangebracht, die zerrissenen Jeans mit den schlapprigen Karohemden von Slimane schon. Skandal ist also nicht gleich Skandal. Manche hallen länger nach, andere weniger.

Modepilot-Skandale-Mode-Ausstellung

#DickOwens: Rick Owens Kollektion 2015

Eine Schau über modische Skandale

Um genau diese Skandale, die auf unsere Mode noch heute Einfluss nehmen bzw. früher die Kleiderregeln beeinflußten, geht es in der eingangs erwähnten Modeausstellung im Pariser Musée des Arts Decoratifs: Die Schau „Tenu correct exigée!“ (deutsch: „Um angemessene Kleidung wird gebeten!“) dokumentiert in 300 Kleidern, Accessoires, Portraits und Bildern wie auch Filmen plus Werbungen modische Tabubrüche aus sieben Jahrhunderten und zeigt, wie wichtig sie waren für die Weiterentwicklung unserer Bekleidung.

Vorwürfe an die Mode, sie sei „zu kurz“, „zu lang“, „zu weit“, „zu eng“, „zu aufreizend“, „zu hoch geschlossen“ wie auch zu „feminin für den Mann“ oder „zu maskulin für die Frau“ gab es schon immer. Früher war die Aufregung über „Neues in der Mode“ sogar noch weit größer als heute. Zum Vergleich: Der Miniskandal um #DickOwens erzeugte einige hundert amüsierte Skandalkommentare vor allem im Web. Aber als im Winter 1995/1996 Alexander McQueen seine „Highland Rape“-Kollektion zeigte, bei der er Models in zerrissenen Kleidern (wie bei einer Vergewaltigung) über den Laufsteg schickte, und als John Galliano im Jahr 2000 eine von Obdachlosen inspirierte Kollektion für Dior zeigte, gab es vor den Geschäften dieser beiden Modehäuser wütende Demonstrationen.

 

Dior by John Galliano 2000: von Pennern inspiriert
Dior by John Galliano 2000: von Pennern inspiriert

Dior by John Galliano 2000: von Pennern inspiriert

Dior by John Galliano 2000: von Pennern inspiriert

 

Historische Tabubrüche der Mode

Das ganze Dilemma mit den Regeln, was sich modisch gehört und was nicht, ist uralt. Das Christentum verbot, dass man durch seine Kleidung auffallen sollte. Die Protestanten verboten später die Farben. Im Mittelalter Gelb zu tragen, galt als Skandal. Die ebenfalls immer länger werdenden Schuhe des Mittelalters galten als „unmoralisch“. Aber sie setzen sich dennoch durch.

Als in der Renaissance die ersten Schuhabsätze aufkamen, wurde das als Schummelei ausgelegt (was es im Grunde auch ist) und dementsprechend war es schlecht angesehen. Doch gemogelt wurde weiter: Erst machte das Korsett eine schlankere Taille. Und als das nicht mehr reichte, erfand die Mode den Reifrock, unter dem man breite Hüften und einen ausladenden Popo verstecken konnte und der die Taille optisch umso schlanker machte.

Paris 1797: Perspektivenwechsel: links der neue Look, rechts der alte.
Outfit 1850: Die Krionline, der Reifrock, kommt auf.

Paris 1797: Perspektivenwechsel: links der neue Look, rechts der alte.

Outfit 1850: Die Krionline, der Reifrock, kommt auf.

1783 stand Königin Marie-Antoinette im Kreuzfeuer der Kritik, weil sie sich von Elisabeth Vigée Le Brun in einer weißen Morgenrobe, wie sie die Regentin und sonstige modische Fashion Victims damals gerne trugen, portraitieren ließ. Das Gemälde erzeugte auf einer Messe einen solchen Aufruhr, dass es entfernt werden musste. Es wurde durch ein anderes Portrait der Königin ersetzt, auf dem sie in einem, ihrem Stand angemessenen Outfit abgebildet ist.

Unerhört, skandalös war das alles. Anfangs, aber dann …  war es plötzlich einfach nur trendig, modisch, up-to-date.

 

Aus Skandalen werden Sternstunden der Mode

Denken wir heute an große Momente in der Fashionhistorie zurück, so ging ihnen meist ein Tabubruch voraus: wie der Auftritt  Marlene Dietrichs im Smoking im Jahr 1930 (zu maskulin), die Kollektion „New Look“ von Christian Dior 1948 (zu verschwenderisch im Stoff), der Punk der 70er Jahre (zu zerrissen), der Auftritt des Ministers Jack Lang in einem Mugler-Jackett mit Mao-Kragen in der Assemblée nationale 1985 (zu unangemessen für einen Politiker) oder der erste Bikini 1946 (zu knapp), die ersten Minis 1962 (zu kurz), die ersten Baggy-Jeans in den 90ern (zu weit).

Marlene Dietrich, 1930 im Film Marokko.
Der erste Bikini von Louis Réard, 1946, Bild: AFP
Nizza 1969: Der Mini feiert seit über 7 Jahren seinen Siegeszug, aber noch nicht bei jedem.
Yves Saint Laurent, 1966: der erste Smoking für Frauen.
Das Skandalkleid der 70er: Mireille Darc trägt Guy Laroche im Film: Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh.
Jean Paul Gaultier 2012: Tattoos, Korsett und Nachtwäsche – drei Tabus auf einmal.
Typisches, superweites Baggy-Outfit der 90er Jahre
New York City 2016: Ein Outfit, das Elemente des  Punk, Grunge und der Skandalkollektionen von McQueen, Galliano und Konsorten vereint.

Marlene Dietrich, 1930 im Film Marokko.

Der erste Bikini von Louis Réard, 1946, Bild: AFP

Nizza 1969: Der Mini feiert seit über 7 Jahren seinen Siegeszug, aber noch nicht bei jedem.

Yves Saint Laurent, 1966: der erste Smoking.

Das Skandalkleid der 70er: Mireille Darc trägt Guy Laroche im Film: Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh.

Jean Paul Gaultier 2012: Tattoos, Korsett und Nachtwäsche – drei Tabus auf einmal.

Typisches, superweites Baggy-Outfit der 90er Jahre

New York City 2016: Ein Outfit, das Elemente des Punk, Grunge und der Skandalkollektionen von McQueen, Galliano und Konsorten vereint.

Manchmal half das Zeitgeschehen mit, einen Trend in den Augen der Öffentlichkeit zu reglementieren. Bestes Beispiel ist die Hose für Frauen. Sie war bis ins 19. Jahrhundert strengstens verboten. Als sich Schriftstellerin George Sand in Hosen zeigte, war das noch ein echter Skandal. Mit dem Aufkommen der Fahrräder gab es spezielle, sehr weite Fahrradhosen für Frauen. Die waren erlaubt und viele Damen begannen nur deshalb zu Radeln. Wer als Frau ansonsten eine Hose tragen wollte, brauchte eine amtliche Erlaubnis und die musste man bei einer Polizeikontrolle vorzeigen können. Doch dann kam der erste Weltkrieg und die Frauen machten die Arbeit der Männer. Sie brauchten plötzlich Hosen, um auf Laster zu steigen oder Leitern hochzuklettern. In den 1920ern kamen die Garçonettes auf und ab da konnte der Siegeszug der Damenhose nicht mehr gebrochen werden. Aber in Frankreich sollte es bis zum Jahr 2013 dauern, bis das dazugehörige Verbots-Gesetz aufgehoben wurde.

Paris 1910: Endlich kommt die Hose für Frauen zu ihrem Recht.
1911: Der Rock ist kein Rock, sondern darunter versteckt sich eine Hose.
Paris 1924: Der Bob revolutioniert die Frisuren und die Garconnes kommen an die Macht.
Gabrielle Chanel, 1937: Die Hose etabliert sich.

Paris 1910: Endlich kommt die Hose für Frauen zu ihrem Recht.

1911: Der Rock ist kein Rock, sondern darunter versteckt sich eine Hose.

Paris 1924: Der Bob revolutioniert die Frisuren und die Garconnes kommen an die Macht.

Gabrielle Chanel, 1937: Die Hose etabliert sich.

Um heute noch mit Kleidung einen Skandal hervorzurufen, müsste man schon nackig durch die Gegend laufen. Deshalb gibt es in der Shopping-Galerie „nur“ Kleidungsstücke zu shoppen, die zwar einst ein Skandal waren, aber heute ganz und gar als normal angesehen werden.

 

Die Ausstellung im Musée Les Arts Decoratifs, Paris, läuft noch bis 23.4.2017.

 

Photo By: Bilder: Aufmacher: Thierry Mugler 1997 by Guy Marineau, Bilder im Text: AFP, Barbara Markert für Modepilot, Guy Marineau, BnF, AFP/Getty Images, Bridgemen images, Fondation Pierre Bergé, Eugene Robert Richée, Jean Moral, Jason Rowe, Alle über courtesy Musee des Arts deoratifs, Paris

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