Kommentar: Deutsche Mode und der Fußball

Vor einigen Jahren antwortete mir der Designer Giambattista Valli auf die Frage, warum er sein Atelier nicht in seiner Heimat Italien aufgeschlagen hat, sondern in Frankreich: „Ich komme aus einem Land, in dem Zeitungen 85 % ihres Platzes dem Fußball und nicht einmal 5 % der Mode widmen. Ich musste umziehen." Ich selbst bin vor ĂŒber einem Jahrzehnt umgezogen, aus anderen GrĂŒnden. Mein Blick auf Deutschland und seine Mode ist deshalb ein Außenblick und gerade jetzt finde ich, dass es schlimm um sie bestellt ist. Ich weiß nicht, wieviel Platz dem Fußball in der deutschen Tagespresse und dem Fernsehen genau eingerĂ€umt wird, aber es ist offensichtlich sehr, sehr viel. Der Prozentsatz der Modeberichterstattung ist dagegen sehr, sehr gering und reicht ziemlich sicher nicht einmal an die 5 % aus Italien heran. Das mag man nun akzeptieren. Es ist auch nicht weiter schlimm. Schlimm ist aber, wenn die Mode versucht, durch Fußball Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – und genau an diesem Punkt sind wir jetzt.
Das von mir sehr geschĂ€tzte Deutsche Modeinstitut ernannte letzte Woche Star- und Nationalmannschafts-Torwart Manuel Neuer zum Krawattenmann des Jahres 2016. Ich habe nichts gegen Manuel Neuer, ein super Spieler, aber Krawattenmann des Jahres? Meinen die das ernst? Immerhin reiht er sich ein unter solch' authentische KrawattenmĂ€nner wie Willy Brandt, GĂŒnther Jauch und Hape Kerkeling (alle drei halte ich fĂŒr eine gute Wahl). Warum wird das nun ein Kicker, der die meiste Zeit seines Tages im Trikot oder Trainingsanzug verbringt?
Manuel Neuer ist Krawattenmann 2016 – gekĂŒrt vom deutschen Modeinstitut
Ich zitiere aus der BegrĂŒndung: „Wie auch in der Mannschaft beweist Manuel Neuer mit seinem authentischen Auftreten und einen damit einhergehenden Kleidungsstil eine herausragende Haltung. Neuer ist nicht nur durch seine außerordentlichen sportlichen Leistungen auf dem Fußballplatz ein Vorbild, sondern setzt auch zeitgeistige Trends in den Fokus des öffentlichen Interesses“, begrĂŒndete Gerd MĂŒller-Thomkins, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Deutschen Mode-Instituts, die Wahl des PreistrĂ€gers. „Konzentriert auf Wesentliches – immer dem jeweiligen Anlass gerecht, sportlich leger oder modern-elegant, ist Manuel Neuer ein lebendiges Beispiel dafĂŒr, dass seine sportliche Haltung einer inneren Haltung entspricht, die ihren Ausdruck letztlich auch in einer ganzheitlich stimmigen Ă€ußeren Erscheinung findet. Somit wird Manuel Neuer sportlich wie Ă€sthetisch zu einem modernen Stilvorbild.“ Der wichtigste Satz in dieser BegrĂŒndung ist dieser: „Neuer [...] setzt auch zeitgeistige Trends in den Fokus des öffentlichen Interesses." Kurz gesagt: Fußball schafft Publicity und die kann das deutsche Modeinstitut gebrauchen. Wie viele andere auch.
Das bringt mich zum zweiten Beispiel: PETA. Ich schĂ€tze die Organisation PETA vor allem dafĂŒr, dass sie AufklĂ€rungsarbeit geleistet hat und uns fĂŒr das Thema Pelz sensibilisiert hat. Aber – ebenfalls letzte Woche – bekam ihre GlaubwĂŒrdigkeit bei mir einen ziemlichen Knacks. Warum? Sie engagierten Cathy Hummels als Whistleblower fĂŒr eine neue Kampagne gegen TierquĂ€lerei.
FĂŒr alle, die sich, wie ich, gar nicht fĂŒr Fußball interessieren, erklĂ€re ich kurz (ich weiß, es ist unnötig, Ihr kennt sie eh alle), wer die Blondine im Video ist: Cathy Hummels ist ein WAG (= Wife And Girlfriend of a high-profile professional athlete). Konkret: Sie ist Ehefrau von Mats Hummels (wie Neuer ein Fußball-Star, Nationalmannschaft, Weltmeister, das ĂŒbliche eben). Beruflich versucht sich Cathy Hummels als Moderatorin. Der Erfolg ist mĂ€ĂŸig. Auf Facebook und Instagram ist sie sehr aktiv. Dort sieht man sie am 17. November eine Tasche aus exotischem Leder versteigern (fĂŒr einen guten Zweck), am 5. November trug sie  – ebendort zu sehen – eine MĂŒtze mit Pelzbommel. Am 9. Dezember wurde die Anti-TierquĂ€lerei-Kampagne gestartet.
Nun bin ich kein Anti-Pelz-Verfechter, aber passt so jemand fĂŒr eine PETA-Kampagne? Die Frage stellten sich viele. PETA vermeldete: Cathy sei bekehrt. Wirklich? Also das Shooting fĂŒr die Kampagne fand sicherlich vor den zwei Facebook-EintrĂ€gen statt. Die Folge dieser umstrittenen Rolemodel-Wahl: Es gab einen Shitstorm. NatĂŒrlich. Aber ich behaupte nunmal frech: FĂŒr PETA  hat es sich trotzdem ausgezahlt.
Denn: Bei Google gibt es zu den Stichworten „Cathy Hummels PETA" ganze 70.900 EintrĂ€ge fĂŒr ein Ereignis, das gerade mal ein paar Tage alt ist. Nicht schlecht, diese Publicity. Zum Vergleich: FĂŒr die Kooperation von Toni Garrn, einem der derzeit wichtigsten internationalen Models ĂŒberhaupt, mit Closed gibt es 100.000 EintrĂ€ge bei Google, aber dieses Koop ist auch schon einige Wochen her, und die Medien, die darĂŒber berichtet hatten, heißen Vogue, Grazia, Modepilot. Über Cathy Hummels und PETA berichteten dagegen auflagenstarke Medien wie Focus, Bunte und n-tv. Man kann sich nun an drei Fingern abzĂ€hlen, welche Kooperation sich bei einer Straßenumfrage als die Bekanntere erweisen wĂŒrde. Die Antworten der Passanten in einer FußgĂ€ngerzone kann ich mir vorstellen: „HĂ€? Wer bitte ist Toni Garrn? Klar, die Hummels, die kenn' ich. Das ist doch die Frau vom Mats. Guter Verteidiger. Spielt der nicht bei Borussia? Quatsch, was sag' ich, der ist doch wieder zurĂŒck bei den Bayern."
Gatte Hummels ist ĂŒbrigens auch selbst als Roldemodel aktiv. Der Bayern MĂŒnchen Spieler kooperierte mit Tag Heuer, Edel Optics hat mit Kicker JĂ©rĂŽme Boateng eine Brillenlinie aufgelegt... Beispiele von Fußball-Mode-Koops gibt es genug. Die Kollegen vom Magazin Icon haben die modischen Kooperationen der deutschen Fußballer in diesem Artikel zusammengefasst. Auch Adidas nutzte die Publicity eines Fußballers, um seine Ozean-MĂŒll-Linie zu promoten. Warum er und nicht zum Beispiel ein bekannter Surfer auserwĂ€hlt wurde, steht hier >>>. Ob Xabi Alonso auch ein Elektro-Car fĂ€hrt, Bio-GemĂŒse isst und ansonsten umweltbewusst lebt, bleibt im Dunklen.
So mehrt sich bei mir der Eindruck: Nach der Lebensmittel-, Auto-, Sport-, Hifi-, Reisebranche ist nun die (deutsche) Mode auf dem Fußball-Trip. Dass WAGs und Ex-WAGs wie Sylvie Meis (414.000 Google EintrĂ€ge), Lena Gerke (413.000 Google EintrĂ€ge) oder Ann-Kathrin Brömmel (551.000 Google EintrĂ€ge) die besseren Influencer sind (Germanys derzeit liebste Stylebloggerin Caro Daur kommt nur auf 174.000 EintrĂ€ge), haben die meisten Mode-Marken lĂ€ngst kapiert. Die Damen werden reichlich ausgestattet. Nicht nur in Deutschland. Jean Paul Gaultier wies den Spielerfrauen bei seiner Farewell Show im September 2014 deshalb auch eine Starrolle zu. Zum ganzen Artikel geht es hier >>>.
Der immer zu SpĂ€ĂŸen aufgelegte Modedesigner stellte klischeehaft die Spielerfrauen als Kaugummi-kauende, Hot-Pants-tragende und Selfie-knipsende Frauen mit Föhnwelle dar. Klar sollte es humoristisch sein, aber in jeder Überzeichnung steckt auch ein bisschen Wahrheit. Und es stimmt auch, dass es nur sehr wenige UnterwĂ€sche-Models – ohne einen Kicker-Freund – schaffen, berĂŒhmt zu werden. Auch wĂ€ren nach Kathrins Meinung zum Beispiel Kurt Krömer, und nach meiner Meinung Oliver Welke wesentlich bessere Krawattenmann 2016-Kandidaten gewesen. Aber hĂ€tten Passanten auf der Straße mit diesen beiden Namen etwas anfangen können? Wir (und Jean Paul) können nun unken, wie wir wollen. Es Ă€ndert nichts an der Tatsache, dass gilt: "Sex sells" und "Soccer sells even better". Das weiß die leidende Modeindustrie auch und nutzt es. Aber traurig ist das schon, oder?
Photos by: Aufmacher: PETA Screenshot Video, Bilder JP Gaultier: Barbara Markert fĂŒr Modepilot, Screenshot Deutsches Modeinstitut, Facebook Cathy Hummels, Video PETA

Kommentare

  • Tina sagt:

    Sehr treffend, wie ich finde..!
    • Eva sagt:

      Wunderbar, Barbara!

      Schön, dass Du die Tatsache, dass das Anspruchsniveau immer weiter runtergeht, damit es Schnipsel dieser Instagramklone gibt, die man in Magzinen, etc. verwerten kann, aufgreifst und in bekannt professioneller Weise beschreibst. Manuel Neuer als Ikone fĂŒr irgendwas Modisches aufzustellen, ist an und fĂŒr sich ein tragisches MissverstĂ€ndnis. Der Mann kann was, hat aber Null Eleganz. Mit oder ohne Krawatte ... zu Cathy Hummels fĂ€llt mir nur ein, dass sie nicht mal Fußballspielen kann. Was kann sie eigentlich?


      • Sybille sagt:

        Toller Artikel! Wie immer auf den Punkt, liebe Barbara.