Anthony Vaccarellos Debüt bei YSL

"The Rebirth of Saint Laurent!" – So stand es gestern Abend nach der Premierenshow von Anthony Vaccarello für Saint Laurent auf dem offiziellen @ysl-Instagram-Account geschrieben. Also doch keine Namensänderung zurück mit Vornamen (Yves Saint Laurent) wie alle – einschließlich uns – mutmaßten?
Die Location war spektakulär! Es handelte sich um eine Baustelle im schicken sechsten Arrondissement in Paris,  die gerade zum neuen Headquarter von Saint Laurent umgebaut wird und 2018 fertig werden soll. Der Laufsteg war in einem ebensolchen, rohen Beton-Ambiente gehalten, jedoch an der Decke verspiegelt. Und vom Baukran hing weithin sichtbar ein riesiges leuchtendes YSL-Logo, das durch die Nacht schien. Wow! Beeindruckend! Das war ein erstes Statement. So gehört sich das für ein Debüt eines neuen Designers. Das zweite Statement folgte auf dem Laufsteg und lautete: Vaccarello macht sein Ding und schlägt Brücken zum Vorgänger, mit ein paar Reminiszenzen an den Gründer Yves – und das vor allem an seinen berühmten Frauen-Smoking.
Ich gehe mal ins Detail:

Vaccarello bleibt sich treu

Sich treu zu bleiben, ist an sich nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Anthony Vaccarello wurde bei Saint Laurent angestellt, weil er einen edgy und sexy Stil hat. Er passt zur DNA des Hauses und er soll diesen Stil auch gerne dort weiterführen. Wie wir schon in unserem Artikel über die Designerwechsel geschrieben haben (hier geht's zum Artikel >>>), bleibt ein neuer Designer oft hinter dem Image einer großen Marke unsichtbar. Nur Insider und Mode-Interessierte kennen die Namen derjenigen, die kreativ der Marke neues Leben einhauchen. So ist es mehr als verständlich und auch legitim, dass Anthony Vaccarello der Marke seinen Stempel aufdrückt und seinen eigenen Stil feiert. Siehe seine vorherigen Entwürfe unter eigenem Namen und die aktuellen für Saint Laurent im Vergleich:
Modepilot-Saint_Laurent-Vaccarello
Gleiche Silhouette, aber umgesetzt für Saint Laurent im Stil des Smokings. Links: Anthony Vaccarello Sommer 2014. Rechts: Saint Laurent Sommer 2017
Modepilot-Saint_Laurent-Vaccarello
Auch hier geht es um den gleichen Look, mit kleinen Abwandlungen. Links: Anthony Vaccarello Sommer 2013. Rechts: Saint Laurent Sommer 2017
Modepilot-Saint_Laurent-VaccarelloModepilot-Saint_Laurent-Vaccarello
Metallic ist beliebtes Thema bei Vaccarello. Links: Anthony Vaccarello Sommer 2013. Rechts: Saint Laurent Sommer 2017
Modepilot-Saint_Laurent-Vaccarello
Für diese Röcke ist Vaccarello berühmt. Warum also nicht auch für YSL verwenden? Links: Anthony Vaccarello Sommer 2013. Rechts: Saint Laurent Sommer 2017
Modepilot-Saint_Laurent-Vaccarello
Gleiche Silhouette, gleiches Styling, gleiche Idee der Transparenz beim Top, nur die Jacke fehlt. Links: Anthony Vaccarello Sommer 2016. Rechts: Saint Laurent Sommer 2017

Vaccarello schlägt Brücken zu Slimane

Anthony Vaccarello tritt bei Saint Laurent in große Fußstapfen: Hedi Slimane hat wie kein anderer vor ihm das Haus YSL modernisiert. Das war am Anfang ziemlich schockierend für die Kunden und die Presse, aber seine modische Revolution  (siehe unseren Artikel damals >>>) hat sich am Ende ausgezahlt in steigenden Umsätzen und einem neuen, coolen Image. Auf diesem hohen Niveau muss sich der Neue beweisen und das ist nicht leicht. Deswegen hat er so manche Ideen aus Slimanes letzten Kollektionen aufgegriffen und neu umgesetzt. Es wirkt wie eine kleine Verbeugung vor dem Vorgänger. Eine nette Geste, auch wenn ich vielleicht andere Modelle lieber wieder gesehen hätte als die 80er-Kleider aus Slimanes allerletzter Kollektion, die ich nun wirklich nicht für seine beste halte.
Modepilot-Saint_Laurent-Vaccarello
Die spitze, theatralische Schulter des Hauses: Einmal im 80er-Styling umgesetzt von Slimane (links) und einmal etwas abgespeckter von Vaccarello (rechts).
Modepilot-Saint_Laurent-Vaccarello
Links: Slimanes Umsetzung des berühmten Drama-Ärmels, der auf Yves Saint Laurent zurückgeht. Slimane setzt ihn sehr im Originalstil der 80er um. Rechts: Vaccarello gelingt das besser und moderner.
Modepilot-Saint_Laurent-Vaccarello
Die Jaquard-Jacke mit Löwenkopf-Motiv aus Slimanes YSL-Kollektion für Sommer 2016 (links), greift Vaccarello (rechts) im Look & Feel wieder auf und kombiniert sie schicker und klassischer.

Vaccarello verbeugt sich vor dem Gründer

Die Inspiration zur Kollektion stammt aus dem Archiv: Es waren Bilder, auf denen Paloma Picasso in ihrem so eigenen Stil aus Second-Hand Kleidern aus den Vierzigerjahren in das Leben von Yves Saint Laurent trat, die Vaccarello begeisterten. Paloma Picasso inspirierte Yves Saint Laurent zu seiner Kollektion 1972, die damals – wie so häufig – sehr kontrovers diskutiert wurde, aber die Achtzigerjahre vorweg nahm. Genau hier setzt Anthony Vaccarello an: Die Achtziger werden zeitgemäß umgesetzt: ein bisschen weniger theatralisch, aber mit vielen klassischen Elementen.
Die übertriebenen Schulterpartien von damals macht Vaccarello zu einem seiner Schlüssel-Themen dieser Debütkollektion. Aber er setzt sie im Vergleich zum Original etwas weiter unten an der Schulterpartie an und gibt der Schulterbetonung so einen neuen Dreh:
 
Natürlich darf in keiner Kollektion von Saint Laurent ein Smoking fehlen. Er ist eines der Keypieces des Hauses und wurde seit dem Weggang des Gründers von ALLEN nachfolgenden Designern thematisiert. Hier die Versionen à la Vaccarello:
 
 Zum Abschluss zeige ich noch ein paar Modelle, die man einfach gesehen haben muss und das Bild abrunden.
 
Mein Fazit:  Ich mag dieses sehr diskrete und auch bescheidene Debüt von Anthony Vaccarello und bin gespannt auf meinen Showroom-Besuch am Donnerstag, wo ich mir alles genauer ansehen kann. Aber ich hatte mir auch irgendwie mehr von dieser Premiere erwartet. Viel mehr Neues und mehr Kreativität hätten dem Debüt gut getan. Es ist kein Paukenschlag, den Vaccarello abgeliefert hat, sondern ein zartes Trommeln auf bekannten Instrumenten. Mir fehlt etwas die Abwechslung in der Kollektion, mehr Stücke, die aufwühlen oder provozieren – und auch mehr Farbe. Yves Saint Laurent stand für starke Farben und sie sind auch in der Mode zurück. Aber wo sind sie hier? Nun gibt es Designer, die sich erst einfinden müssen, und andere, die gleich alle Türen einrennen. Vaccarello hatte genügend Zeit, sich einzufinden und wollte scheinbar für sein Debüt auch keinen Skandal provozieren, wie es Slimane damals bei seinem Neueinstieg tat.  Aber meinem Geschmack nach könnte Anthony Vaccarello gerne etwas mehr wagen und aufdrehen für die nächsten Kollektionen.
Photo Credit: Catwalkpictures

Kommentare