Nicolas Ghesquière bald mit eigener Marke?

Alles begann mit einem Ausrutscher im französischen Kult-TV-Kanal Canal Plus: Nicolas Ghesquière war so eingenommen von Star-Moderator Yann Barthès (das ist aber auch ein Charmeur!), dass dem Modedesigner und derzeit amtierenden Louis Vuitton Art Direktor die Information entwich, bald sein eigenes Label gründen zu werden. „Wann?“, fragte Barthès  nach. „Bientôt“, sagte der Ghesquière und lächelte geheimnisvoll. Wirklich? Schon bald? Ich habe es live am TV-Bildschirm mitverfolgt und dachte nur: Oha!

Nicht nur mich, sondern auch viele andere Brancheninsider hat diese Aussage mehr als erstaunt. Denn der 45-jährige Franzose wurde davor nicht müde zu betonen, dass eine eigene Marke für ihn kein Thema wäre. Ich hatte ihn zweimal während seiner Zeit als Art Direktor bei Balenciaga interviewt und jedes Mal verneinte er meine Frage nach einer eigenen Kollektion unter seinem Namen. Gerüchte darum gab es immer. Nun aber wird die Sache konkret. Scheinbar. Wenn man der französischen und internationalen Presse Glauben schenkt.

 

Modepilot-Ghesquiere-eigene Marke

Nicolas Ghesquière

Die Presse schürt die Gerüchteküche weiter an

Das französische Wirtschaftmagazin The Challenge schrieb vor rund einer Woche: „Ghesquière créé sa marque avec le soutien de LVMH“. Zu Deutsch: Ghesquière wird seine Marke mit Unterstützung von LVMH gründen. Nun das kommt nicht wirklich überraschend. Bernard Arnault ist ein Fan des Designers und hilft gerne. Die Rede ist von einer Minderbeteiligung des Luxuskonzerns und die gemeinsame Nutzung verschiedener Service-Abteilungen.

Nun ist die Frage, wann das alles wirklich spruchreif wird. Obwohl seit Juni Gerüchte kursieren, die von Reuters in Umlauf gebracht wurden, dass Ghesquière bald Louis Vuitton verlassen könnte, dementierte bis dato der Konzern mit dem Argument: Ghesquières Vertrag laufe noch bis 2018. Viele in Paris erwarten, dass sich der Konzern nach der Louis Vuitton-Show am 5. Oktober konkreter und eventuell anders äußern wird und dass bereits ein Nachfolger feststünde. Reuters spekulierte im Sommer, dass Jonathan Anderson (derzeit bei Loewe) übernehmen könnte. Warten wir einfach mal ab.

Fakt ist, häufige Designerwechsel sind längst gang und gäbe, wenn nicht sogar ein Muss für die Strategie einer Marke.  Warum, das haben wir bereits hier genauer beleuchtet >>>>. Nicolas Ghesquière wäre im Oktober drei Jahre lang bei Louis Vuitton. Zeit zu gehen? Vielleicht. Aber vielleicht ist die Zeit auch gerade reif für kleine Marken und das hat Ghesquière, der immer als ein vorausschauender und extrem kluger Stratege der Mode galt, richtig erkannt. Louis Vuitton sowieso. Die wissen, wo das Gras wächst. Und je früher man bei viel versprechenden, neuen Labels einsteigt, desto günstiger ist die Beteiligung.

Ghesquières Kollektion für Louis Vuitton,  Herbst/Winter 2016-17

Zur Person Nicolas Ghesquière

Nicolas Ghesquière gilt als einer der begabtesten Designer unserer Zeit. Der Autodidakt aus Nordfrankreich fing bei Jean-Paul Gaultier an und wechselte dann zu Balanciaga, einer Marke, die damals niemanden interessierte. Er übernahm dort 1997 die Art Direktion und holte das Traditionshaus aus der Versenkung. Die Balenciaga-Shows unter seiner Regie wurden zum Hot Ticket der Pariser Modewoche: Seine Kreationen warfen einen Blick auf die Trends von morgen, seine Arbeit galt als maßgebend für die ganze Branche. Karl Lagerfeld bescheinigte Ghesquière einmal, dass er einen völlig neuen Look kreiert hätte. Etwas, was in der Branche nur alle Jubeljahre mal vorkommt.

Nach Zerwürfnissen mit dem Balenciaga-Eigentümer Kering verließ Ghesquière im Streit 2012 das Haus und übernahm ein Jahr später die Art Direktion bei Louis Vuitton, die vorher in den Händen von Marc Jacobs war. Der Schritt von Kering zu LVMH unterstrich die Brisanz seines Wechsels, da sich die beiden Konzerne nicht gerade mit Samthandschuhen anfassen.

Auch bei Louis Vuitton erneuerte Nicolas Ghesquière stark die bestehende Mode. Manchen sogar zu sehr. Seine Louis Vuitton Kollektionen waren wegweisend, aber nicht unbedingt kommerzielle Bestseller. Die Accessoires-Linie nahm unter ihm einen Abschied von der von Marc Jacobs verfolgten Logo-Manie, wurde stark erneuert und fand mehr positive Resonanz als die Bekleidung. Obwohl Nicolas Ghesquière nicht mehr wie noch vor rund einem Jahrzehnt als Prophet der Mode gilt, ist sein Talent unbestreitbar. Eine eigene Linie unter seinen Namen könnte ähnlich einschlagen, wie es derzeit Vetements tut.

Photo By: Catwalkpictures

Kommentar hinterlassen

Your email address will not be published.

Follow our travels on Instagram: