Jede Stadt hat den Member Club, den sie verdient

„Eigentlich nicht mein ‚Turf‘, aber heute Abend gehe ich mal wieder ins Hearthouse.“ Das sagt man hier so. Es ist schick, Münchens neuen Member Club nicht cool zu finden, und dennoch Member zu sein.

Berlin hat das Soho House, München hat seit Januar das Hearthouse: Das Hearthouse unterscheidet sich von seinem Berliner Pendant darin, dass es zwar kein Hotel, keinen Fitness- oder Wellness-Bereich und keinen George Clooney als Dauergast hat, aber dafür trotzdem 900 bis 1200 Euro pro Jahr kostet (1200 Euro kostet die Mitgliedschaft in Berlin). Dafür bekommt man Zutritt zu einer Bar, einer Disco, einem Restaurant und einem „Social Room“. Der Münchner kann es sich leisten, weniger für sein Geld zu bekommen. Jede Stadt hat den Member Club, den sie verdient.

Die schärfste Membership Card zwischen Frankfurt und Zürich

Hier ist es auch nicht cool (wie in Berlin), jemanden zu kennen, der einen auf die Gästeliste setzen kann. Hier ist man selbst derjenige, der als „Member“ oder gar „Founder Member“ andere auf die Liste setzen kann. Hier ist jeder Clubmitglied. Man meldet sich einfach mal an. Was man hat, hat man. Deshalb erübrigt es sich auch, dass man drei Gäste mitbringen darf.

Wer sich von den Gründern durch den Club führen lässt, lässt sich anschließend nicht lumpen, einen Antrag auszufüllen und das Geld zu überweisen. Ist ja nicht viel! Und dann hat man keinen Stress, wenn man mal spontan hin möchte. Bis auf die jungen Frauen in Stretchkleidern und High-heels tragen also immer mehr die fast zwei Millimeter-starke Mitgliedskarte aus Metall mit sich herum. Sie ist mit ihren scharfen Kanten aber auch praktisch!

In der Garderobenschlange beobachte ich am Freitagabend einen Mann mittleren Alters, der sich mit dem Zeigefinger abwechselnd die obere Zahnreihe poliert und sich eine nicht vorhandene Haarsträhne aus dem Gesicht streicht. Eine unhörbare Stimme aus seinem Dunstkreis liefert ihm eine Steilvorlage, die er ergreift. Endlich hat er ein adäquates Publikum dafür gefunden. Er brüllt: „Korrekt! Im Schumann’s war das gestern – hatte schon wieder vergessen, dass ich da war. Na ja, da trifft man mich ja immer an.“

Das Schumann’s – Equivalent zum Berliner Borchardt Restaurant – gab zunächst einen seiner Kellner an den neuen Club ab: Cihan hat im Hearthouse seine lang ersehnte eigene Bar, the „Circle“, holzgetäfelt, Ledersessel, Fensterfront und von Mittwoch- bis Samstagabend ein großer Eisblock, von dem unterschiedlich große Brocken abgespaltet werden – für die Drinks, die auch im Kondom serviert werden („Sex on the Beach“). Als die Barkeeperin beim Servieren das Reservoir aufschneidet und dem kostbaren Saft freien Lauf lässt, flüstert mir meine Freundin ins Ohr: „Schau, jetzt zeigt sie den Mädels, wie das nachher geht.“

Das Schumann’s gibt auch gern manche seiner Anzugträger-Gäste abends an den Club ab. Dann, wenn diese mit abgeschleckter Kreditkarte auf die Pirsch nach leichter, aber hochkarätiger Beute gehen. Wobei die vermeintlich leichte Beute doch sehr gelangweilt dreinblicken kann, wenn das selbstgefällige Gesicht im Maß-Dreiteiler einer Barkeeperin väterlich erklärt, wie es seinen Drink zubereitet haben möchte. Und zwar Schritt für Schritt! Hach, man kann sich richtig vorstellen, wie dieser Mann gestern Abend noch einem Barkeeper in London, letzte Woche in Hongkong und in Jaipur auf die Nerven ging. Ja, liebe Berliner, das ist die Kunst in München: Maximal 90ies wirken und dabei weltweit richtig Asche machen. Quasi das Gegenteil vom Berliner Soho House Klientel, wenn wir uns an dieser Stelle an die Stern-Kolumne von Micky Beisenherz erinnern möchten >>>

Hipstertum ist hier nicht. Hier trifft Krawatte auf aufgespritzte Lippe mit Düsseldorf-Strähnchen. Die größte Gefahr für den mit Geldscheinen winkenden Investor ist nur Payman im deep V-Neck. Den Model-Macher kennen wir noch aus der Jury von Germany’s Next Topmodel.

Friday Nights in Munich? #HEARThouse #munich #friday #party #peace✌️

Ein von Peyman Amin (@peyman1amin) gepostetes Foto am


Das Hipster-mäßigste ist hier die Bezeichnung „Kitchen“ fürs Restaurant, wo Lampen in Form gigantischer Diamanten von der Decke hängen. Genau: Erst der Diamant zum Candlelight-Dinner und dann das geplatzte Kondom. Wobei sich zwischen die zwei Kondom-Szenarien noch ein Abstecher in die Disco schieben ließe. Dorthin treibt es irgendwann auch die Herrschaften aus dem Separee, einem vornehmen Veranstaltungsraum. In der zweiten Etage gibt es noch einen „Social Room“ mit geknöpften Ledercouches und dunkel gebeizten, doppelten Holzfensterrahmen mit Messingbeschlägen. Mit viel Glück kann sich die Kondomspezialistin von dort noch einen Cognacschwenker abgreifen.

Am Ende treffen sich alle unten im Basement wieder. Denn wir steigen gern hinab in den öffentlich zugänglichen Heart Club, wo wir den Kontakt mit dem Fußvolk pflegen. Man hört uns sagen, dass wir es dort eh viel cooler finden; dass die Stimmung dort besser ist. Es ist wie mit dem Oktoberfest: Dann, wenn wir das Käferzelt verlassen, weil wir das echte Oktoberfest erleben möchten, den Austausch mit dem einfachen Mann, dem Endverbraucher, dem Leser und mit anderen Kulturen. Wir regen uns nicht darüber auf, wenn das Personal – des Coolness-Faktors wegen wie im Soho House – die deutsche Sprache verweigert. Im Gegenteil: Wir sind froh, unser Englisch oder unser Spanisch zum Besten geben zu können. Vielleicht ist es unsere von Weltoffenheit und Erfolg getränkte Fröhlichkeit, die uns von dem Berliner Publikum unterscheidet.

Wir sehen uns am Freitag im Hearthouse! Ist zwar nicht so mein Ding, aber auf einen Japanese Teapot Cocktail (mit Kännchen, ohne Kondom) schaue ich bei Cihan vermutlich kurz vorbei.

Photo By: Catwalkpictures
7 Kommentare zu
“Jede Stadt hat den Member Club, den sie verdient”
  • Herrlich!
    Habe grade auch die verlinkte Stern-Kolumne von Micky Beisenherz gelesen und musste bei „Los Wochos“ direkt noch mal sehr laut lachen!!!

  • Hihihi. Genau so habe ich München in Erinnerung. Das mit den Kondomen ist ja schon ziemlich präpubertär, oder?

    Das Soho House finde ich aber auch total überbewertet. Anstrengend, wenn man sich den ganzen Tag solche Mühe geben muss. Das hat mit Berlin, so cool wie es früher mal war, nichts mehr zu tun.

  • Ihr habt einen tollen Schreibstil, der Artikel ist super. Wir leben in München und wir haben uns ehrlich gesagt schon oft gefragt, welche Möchte-Gern-Hipster sich das antun und ob wir auch „mal dabei“ sein müssen. Definetely not! 😀

    Wir befassen uns auf unserem Luxus und Lifestyle Blog mit allen möglichen Themen rund um Luxus und Lifestyle und sind der Meinung, dass sich Luxus eben nicht nur über den Preis definiert. Luxus ist vor allem ein Lebensgefühl, welches durch die besonderen Menschen und Geschichten eines Events, Produkts oder Location entsteht.
    Schaut mal rein: http://event-ww.de/blog

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