Bouchra Jarrar übernimmt bei Lanvin

Ich bin mir nicht sicher, wie bekannt Bouchra Jarrar in Deutschland ist. Die Französin, gebürtig aus Cannes und Absolventin der renommierten Ecole Duperré, gilt seit Jahren in Frankreich als Ausnahmetalent. Sie führt ein eigenes Couture-Haus und hat maßgeblichen Einfluss daran, dass in der verstaubten Haute Couture-Branche wieder ein frischer Wind weht.

Nun bestimmte das Haus Lanvin sie als Nachfolgerin von Alber Elbaz für die Damenmode. Die Herrenmode bleibt weiter in den Händen von Lucas Ossendrijver und Bouchra Jarrar wird keine Supervisor-Funktion (wie Elbaz zuvor) haben.

Modepilot-Lanvin-Bouchra-Jarrar

Bouchra Jarrar, neue Designerin bei Lanvin

Die Wahl der Französin kommt einerseits überraschend, andererseits geht damit Lanvin auch auf Nummer sicher.

 

Warum passt Bouchra Jarrar zu Lanvin?

Bouchra Jarrar (ausgesprochen Buschra Schara) bringt 20 Jahre Erfahrung in der Pariser Modeindustrie mit. Nach der Ausbildung an der Pariser Duperré Schule arbeitete sie erst bei Jean Paul Gaultier im Schmuckdesign. Dann wechselte sie zu Balenciaga, das damals unter Josephus Thimister mit außergewöhnlichen Schauen von sich Reden machte. Es war die wilde Zeit von Balenciaga, bevor Nicolas Ghesquière das Ruder übernahm. Unter ihm wurde sie Studiodirektor und blieb bis zum Jahr 2006. Nach einer kurzen Stippvisite bei Jean-Louis Scherrer, dessen Haus damals schon in der Auflösung begriffen war, ging sie zu Christian Lacroix. Als Lacroix sein Haus schließen musste, ermutigte er sie, ihr eigenes Modehaus zu gründen. Das war 2009.

Bouchra Jarrar wählte als Segment die Haute Couture und überraschte die Branche damals mit ihren einfachen Modellen von High-Luxury-Tagesmode. Zwischen all‘ den Abendroben waren ihre puristischen, wie exquisten Kreationen etwas erfrischend Neues. —>> Wir berichteten. Im Dezember 2013 wurde sie in den erlesenen Kreis der offiziellen Haute Couture-Mitglieder aufgenommen. Doch ihre „Vollmitgliedschaft“ änderte nichts daran, dass Bouchra weiter vor allem Tagesmode und kaum Abendroben kreierte.

Sie ist bekannt dafür, in jeder Kollektion mindestens eine Perfecto-Jacke zu zeigen. Und dafür, die verschiedensten Materialien mit außergewöhnlichem Können zu verknüpfen, wie auch gerne eigene Stoffentwicklungen zu verwenden. Handwerklich gehört Bouchra Jarrar, die heute 45 Jahre alt ist, sicherlich zu den fähigsten Designern in Paris. Oft liegt ihr Augenmerk auf dem Oberteil, das mit einer schlichten schwarzen Hose kombiniert wird. Verrückte Kreationen oder Eyecatcher-Modelle sind nicht ihr Ding. Ihr geht es vor allem um elegante Mode, die jede Frau tragen kann. Und das zu jeder Zeit.

Aus diesen Gründen mag Bouchra Jarrar die richtige Frau am richtigen Platz bei Lanvin sein. Das Haus, das Alber Elbaz vor allem aus Umsatz- und Gewinngründen vor die Tür setzte, braucht jetzt gefällige Mode, die sich leicht verkauft. Verrückte Spinnereien, die nur gut auf dem Laufsteg aussehen, passen nicht zur augenblicklichen, stark ökologisch geprägten Strategie.

 

Lanvin: Ein Frauen-Trio

Lanvin gehört seit 2001 der chinesischen Business-Frau Shaw-Lan Wang. Das Unternehmen leitet seit wenigen Jahren Michèle Huiban. Mit dem Eintreffen von Bouchra Jarrar sind nun drei starke Frauen am Ruder. Das ist wohl eine Ausnahme in der Pariser Mode-Szene.

Bouchra Jarrar und Lanvin-CEO Michele Huiban

Bouchra Jarrar und Lanvin-CEO Michele Huiban

Michèle Huiban, CEO von Lanvin, begründete die Wahl dementsprechend: „Bouchra Jarrar ist eine talentierte und inspirierte Designerin. Ihr zeitloser Stil entspricht dem Stil und den Werten des Hauses. Ihr Talent, ihre Strenge, ihr Können in der Schnitttechnik und ihr Wissen über Materialien wird dem Haus Lanvin Frische und Modernität einhauchen. […] Madame Wang (die Eigentümerin, A.d.R.), Bouchra Jarrar und ich selbst teilen die gleiche moderne Vision der Couture. So war es klar, dass unsere Wege sich kreuzen würden.“

 

Foto-Galerie mit Modellen von Bouchra Jarrar für den Winter und Sommer 2016 (Haute Couture)

 

Bouchra Jarrar Spring/Summer 2016

 

Was, wann und wie?

Mit der Französin, die marokkanische Wurzeln hat, wird ein Abschied von den offenen Nähten à la Elbaz und seiner berühmten Cocktailmode einher gehen. Aber wer braucht heute noch Cocktailmode? Die offenen Nähte allerdings werde ich ganz persönlich schwer vermissen. Sie verliehen der Lanvin-Mode immer einen Schuss Lässigkeit. Eine Lässigkeit, für die Bouchra Jarrar nicht steht. Ihre Mode ist nüchtern, akkurat und ohne jeglichen Firlefanz. Die Pariserin folgt einer klaren Linie und ist in ihrem Design beständig. Dass sie, wie Ghesquière oder Proenza Schouler neue, nie dagewesene und auch unsichere Wege in der Mode einschlägt, wird nicht von ihr erwartet. Immerhin leitet sie nun das älteste, noch aktive Modehaus Frankreichs. Lanvin wurde bereits 1889 von Jeanne Lanvin gegründet.

Diese unglaubliche Historie ist Bouchra Jarrar (die in Paris nur Bouchra genannt wird) bewusst. In dem mir zugesandten Pressedossier wird die Designerin mit folgenden Worten zitiert: „Mein Wunsch ist, dem Haus Lanvin Harmonie und die Kohärenz einer Mode, die sich an die Frauen von heute wendet, zu vermitteln.“

Bereits am gestrigen Montag hat die zarte Pariserin mit den dunklen Haaren ihren Posten angetreten. Ihre erste Kollektion wird für den Herbst erwartet, zur kommenden Pariser Fashionweek, wenn die Sommermode 2017 gezeigt wird. Der Ausstieg Alber Elbaz‘ ist jedoch noch nicht definitiv abgeschlossen, angeblich reden hier noch Anwälte und Gerichte. Das Designteam, das bis zum Schluss versuchte, Elbaz zurück zu holen, hat im März auf der Fashionweek eine mehr als mäßige Übergangskollektion abgeliefert, die jedoch der Nachfolgerin einen leichten Start ermöglicht. Bouchra kann es im Oktober nur besser machen.

 

Photo By: Catwalkpictures, PR Lanvin
1 Kommentar zu “Bouchra Jarrar übernimmt bei Lanvin”
  • Danke für die vielen sachdienlichen Hinweise und Informationen … mal sehen, wie das wird. Sie selbst ist ja immer sehr gut und cool gekleidet aus, ich mag den Stil. Die eigenen Kollektionen gefallen mir bisher nur so halb-halb, aber, wer weiß … Alber Elbaz ist eben nicht leicht zu ersetzen und langsam gehen der Branche die Genies aus, habe ich den Eindruck …

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