Was kommt nach Bart und Hipster?

Irgendwie ist die Mode derzeit doch ziemlich gemütlich: Wir tragen Jogging-Hosen sogar im Büro und bei Regen coole Gummistiefel. Im Winter wie Sommer liegen flache Treter gerade im Trend, die Männer haben sich fast alle einen Bart wachsen lassen, die Frauen lassen die Augenbrauen sprießen. Wir essen Gemüse von annodunnemal und kaufen nicht mehr im Mega-Supermarkt, sondern schön nachhaltig bei Tante Emma um die Ecke. Das könnte erstmal alles so bleiben. Oder Vincent Grégoire?

Der Lifestyle-Direktor bei der bekannten Pariser Trendagentur Nelly Rodi, ist ein Experte für gesellschaftliche und soziale Trendprognosen und in Frankreich ein viel gebuchter Interviewpartner bei Radio und Fernsehen.  Wenn einer weiß, wo unsere Lifestyle-Reise hingeht, dann er. Ich habe ihn in seinem Büro im Pariser Norden besucht, um heraus zu bekommen, wie wir uns in der Zukunft kleiden und stylen werden.

Modepilot-Lifestyle-TRends

Vincent Grégoire, Lifestyle-Direktor bei der Trendagentur Nelly Rodi

Modepilot: Was ist nun mit den Bärten und den dicken Augenbrauen? Ist das noch trendy?

Vincent Grégoire: Für die Antwort muss ich ein bisschen ausholen. Warum tragen die Männer derzeit alle Bärte? Weil sie genug hatten von den Metrosexuellen der frühen 2000-er Jahre. Die Metrosexuellen waren moderne Dandys, stark von den Fußballern (Stichwort: Beckham) beeinflusst. Es ging damals viel ums Aussehen, man rasierte sich, war sensibel. Angesagt waren Luxus, Logos und viel Bling- Bling. Direkt danach kamen als Gegenbewegung die Lumbersexuellen. „Lumber“ kommt aus dem Englischen und heißt Holzfäller. Genauso sehen die Lumbersexuellen auch aus: Sie tragen Bart, Holzfäller-Karohemd, dicke Bergschuhe und Mütze. Ihr Ansinnen ist intellektueller, mehr sophisticated. Bärte gelten bei ihnen als Definition einer neuen Maskulinität: rustikaler, roher und mit einem Hang zur Natürlichkeit. Männer sehen wieder aus wie Männer. Echte Kerle eben.

 

Bildergalerie: Lumbersexuelle und Hipster

Und  bei den Frauen?

VG: Bei ihnen ist die Bewegung weniger ausgeprägt. Die Frauen tragen auch Mützen über den langen Haaren und gehen auf Outdoor-Festivals. In Gummistiefeln statt Louboutins und Alaïa-High Heels, die man in der Zeit der Metrosexualität hoch jubelte. Es gibt sogar eine Bewegung, die weiblichen Körperhaare wieder mehr zu zeigen. Cameron Diaz und auch Lena Dunham zeigten bereits Achselhaare. Hier geht es auch um eine neue Natürlichkeit. Allerdings ist das nur eine kleine Gruppe.

Welche wirtschaftlichen oder politischen Entwicklungen beeinflussten diesen Megatrend?

VG: Mit dem Eintritt in die Finanzkrise und den weltweiten, politischen Krisen kamen Angst und Zweifel an der nahen Zukunft auf. Bling Bling war nicht mehr angebracht. Man kehrte zurück zum Essentiellem. Damit einher ging die Retro- und Slow-Bewegung. Vintage und Slow-Food, Slow-Fashion, Slow-Tech (=mit weniger Technik leben, zurück zu Erholung in der Natur ohne Netz, A.d.R.) wurden cool. Die Hipster leben sehr nach diesen Ideen. Alles muss nachhaltig sein. Man achtet auf Handarbeit, gute Materialien, renoviert alte Industrieanlangen, baut sein eigenes Gemüse an…

Wie geht dieses „Back to the roots“ zusammen High Tech und Social Media?

VG: Die Generation Y kennt sich perfekt in den digitalen Medien aus, aber sie sucht ihren Platz in einer noch stark von den Babyboomern der 1960-er Jahre geprägten Zeit. Dabei haben die Jungen viel besser als ihre Eltern verstanden, dass sich die Welt um sie herum dematerialisiert und digitalisiert. Sie haben schon viel mehr Krisen gemeistert als ihre Eltern. Sie wissen sich durchzuwuseln und die technischen Möglichkeiten zu nutzen: Wenn sie reisen, tauschen sie Wohnungen oder buchen bei  AirBnB. Statt Taxi fahren sie UBER. Aber die Babyboomers sitzten noch immer auf den wichtigen Posten und bremsen die junge Generation regelrecht aus. Die reagieren mit einem Bart, um mit dem Codes der Autorität spielen.

Inwiefern ist der Bart ein Code der Autorität?

VG: Der Bart galt früher als Zeichen für Macht. Anwälte, Ärzte und auch das Militär trugen häufig einen Bart. Der Bart ist ein Kennzeichen für „groß sein“, was darstellen. Genau das ist wichtig für die junge Generation, die in der Gesellschaft ihren Platz sucht.

Wie muss ein Bart heute aussehen?

VG: Bei einem modischen Bart reden wir nicht von einem Wildwuchsbart, sondern von einem sehr gepflegten Bart. Wir nennen das „toiletté“. Der Hipster geht regelmäßig zum Barbier und zum Kosmetiker. Er lässt sich Körperhaare am Rücken entfernen, dann geht er zum Tätowieren und dann zum Bartstutzen. Zu Hause in seinem Bad stehen jede Menge Beauty-Produke zur Pflege der Gesichtsbehaarung. Hier spielen die Einflüsse der Metrosexuellen und des ehemaligen Pornochic, wo alles ultragepflegt war, noch immer eine Rolle.

Den ungepflegten Bart, der einfach vor sich hinwächst, tragen die islamischen Extremisten.

Bildergalerie: Der gepflegte Bart

Oben grau und unten noch dunkel. So geht’s!
Ein Hipster ist das nicht!

Oben grau und unten noch dunkel. So geht’s!

Ein Hipster ist das nicht!

Aber es gibt immer mehr Artikel, dass der Peak-Beard erreicht ist. Der Bart-Trend neigt sich dem Ende.

VG: Ja, wir sind am Gipfel des Trends angelangt. Warum? Es gibt mehrere Probleme mit den Bärten. Einerseits wegen der Extremisten. Ein zu dichter Bart kann falsch ausgelegt werden. Wenn man grau wird, dann macht ein Bart uns alt. Aber vor allem: Viele haben die Hipster über. In Londoner In-Viertel Shoreditch kam es sogar zu einem Überfall auf eine Hipsterboutique, die zu wenig dem Bohème Stil des Viertels entsprach. Wir bewegen uns auf das Ende der Bewegung zu, aber es gibt derzeit noch keinen Lebensstil, der stark genug wäre, diesen Trend abzulösen.

Bildergalerie: Peak-Beard

Bart mit Verwechslungsgefahr
Bart mit Verwechslungsgefahr
Grauer Bart macht „alt“, Monsieur Louboutin
Da hilft auch kein Jungen-T-Shirt mehr bei den grauen Strähnchen.
Grau kann aber auch richtig gut aussehen!
So schaut kein Hipster aus!

Bart mit Verwechslungsgefahr

Bart mit Verwechslungsgefahr

Grauer Bart macht „alt“, Monsieur Louboutin

Da hilft auch kein Jungen-T-Shirt mehr bei den grauen Strähnchen.

Grau kann aber auch richtig gut aussehen!

Und der auch nicht!

Und in der ferneren Zukunft? Welcher Lifestyle könnte die Wende bringen?

VG: Es gibt kleinere Bewegungen. Zum Beispiel Health Goth, das ist so bisschen Gothik angehaucht, aber es geht vor allem um ein sehr gesundes Leben mit viel Bio und sehr viel Sport. Der Modestil vereint super funktionelle Kleidung mit dem Gothic-Chic. Mehr Chancen räume ich jedoch der Zuwendung zur Antike ein. Es geht um griechische Göttinnen, Sandalenfilme, Superhelden und viel Ruhm. Patrimoniale Werte werden wichtig.

Reden wir da von einer Renaissance in der Neuzeit?

VG: So könnte man es ausdrücken. In einer Zeit der fortschreitenden Globalisierung haben wir Angst, unsere nationalen Wurzeln zu verlieren. Wir suchen einen Anker in der Historie, in unseren Ursprüngen: Gallier, Römer, Germanen… Denken Sie nur an die aktuellen Wikinger-Serien aus dem Fernsehen: The Vikings,  Games of Thrones. In Skandinavien erleben wir gerade das Revival der Wikinger-Seele. In Südamerika und Zentralamerika sind derzeit die Maja und Atzteken ziemlich in Mode. In China gehen sie zurück zur Ming-Dynastie und die Zeit der ersten Kaiser. Die Koreaner, einst Manga-versessen und zukunftsorientiert, machen genau das Gleiche. Die Mode und Schmuck sind derzeit stark beeinflusst vom griechisch-römischen Stilvorbildern.

Bildergalerie: Inspiration Superhelden und Antike

Hood by Air
22/4 Hommes
Juun J.
Dsquared2
Hood by Air
Dries van Noten
Hood by Air
Raf Simons
Juun J.
Juun J.
Hood by Air
Hood by Air

Hood by Air

22/4 Hommes

Juun J.

Disquared2

Hood by Air

Dries Van Noten

Hood by Air

Raf Simons

Juun J.

Juun J.

Hood bvy Air

Hood by Air

Wie muss ich mir diese Helden und Göttinnen vorstellen? Wie Kim Kardashian und alle die neuen Instagram-Stars, die immer perfekt geschminkt und gekleidet sind und niemals bröckeligen Nagellack haben?

VG: Genau so. Das sind die Göttinnen, von denen ich spreche. Für sie ist das Leben ein einzige Fashionshow und es wird zelebriert wie im Theater. Sie leben auf einer Art Olymp und sind selbst sind das Ergebnis neuester Entwicklungen. Ihre Perfektion verdanken sie neuer Schönheitsmethoden, Laser, Botox, Chirugie, vielleicht sogar einer genetischen Manipulation. Die Körper werden geformt und perfektioniert.

Modepilot-Lifestyle-Trend-Goetinnen-Superhelden

Kim Kardashian mit ihrer Mutter Kris Jenner. Kims Stiefvater Bruce William Jenner bezeichnet sich als Transfrau und nennt sich nun Caitlyn. Die Familie ist das perfekte Beispiel für den Drang nach Schönheit.

 

Sie ernähren sich mit Proteinen und Mitteln, die sie noch leistungsfähiger, schöner und unglaublicher machen. Damit einher geht ein Trend rund um den Sport: Running, Triathlon… Sie tragen Superfunktionsmaterialien, technisch perfektionierte Schuhe und Uhren. Sie sind immer connected. Kurzum: Sie sind top und irgendwie „fake“. Das könnte so weit gehen, dass diese Superhelden und Supergöttinenen roboterhaft und künstlich werden. Wie einst die Heldin der Science Fiction Serie „Super Jaimie“.

Bildergalerie: Die neuen Göttinnen

Daphne Guiness
Kristina Bazan bei der „50 Jahre Ungaro Party“
Elena Perminova
Ulyana Sergeenko
Noch mal Ulyana Sergeenko
Chiara Ferragni

Daphne Guiness

Kristina Bazan bei der „50 Jahre Ungaro Party“

Elena Perminova

Ulyana Sergeenko

Noch mal Ulyana Sergeenko

Chiara Ferragni

Wie passt das zur Aktualität der Krisen, Kriege, Flüchtlinge?

VG: Dieses Sich-in-Szene-setzen ist auch eine Flucht vor der Realität, die nicht schön ist. Oder ein Sich-darüber-erhaben-fühlen. Göttinnen wie Kim Kardashian interessieren sich wenig für die Flüchtingsströme. Sie leben andere Werte und wollen die Realität auch gar nicht an sich rankommen lassen.

Was aber interessant ist: Im Iran gibt es dermaßen viel Druck auf die Einwohner, dass dort der Trend zur Superfrau und zum Supermann besonders stark anzutreffen ist. Die Leute entfliehen der Realität und leben in einer irrellen Hyperrealität. Das ist fast wie die Parallelwelt aus dem Film Avatar. Man geht von einer Fashionshow zum nächsten Cocktail, bleibt unter sich und pflegt sein Prestige.

Wie nah ist diese Zukunft?

VG: Naja, die Hipster sind gerade auf dem absteigenden Ast. Adé Nachhaltigkeit, Bio-Gemüse und Achselhaare. Auf dem Weg zum neuen Superhero gibt es solche Hybride-Gestalten wie Conchita Wurst. Mit Bart und perfekten Make-Up. Maskuline und feminine Codes werden vereint. Er/sie ist bereits eine Art Superkreatur.

Modepilot-Hipsters-Lifestyle-Trends

Conchita Wurst als Stargast bei Jean-Paul Gaultier Haute Couture

Alessandro Michele von Gucci hat auch bereits den neuen Weg eingeschlagen. Er stellt seine Männer sehr feminin dar und spielt bei Frauen mit maskulinenen Elementen. Das ist das gerade viel beschworene Genderbending: Die typischen Geschlechterrollen verschwinden. Micheles Gucci-Männer tragen nicht Bart, aber lange Haare. Man darf nicht vergessen: Superheros haben oft lange Haare. Die Macht von Samson, dem Held aus dem Alten Testament, liegt in seinen Haaren, bis sie Dalila abschneidet. Da haben wir wieder die Anklänge an die Antike.

Bildergalerie: Genderbending

Gucci
Gucci
Gucci
Gucci
Gucci
Gucci
Gucci
Gucci
Gucci
Saint Laurent
Alexander McQueen
Saint Laurent
Matthew Miller
Burberry Prorsum
Burberry Prorsum
Maison Margiela
22/4 Hommes
Etro
Dior Homme
Etro
Etro
Burberry Prorsum
Maison Margiela
Streetstyle mit Beispiel für Genderbending

Gucci

Gucci

Gucci

Gucci

Gucci

Gucci

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Gucci

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Saint Laurent

Alexander McQueen

Saint Laurent

Matthew Miller

Burberry Prorsum

Burberry Prorsum

Maisoin Margiela

22/4 Hommes

Etro

Dior Homme

Etro

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Burberry Prosum

Maison Margiela

Streetstyle als Beispiel für Gender-Bending

Irgendwie klingt das nach einem Retour zur Metrosexualität.

VG: Ja, der Lifestyle bewegt sich in Zyklen und die dauern in der Regel zehn Jahre: In den 80-ern gab es den Technologie-Hype, dann kam in den 90-ern der Grunge, in 2000 Bling Bling, 2009/2010 die Slow-Bewegung, 2020 Multipower – und 2030 gibt es vielleicht wieder ein Zurück zur Natur.

Warum glauben Sie das?

VG: Wenn die Generation Z (auch Millennials genannt, A.d.R.) dann 25 Jahre alt sein wird, kann es durchaus sein, dass sie die Technik verwerfen und eins mit der Natur leben wollen. Ihnen geht es nicht ums Geld, sondern ums Wohlfühlen. Bei dieser Generation sind Werte wie Humanität, Soldiarität und Umwelt stark ausgeprägt. Sie brauchen kein Auto mehr, wollen aber reisen, suchen alternative Hotels, wohnen wahrscheinlich privat bei Leuten. Ihr Mobilphone ist ihr wichtigstes Gut, das sie perfekt beherrschen. Wenn eine Firma keine Werte bietet, lehnen sie den Job ab und gründen selbst eine Firma. Sie haben Unternehmergeist. Ihnen geht es vor allem um Respekt und Akzeptanz in der Gesellschaft.

Das ist sehr interessant. Vielen Dank für diesen Blick in die Zukunft.

Photo By: Catwalkpictures, Barbara Markert für Modepilot, Kristina Bazan: Pascal Le Segretain/Getty Images for Ungaro
4 Kommentare zu
“Was kommt nach Bart und Hipster?”
  • Waah sorry, ich liebe alle eure Artikel, aber das hier hört sich ziemlich kauderwelschmäßig an! Lauter Widersprüche… Man trägt Bart, man trägt doch kein Bart, Nachhaltigkeit ade, und doch zurück zur Natur… HÄÄ?
    Erinnert mich an einen Politiker. Die erzählen auch eine Stunde lang flüssig und geschickt, und am Ende weiß man nicht, worum es überhaupt ging… ^^
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de

  • Fragt sich, wer denn nun tatsächlich den neuen Trend bestimmt. Schön wäre mal „common sense“ und Hirn. Den oben erwähnten Trend zu den „Super-Frauen/Männern“ wird von der Fashionindustrie gefördert, wie jeder andere sogenannte Trend auch. Schließlich muss „man“ sich dann komplett umstylen und vollkommen umkleiden. Ähhh…. ach so… Damit kann man Geld verdienen? Reagiert die Modeindustrie auf gesellschaftliche Entwicklung oder gar auf das, was dringend NOTWENDIG in unserer heutigen Zeit ist? Ein klares Nein von mir.

  • Wie gruselig. Die Kardashians als neues Schönheitsideal? Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass er damit recht hat. Aber ich gehöre ja auch schon zur Elterngeneration. Seufz.

  • Ich glaube nach Bart und Hipster könnte wieder eine Rückkehr zu einem etwas „geschliffeneren“ Erscheinungsbild kommen, quasi als Gegenbewegung zu dem eher lässigen Hipster/Holzfäller Look.

    PS: Conchita ist das Wurst!

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