Erleben wir eine Fashion-Revolution?

Jetzt wird alles anders. Vielleicht!
Burberry hat Ende vergangener Woche eine Fashion-Revolution eingel√§utet: Die Londoner Firma √ľberdenkt¬†ihr gesamtes Gesch√§ft und m√∂chte ihre Mode v√∂llig anders als bisher kommunizieren.
Modepilot-Burberry-Fashion-Revolution
Christopher Bailey, der Fashion-Revoluzzer: Er will das Mode-System erneuern.

Die Fashion-Revolution à la Burberry

Ab dem kommenden September stehen diese √Ąnderungen bei Burberry an:
  • Frauen- und M√§nner-Kollektionen werden zusammen gezeigt. Die Show bei der Menswear-Fashionweek wird aufgegeben.
  • Die Pre-Collections werden auch nicht mehr pr√§sentiert, in die gro√üen Shows integriert. Sie bestehen als Capsule-Kollektionen weiter, die etwas fr√ľher ausgeliefert werden als die Hauptkollektion.
  • Fashionshows wird es nur noch zweimal im Jahr geben und die Kollektionen sollen sofort zu kaufen sein: online und station√§r. Entsprechend werden auch neue Werbe-Kampagnen gleich mit Show-Ende live geschaltet und die Schaufenster werden die neue Mode zeigen, die eben noch auf dem Laufsteg war.
  • Die Kollektionen werden saison-unabh√§ngig sein: keine¬†reine Sommer- oder Wintermode, sondern Mode f√ľr alle Jahreszeiten, bzw. f√ľr alle √ľber die Welt verstreuten Konsumenten. In Folge will Burberry auch nicht mehr von Fr√ľhjahr/Sommer und Herbst/Winter sprechen, sondern die Kollektionen einteilen in die beiden Showzeiten, also "Februar" und "September".
  • Alle Zweit- und Nebenkollektionen wie Prorsum, London und Brit werden unter dem Dach-Markennamen Burberry zusammengefasst.
  • Gibt es noch andere Fashion-Revolution√§re?

    Steht Burberry mit dieser Umgestaltung seines Business alleine da? Nein, auch wenn die Londoner wohl am radikalsten denken. Vor rund zehn Tagen lie√ü die Pariser Firma Chlo√© verlauten, dass sie k√ľnftig √ľber ihre Pr√©-Collections keine Informationen mehr vorab¬†kommunizieren werde, damit der Verbraucher sie bei Lieferung im Laden entdecken kann. ‚ÄúWir wollen, dass die Konsumenten die Kollektion dann entdecken,¬† wenn man sie auch kaufen kann‚ÄĚ, erkl√§rt Geoffroy de La Bourdonnaye, Pr√§sident von Chlo√©.¬† Auch Bilder der Zwischenkollektion d√ľrfen nicht vor dem 1. Mai, dem Liefertermin, ver√∂ffentlicht werden.
    Auch Giles Deacon hat seine Ready-to-Wear aufgegeben, um mit einer Haute-Couture-Kollektion seine Kunden direkt nach der Schau, konkret drei Monate sp√§ter beliefern zu k√∂nnen. Wir berichteten ---> Deacon denke auch √ľber eine M√∂glichkeit nach,¬† wie er zwischen den Schauen mit den Konsumenten interagieren k√∂nne.
    Hedi Slimane hat ‚Äď aus welchen Gr√ľnden auch immer ‚Äď kurz vor der M√§nnermodewoche abgesagt, um sie w√§hrend der Grammy Music Awards zu zeigen. Wir berichteten --->
    Auch Tom Ford hat sich l√§ngst von der normalen Fashionweek verabschiedet. Er zeigt seine Show auch mal nur als Dance-Video. Wir berichteten --->¬†Diesmal wollte er in einem intimen Rahmen in New York zeigen, doch der Designer hat seine Show f√ľr Winter 2016/17 nun auf September verschoben. Der Grund: Er kann sie nach der Pr√§sentation gleich in den Handel bringen. Auch er legte seine M√§nner- und Frauen-Kollektion zusammen.
    Marios Schwab und Matthew Williamson haben ebenfalls die Londoner Fashionweek verlassen, die in dieser Saison einen wahren Aderlaß erlebt. Sie wollen ihre Kunden im Showroom treffen und angeblich auch Saison-nahe Lieferungen anpeilen.
    Modepilot-Burberry-Fashion-Revolution
    In diese Richtung geht es: Weniger Shows, kürzere Lieferzeiten, weniger Kollektionen
    Auch Diane von Furstenberg macht sich Gedanken. Die Vorsitzende des Council of Fashion Designers of America, erkl√§rte gegen√ľber WWD:¬† ‚ÄúDesigner, H√§ndler, einfach alle beschweren sich √ľber die Schauen. Irgendwas funktioniert nicht mehr wegen des Aufkommens von Social Media. Die Leute sind verwirrt. Wir haben ein paar Ideen. Jeder meint, dass Shows mehr am Konsumenten orientiert werden m√ľssen, und dass dies eine gute Idee w√§re."

    Warum ist das Saison-System am Ende?

    Spektakul√§re Burn-Outs von Designer, eine √úbermacht der Social Medias, Live Stream Fashionshows und ein √ľberhitztes Business, bei dem immer mehr Kollektionen auf den Markt geworfen werden, Online-Shopping als das neue Credo, fallende Ums√§tze aufgrund weltweiter Wirtschaftskrise ‚Äď das war das Modebusiness 2015. Die Lage ist f√ľr viele Modemarken ernst geworden. Um zu √ľberleben, m√ľssen sie umdenken. Und n√§her an den Konsumenten ran.
    Denn der hechelt angesichts dieses Systems mit der Zunge hinterher. Dank der Social-Media-Übermacht werden Verbraucher zeitnah mit der neuen Mode angeheizt. Doch die Modelle, die sie auf Blogs, Websites, Facebook und Instagram sehen und begehren, kommen erst ein halbes Jahr später in die Läden. Und dann meist zu einem Zeitpunkt, bei dem die Wetterlage den Produkten nicht entspricht: Mitten im Winter wird die Sommermode ausgeliefert, im Sommer die Wintermode.
    Wir hatten euch vor Kurzem die Frage gestellt, ob Euch diese Lieferrhythmen noch passen. Die Mehrheit war f√ľr eine √Ąnderung des Systems und eine Anpassung der Mode an die Jahreszeiten. Hier geht es zur Umfrage --->
    Modepilot-Burberry-Fashion-Revolution
    No more Bikini mitten im Winter: Die Mode im Laden sollte die Wetterlage draußen wiederspiegeln.
    Christopher Bailey, Burberry Designer und Management-Chef, ist sich dieses Dilemmas durchaus bewusst: "Die neuen √Ąnderungen erlauben uns, eine enge Verbindung aufzubauen zwischen dem Erlebnis der Runways-Shows und dem Moment, in dem die Konsumenten selbst physisch die Kollektion entdecken k√∂nnen. Man kann die Konsumenten nicht erst stimulieren und sie dann sechs Monate hinhalten. In der Mode geht es um die Frage: Was ist richtig in diesem Moment?"
    Ist das Modell der Saisons also √ľberholt? Scheinbar. Rund 50 Jahre hat es funktioniert. Kehren wir nun zur√ľck zum System vor dem Entstehen der Ready-to-Wear? Damals, zur Zeit der Haute Couture, konnte zeitnah geliefert werden. Doch damals besch√§ftigten Modeh√§user auch rund 300 N√§herinnnen und die Mode war einer Elite vorbehalten. Die Situation einst: Viele Mitarbeiter, wenig Kunden. Heute gibt es jedoch viele Kunden und in Europa kaum noch H√§nde, die Kleider n√§hen k√∂nnen.

    Ist ein sofortiges Kauferlebnis nach der Show √ľberhaupt realisierbar?

    Die Frage ist: Ist das alles nur eine sch√∂ne neue Modewelt-Vision oder auch organisatorisch realisierbar? Kann die Produktion in der erforderlichen St√ľckzahl √ľberhaupt gesichert werden? Wann bekommt wer was zu sehen? Wann werden die H√§ndler eingeschaltet? Wann die Presse und Modekritiker? Wer entscheidet, welche Keypieces in die Produktion gehen? Und in welcher St√ľckzahl?
    Der Fashion-Revolution√§r aus London hat leider noch lange nicht alle Antworten parat. Das System Pre-Order, das bisher praktiziert wurde, funktioniert in der Masse nicht. Bailey sagte dem Webmagazin Business of Fashion (BoF), dass er √ľber eine flexiblere Produktionskette nachdenke. Beim Beginn des kreativen Prozesses m√ľssten sofort Stoffe bestellt werden, Konfektionszeiten vorab reserviert werden, etcetera. Reicht das?
    Modepilot-Burberry-Fashion-Revolution
    Acne Showrrom während der Pariser Modewoche im Oktober 2015
    Was ist mit externen H√§ndlern, die normalerweise erst nach der Show ordern und dann beliefert werden? K√∂nnen diese zeitnah mit den Flagships beliefert werden? Kaum denkbar. Sie einfach mit Ware zu beliefern, macht keinen Sinn. Denn: Wo bleibt dann ihre Konsumenten-ausgerichetete Selektion einer Kollektion? Flagships werden mit der Gesamtkollektion beliefert, aber externe H√§ndler wollen ausw√§hlen, denn sie wissen, was ihre Kunden w√ľnschen. K√∂nnen Sie das k√ľnftig noch?
    Was ist mit dem Kampagnenshooting? Hier und da nimmt Christopher Bailey das Wort "Embargo" in den Mund. Man h√§lt Bilder zur√ľck, untersagt die Ver√∂ffentlichung? Funktioniert so eine zeitliche Zensur in unserer Social-Media-durchfluteteten Zeit √ľberhaupt noch? Wohl kaum.
    Modepilot-Burberry-Fashion-Revolution
    Nein, die Tasche zeige ich Dir nicht! Können Bilder-Embargos die Fashion-Industrie retten?
    Ist es nicht Zeit, auch in der Kommunikation umzudenken: Brauchen wir k√ľnftig noch Kampagnen, wenn es eh um ein sofortiges Kauferlebnis gehen soll? Kampagnen werden vor allem f√ľr Printmedien gemacht, die einen Vorlauf von zwei bis drei Monaten haben. Social-Media-Kan√§le dagegen liefern sofort. Diese Websites brauchen auch keinen Starfotografen und kein Mannequin, um Mode medienwirksam zu pr√§sentieren. Instagram-Girls k√∂nnten also k√ľnftig die Rolle der Kampagnenmodels √ľbernehmen. Ob wir das nun gut finden oder nicht. Es k√∂nnte die Zukunft sein.
    Modepilot-Burberry-Fashion-Revolution
    Chiara statt Karlie: Instagram-Stars könnten die echten Models als Werbe-Rolemodels ablösen.
    Folgen g√§be es auch f√ľr die Vertikalen (H&M, Zara, Mango, Primark, Forever21), die bis dato die Trends der Schauen dank ihrer perfekt organisierten Produktionskette fr√ľher als die Trendgeber selbst in die L√§den bringen konnten.¬†Wenn sich Baileys Vision durchsetzt, dann w√ľrden Zara & Co. bei den Trends der gro√üen Designer hinterher hinken. Sind sie die m√∂glichen Verlierer?

    Die Revolution der Mode schon im September 2016?

    Beginnt die Zukunft der Mode im kommenden September, so wie es Burberry prophezeit? Fraglich. Zu viele Fragen sind noch offen, zu viele Probleme zu l√∂sen. Man darf nicht vergessen: Eine Fashionshow zeigt nur das kleine Ende der textilen Kette, bestehend aus Kreation und Konfektion. Davor steht der lange Vorbau, der aus Farbbestimmung, Rohstoffbeschaffung, Garn-Spinnerei und Stoffe-Weben besteht. Diese ganze Kette zu revolutionieren, dauert Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Ich denke, die L√∂sung liegt irgendwo in der Mitte. Mir w√ľrde reichen, wenn eine Modekollektion wenige Monate nach der Schau und passend zum aktuellen Wetter in die L√§den kommen w√ľrde. Das k√∂nnte durchaus zu realisieren sein. Und zwar schon im n√§chsten September.
    Photo Credit:

    Kommentare

    • Tati sagt:

      Ich finde das gar nicht so verkehrt.

      Bis die Sachen von der Fashionshow, 6 Monate später im Handel erscheinen, hat man schon vergessen, was einen begeisterte.

      Kompliment f√ľr euren Blog! sehr spannende Themen.

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    • Rene sagt:

      F√ľr den Verbraucher ist der 'Wahnsinn' und das Unlogische an dem System sicherlich schon lange nicht mehr nachzuvollziehen gewesen, aber das Problem besteht auch wirklich erst seit unmittelbar nach den Schauen alle Bilder im Umlauf sind und die gerade frisch in die L√§den gelieferte Mode schon wieder alt aussieht.

      Sinn macht diese √Ąnderung f√ľr die Marken, die nicht in Multibrandstores verkaufen, sondern ausschlie√ülich in den eigenen L√§den. Chanel, Louis Vuitton, Burberry mit dem was mal als Prorsum bezeichnet wurde... Da macht es Sinn die Schau zu zeigen, die L√§den zu gestalten und alles Marketing mit einem mal auf das Neue auszulegen.

      Aber selbst Marken wie Prada und Gucci k√∂nnen eigentlich nicht auf den Retail verzichten, weil dies einfach sichere Einnahmequellen sind. Wie soll ein Einzelh√§ndler bei diesem System noch ordern k√∂nnen? Wenn man den Modenschauquatsch wegl√§sst ist es ja trotzdem eine schl√ľssige Kette: Bedarfsbestimmung -> Budgetplanung -> Pr√§sentation -> Order -> Bestimmung der jeweiligen St√ľckzahlen -> Produktion -> Auslieferung -> Verkauf. Das dauert einfach alles seine Zeit.


      Eigentlich w√ľrde es reichen, wenn nur die Schau verlegt wird. Aber was wenn dann pl√∂tzlich eine Kollektion nochmals umgeschmissen wird und w√§hrend vorher zum Beispiel Rot das gro√üe Thema war, es dem Retail-Kunden als das gro√üe Ding verkauft wurde, und dann pl√∂tzlich alles nur auf Gelb abziehlt. Der Kunde will dann nat√ľrlich Gelb, weil es in seiner Wahrnehmung das Thema ist und der Retailer bleibt auf seiner roten Sachen sitzen. Der Marke ist es anfangs egal, schlie√ülich ist die Ware bezahlt. In der kommenden Saison kommt der H√§ndler nicht mehr und sucht sich verl√§sslichere Partner...
      Die System√§nderung wird spannend und einige Marken und H√§ndler werden es nicht √ľberstehen. Spannend wird es auf jeden Fall.
    • Esra sagt:

      Wowww, klingt spannend und vielversprechend! Eine Reform ist ja auch schon wirklich √ľberf√§llig... Aber ich sehe es wie du, die L√∂sung wird wohl erstmal in der Mitte liegen!

      lg

      Esra


      http://nachgesternistvormorgen.de/
    • Stephanie sagt:

      Ach, es wäre wirklich schön, wenn dieser Irrsinn mal aufhörte.

      Wir merken das ja bei unserer Kinderkollektion auch schon und es macht nicht wirklich Spaß. Winterware muss im Juli ausgeliefert werden, nur weil sie vor Weihnachten inzwischen bereits in den Sale muss. Das ist doch grauenhaft.