Braucht man die Uniqlo x Lemaire Kollektion?

Seit gestern ist die lang ersehnte Uniqlo x Lemaire Kollektion in den Läden. Auch im Online-Store des japanischen Vertikalen ist die Capsule erhältlich. Isabelle hat die Hintergründe der Kooperation bereits beschrieben. Uniqlo wandelt damit auf den Spuren von H&M. Die Japaner überzeugen nicht nur mit bekannten, sondern auch coolen Labels im Kooperations-Portfolio. Wir denken an Jil Sander, Inès de la Fressange.  Auch mit Carine Roitfeld wurde gerade eine Kollektion erstellt. Lemaire reiht sich hier nahtlos ein.

Wie ist der Lemaire Stil?

Christophe Lemaire war bis vor wenigen Saisons Art Director von Hermès und seine schlichten wie pointierten Kollektionen ließen uns alle schwärmen. Seit seinem Weggang und der Wiederaufnahme seines eigenen Labels zusammen mit Sarah-Linh Tran führt er seine ebenso exquisite und puristische Arbeit unter eigenem Namen fort. Leider zu Preisen, die Hermès recht nahe kommen. Mode von ihm zu Schnäppchenpreisen zu bekommen, davon träumen viele und Uniqlo macht es wahr. Wirklich? Das wollen wir hier beleuchten.
Zur Einstimmung hier ein paar Key-Pieces aus dem aktuellen Winter 2015-16 und dem Sommer 2016 von Lemaire:
 
Schön, nicht?
Also so etwas hätten wir auch alle gerne im Schrank. Uniqlo bietet seine Mode in der Capsule an für Preise von 29,90 bis 179,90 Euro.  Toll? Modepilot hat sich die Kollektion genauer angesehen und zwar nicht im Presseraum, wo immer alles schön aufgebügelt und drapiert ist, sondern im Laden. Ein Realitätscheck. Das sind die Modelle, die mir vorab besonders ins Auge stachen:
 

Der Test im Detail

Die Farben, recht unspektakuläres Marineblau, Schwarz, Weiß, Rot und dieses wirklich schöne Petrol, sind Klassiker, die man immer tragen kann und die nie aus der Mode kommen. Die Materialien sind weitgehend reine Wolle, Wolle mit Kaschmir und manchmal auch 100 Prozent Kaschmir. Polyamid-Anteile habe ich bei nur wenigen Sachen gefunden und meist auch nur da, wo man sie braucht, also bei wasserabweisenden Jacken und Mänteln. Die Schnitte sind kantig und meiner Meinung nach eher was für Leute, die sich androgyn denn feminin oder romantisch kleiden wollen. Die Größen sind typisch Uniqlo, sprich auf den  japanischen Markt mit seinen zarten Kunden angepasst. Deutsche sollten daher eher zu L-Größen greifen. Ich, eine deutsche 36, fühle mich in M noch wohl, aber noch viel wohler in Größe L dieser Kollektion.
Am ersten Verkaufstag war natürlich die Hölle los im Pariser Laden an der Oper und mein Lieblingsteil, der kleine kurze Cardigan, war an diesem Tag vergriffen.
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Der Strick ist sehr dick und nicht unbedingt super kaschmir-kuschelig weich, aber grifffest. Farbe und Gestricke wirken hochwertig und edel. Ich denke, ich werde mir den Cardigan online kaufen. Da gibt es ihn noch. Damit es gut aussieht, sollte man allerdings den dazu passenden Pullunder mitkaufen. Preislich ist das kein Kraftakt.
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Toll sind alle Stricksachen in diesem Petrol. Super Farbe. Sie hat einen leichten Grau-Stich und daher passt das Petrol auch Leuten, die sonst um diese Farbe einen Bogen machen. Hier geht klar mein Daumen nach oben.
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Auch dieses Strickkleid ist eine Überlegung wert, wegen des langen Rollkragens und den langen Armen. Das Gestricke ist dünner als die Jacken oben, aber nicht lappig. Tatsächlich sollte man das Kleid stylen wie im Lookbook-Bild: als einen sehr langen Pullover.
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Mein Favorit ist, bzw. war dieser Mantel. Er ist das teuerste Teil der Kollektion und aus Wolle mit Kaschmir. Jedoch überzeugt das Material – trotz der guten Zusammensetzung – nicht hundertprozentig. Die Falten aus der Lagerung wollten sich am Bügel partout nicht aushängen. Außerdem ist der Mantel komplett ungefüttert mit der Folge, dass er an Baumwoll- und Stricksachen, die man drunter trägt, kleben bleibt. Auch fuselte mein weißer Schurwollpulli sofort den Mantel voll. So was wird nicht besser mit der Zeit. Man ist dann immer am Ausbürsten. So eine Jacke hatte ich schon mal und habe sie dann, entnervt vom ständigen Fuselentfernen, verkauft. Das brauche ich nicht noch mal.
Trotz dieser Nachteile haderte ich, weil der Schnitt und die Farbe top sind. Den Ausschlag zum Nichtkauf gab schließlich der Gürtel. Auf dem Bild wirkt er breit, in Wirklichkeit ist er zu dünn für die Länge des Mantels und mindert die Eleganz des Schnitts. Schade. Mit einem leichten Futter und einem breiteren Gürtel wäre dieser Mantel meiner geworden.
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Das Material-Problem, das ich gerade beschrieben habe, gilt auch für fast alle Hosen, die am Bund weitgehend einen Tunnelzug haben. Auch die meisten Kleider (siehe rotes Kleid oben) sind aus dem Wolle-Kaschmir-Material. Bei allen, Hosen wie Kleidern, wäre ein kleines Futter nicht verkehrt gewesen.

Die Herren-Kollektion

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Hier hat mir diese Outdoorjacke gut gefallen. Das ist eine kurze, praktische und gefütterte Jacke, die klassisch ist, aber auch nicht zu klassisch.
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Angesichts der Tatsache, dass Männer nie frieren und immer nur T-Shirts unter ihren Jacketts tragen, zeigt mein Daumen auch hier nach oben. Dass die Jacke, die gleichen Probleme durch fehlendes Futter hat wie der Mantel oben, kann man angesichts eines Preises von 129 Euro hinnehmen. Männer sind auch weniger etepetete als Frauen. Und die Falten wirken hier sogar cool.
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Fazit: Alle Stricksachen sind absolut super und preislich echte Schnäppchen. Bei der Konfektionsware bin ich weniger überzeugt, jedoch sollten echte Lemaire-Fans zuschlagen. Ich bin da aufgrund meines Alters und damit einhergehende Shopping-, bzw. Fehlkauf-Erfahrung auch sehr kritisch.
Weil ich etwas frustiert vom vernünftigen Nicht-Kauf weiter im Laden rumflanierte, wurde ich am Ende doch noch glücklich. Ihr wisst schon: Man geht in die Läden wegen der Exklusiv-Kollektionen und kauft am Ende die Hauptlinie. Im Untergeschoß – weit weg im Laden von der Lemaire Kollektion – fand ich einen super Woolmark!!!-Schurwolle-Rollkragenpulli. Genau in dem dünnen Gestricke und der Form, wie man sie nun zum Unterziehen im Winter haben möchte. Beim Woolmark Zeichen weiß man, dass es beste langstapelige Wolle ist. Denn Wolle ist nicht gleich Wolle.
Für alle, die keinen Uniqlo-Laden um die Ecke haben: Hier geht's zum Online-Link der Lemaire-x-Uniqlo-Kollektion.
Photo Credit: PR Bilder Uniqlo plus Screenshots Website Uniqlo

Kommentare

  • auchmilan sagt:

    die herrensachen fand ich jetzt nicht so den brüller... besonders wie sich die materialien anfühlen.
    • Barbara Markert sagt:

      Meine Rede.
  • katha sagt:

    Danke für diesen Artikel und die Einschätzung, ich versuche immer gerne, Barbaras Expertise aufzusaugen und davon zu profitieren. 😉
  • Eva sagt:

    Ich habe noch nie was von Uniqlo gekauft, aber auf den Bildern sieht einiges gut aus. Und auch mir gefällt das Petrol ...
  • Moni sagt:

    Einiges schaut ganz okay aus - aber viele Schnitte sind etwas zu "Omamäßig" für meinen Geschmack. LG