Sind Fashionweeks noch zeitgemäß?

Bald geht es wieder los: Der neue Reigen der berühmten und großen Fashionweeks in New York, London, Mailand und Paris nimmt seinen Lauf. Auf dem Programm stehen die imageträchtigen Hauptkollektionen für den kommenden Sommer 2017. Also die Mode, die später auf den Werbeanzeigen zu sehen sein wird.
Modepilot-Fashionweek-Umfrage
Haider Ackermann, Winter 2016-17, Paris
Das Fashionweek-Karussell dreht sich ganze 29 Tage, also einen ganzen Monat lang. An manchen Tagen ist die Modewoche an einem Standort noch nicht zu Ende, aber am nächsten Schauenplatz hat sie schon begonnen.

Das Schauenplan-Politikum

Weil niemand an zwei Orten gleichzeitig sein kann, ist die Verteilung der Schauentermine ein Fashion-Politikum. Wer darf wann? Der erste Tag ist meist Newcomern vorbehalten, bei denen sich der Ansturm der Gäste noch in Grenzen hält. Der letzte Tag gilt vielen Marken, die nicht so cool sind, dass Redakteure extra für diese Show länger bleiben oder den Flug umbuchen, als "bad Day".  Aber Miu Miu und Louis Vuitton (beide zeigen am allerletzen Tag, den 5. Oktober) können es sich leisten, an diesem unbeliebten Tag zu präsentieren. Sie haben meist sehr viel mehr Anfragen als Plätze zu vergeben und sind froh um so manchen Chefredakteur, der schon abgereist ist. Ganz anders sieht das Giorgio Armani, der sich mehr als einmal über Anna Wintour beklagte, die bereits seit Jahren nicht mehr zu seiner Show kommt, weil sie immer dann schon auf dem Weg nach Paris ist. Gesagt, getan: Er hat seine Show verlegt (>>>mehr dazu hier).
Modepilot-Fashionweek-Umfrage
Prada Show für den Winter 2016-17 in Mailand
Neben den Kollektionen auf dem Catwalk gibt es auch die Fashionshow vor den Toren: Die Modewochen sind ein Stell-Dich-Ein der Eitelkeiten, des Sehens-und-Gesehen-werdens und der Hypokrisie. Die Moderedakteurinnen stöhnen, obwohl an sie an keinen anderen Wochen im Jahr mehr hofiert werden. Sie tänzeln auf High-Heels zu den Plätzen, Luftküsse um sich werfend. Für Außenstehende sind die Fashionweeks deshalb die Wochen des Glamours, der tollen Streetstyles, der coolen Front-Row-Blicke und der perfekt-gestylten Menschen.
Modepilot-Fashionweek-Umfrage
Das Spektakel vor den Toren der Modewoche: Sich zeigen und geknipst werden. Oder sich selbst knipsen.
Doch es stellt sich die Frage.

Brauchen wir diesen Zirkus überhaupt noch?

Gründe dagegen gibt es genug:
1. Die Hauptkollektionen sind reine Imageträger, die Kohle wird mit den Zwischenkollektionen gemacht, die heute zwischen 75 und 80% des Gesamtumsatzes einer Marke ausmachen.
2. Die Zwischenkollektionen beweisen, dass man auch mit Studio-Bildern eine Kollektionsmessage transportieren kann und keine Defilees mehr braucht.
3. Die Möglichkeit des Anfassens und echten Erlebens von Materialien und Verarbeitung wird kaum genutzt. Aus der letzten Reihe erkennt man nur mit dem Fernrohr, was an Stoffen über den Catwalk rennt. Die Showrooms sind selten überfüllt mit Redakteuren, denn die Damen und Herren müssen ja auch noch Anzeigenkunden treffen, Deals eintüten, Geschenke auspacken, Selfies und Party machen. Außerdem gibt es extra Showroom-Wochen, die danach stattfinden. Was soll man sich zusätzlichen Showroom-Stress während der Schauen antun?
4. Die Einkäufer gehen dagegen kaum noch auf die Schauen, sondern nur noch in die Showrooms, weil sie gleich ordern müssen. Schließlich soll die Ware so schnell wie nur möglich in die Läden.
Modepilot-Fashionweek-Umfrage
Mehr als nur eine Modenschau: Moncler Grenoble für den Winter 2016.
Gründe für ein Weiterbestehen sind ebenso zahlreich:
1. Fashionweeks sind ein Riesenbusiness für Hotels, Restaurants, UBER, Taxi-Unternehmen, Airlines, Maniküre-Studios, Wimpernverlängerungs-Experten, Friseure, DJ's, Ton- und Lichttechniker und vor allem für die Mobilfunk- sowie Social Media-Unternehmen.
2. Wo sollen it-Girls sonst ihre geschenkten Outfits tragen? Keine Ahnung? Na eben!
Modepilot-Fashionweek-Umfrage
Streetstyle-Star Kristina Bazan präsentiert ihr neues, von den Firmen gestelltes Outfit den Streetstyle-Fotografen und bekommt dafür Geld.
3. Streetstyle-Fotografen leben vom Spektakel der anderen. Kaum einer der "Photo Artist's" geht heute jenseits der Fashionweeks noch auf die Straße, um nach "echten Straßenlooks" Ausschau zu halten. Streetstyles sind längst reine "Fashionweek-Styles".
4. Wo sonst kann die zeitgenössische K&K Monarchie (Kayne West & Kim Kardashian) ihren Nachwuchs noch medienwirksam ausführen? Hm?
5. Was passiert mit den Event-Agenturen, à la Betak und Konsorten, die in den letzten Jahren immer mehr die Shows zu Theaterkullissen aufgebläht haben? Die würden arbeitslos, wie auch die Streetstyle-Fotografen.
Modepilot-Fashionweek-Umfrage
Tommy Hilfigers Shows werden immer spektakulärer: Beach-Ambiente für den Sommer 2016
6. Geile Partys finden vor allem während der Fashionweeks statt. Ansonsten wird doch immer nur gespart!
7. Aber vor allem auch: Was soll man sonst auf Instagram / Facebook / Twitter etc. posten? Allein #NYFW (New York Fashion Week) hat über 1,8 Mio. Beiträge. Das sagt doch schon alles!
Brasserie Gabrielle: Chanel Prêt-à-Porter-Schau AW 2015-16
The big show: Brasserie Gabrielle: Chanel Prêt-à-Porter-Schau AW 2015-16
Sicherlich habe ich noch Dutzende von anderen Gründen Pro und Contra vergessen. Jetzt seid Ihr dran. Hier geht's zur Umfrage:

Brauchen wir in unseren digitalen Zeiten noch Fashionweeks?

Modepilot-Fashionweek-Umfrage
Louis Vuitton, Winter 2016-17, Paris

Und zum Schluss noch etwas Smalltak zum Thema:

Damit Ihr alle mitreden könnt. Die letzten News zu den kommenden Schauen.
Burberry, der Vorreiter im "Lasst-uns-die-Modebranche-modernisieren", zeigt am 19. September in London sowohl Womens- als auch Menswear in einer Schau. Gucci, Westwood und viele anderen wollen es genauso machen. Das erste Defilee von Rihanna, bzw. Fenty x Puma sollte eines der Highlights der New Yorker Fashionweek werden. Doch nun hat der Musikstar anders entschieden: Die Kollektion soll in diversen schicken Läden dem Publikum vorab, also vor dem Schauenreigen präsentiert werden. Giorgio Armani wird seine jüngeren Linie Emporio Armani nicht wie sonst in Mailand, sondern in Paris zeigen. Warum das so ist, hat Isa bereits umfangreich erklärt. Hier geht's zum Artikel >>>>. Mit großer Spannung erwartet wird die erste Kollektion von Anthony Vaccarello für Saint Laurent nach seiner Ankündigung, seine eigene Linie pausieren zu lassen, um sich ganz und gar auf Saint Laurent konzentrieren zu können. Die Show wird am allerersten Tag der Pariser Modewoche abends stattfinden. Das ist eine Premiere und bedeutet für die Journalisten, dass sie (husch, husch !!) Mailand im Sturzflug verlassen müssen, um bei diesem Event dabei sein zu können.
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Kommentare

  • Barbara Markert sagt:

    BoF hat das Thema nun auch aufgegriffen. Hier geht's zum Artikel:

    http://www.businessoffashion.com/articles/week-in-review/why-stage-fashion-shows


  • Eva sagt:

    Ja und Nein. Ganz sicher ist es so, wie Du schreibst und das Orderpublikum zieht ohnehin seine eigenen Schlüsse, mit oder ohne Show. Aber den Geist der Kollektionen, die Trägerinnen, die der Kreateur damit in den Fokus rücken will, transportieren die Schauen immer noch gut; auch wenn sie immer mehr zu Bühnen der Eitelkeit von Prominenten verkommen, die man dort früher seltsamerweise nicht brauchte ... und mir ist so mancher Aufwand auch deutlich zu groß. Allzu protzig zu präsentieren finde ich nicht auf der Höhe der Zeit.
    Und es wäre schön, wenn alle Kollektionen der herausragenden Häuser wieder das halten würden, was man mit den aufgeblasenen Pomp und Trara-Inszenierungen der Defilees verspricht. De facto sind dann von 88 Outfits nicht selten mehr als die Hälfte irgendwie seltsam daneben oder wenns eine der weniger guten Saisons des Designers ist, auch mal hässlich. Kurz: Weniger vom Besten wäre auch hier Mehr!
  • friedrich stefan lehner sagt:

    gut aufgemachtes modejournal