Who's Next: Woher kommen die Trends für Sommer 2016?

Wie entstehen heute Trends?

Welche Rolle spielen die Designer-Schauen für die Trends im kommerziellen Bereich? Was trägt man im Sommer 2016? Welche Strömungen beeinflussen uns modisch? Das sind nur einige der Fragen, die Modepilot gestern Nachmittag auf der Pariser Modemesse Who's Next mit den Trendforscherinnen Amélie Chabod und Bénédicte Fabien der Stil-Beratungs-Agentur Martine Leherpeur diskutierte.
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Bénédicte Fabien, Strategie-Direktorin, und Amélie Chabod, Art-Direktorin, bei Martine Leherpeur Conseil
Die beiden Französinnen waren in diesem Jahr für die Trendforen von Europas größter Mode-Messe zuständig und hatten statt Produkttrends drei Stil-Charaktere in den Fokus ihrer Analyse gestellt.
MP: Wer macht heute die Trends?
Amélie Chabot (AC): Früher gaben die großen Designer etwas vor und alle anderen folgten. Heute kommen sehr viele Trends von der Straße.
MP: Ist der Hype um Streetstyles ein Grund für diese Entwicklung?
AC: Sicherlich!
MP: Das klingt so, als ob die großen Designermarken als Trendgeber Macht eingebüßt haben?
AC: Ja, auch weil die Trends vom Catwalk sofort und nicht wie früher, eine oder zwei Saisons später, adaptiert und auf der Straße interpretiert werden. Hinzu kommt die Vielzahl der Kollektionen: Hauptkollektion werden heute sofort mit Cruise oder Pre-Fall Kollektionen auf der Straße zusammengemischt und ergeben dann einen neuen Look.
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MP: Die Messe Who’s next präsentiert vor allem das mittlere Modegenre. Von wem inspirieren sich diese kommerziellen Marken?
AC: Es gibt zwar noch immer einen Bezug zur Mode der großen Designerbrands, aber die berühmten Kreateure haben nicht mehr das letzte Wort. Die kommerziellen Marken achten nun viel mehr darauf, was auf der Straße getragen wird. Zusammenfassend könnte man sagen: Die Trends werden von den großen Marken, der Straße und einzelnen Persönlichkeiten gemacht .
MP: Was meinen Sie mit Persönlichkeiten?
AC: Streetstyle-Stars und ihre Look sind sehr wichtig geworden. Man schaut genau hin, wie sich diese Leute stylen. Das kann bizarr oder verrückt aussehen, aber es wird akzeptiert. Heute geht es um solche Persönlichkeiten.
Bénédicte Fabien (EB): Man spricht heute sogar von einem globalen Streetlook. Dabei geht es vor allem darum, wie Kleidungsstücke zusammen kombiniert werden.
MP: Haben Sie deshalb ins Zentrum des Trendforums Personentypen gestellt? Sie zeigen drei verschiedene Stil-Charaktere.
AC: Unter anderem. Wir wollten nicht Produktgruppen ins Zentrum stellen, sondern die Art und Weise, wie sich Leute heute kleiden.
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MP: Können Sie die drei Stil-Charaktere kurz beschreiben?
AC: Die „BCBS“, Abkürzung für Bon Chic, Bon Space, ist eine Gruppe von Leuten zwischen 25 und 35, die sich für neue Techniken interessieren, im Herzen aber recht bürgerlich sind. Die BCBS kopieren von den drei Gruppen noch am meisten die Trends vom Laufsteg.
 
Die zweite Gruppe heißt „Street Sapeurs“, angelehnt an die westafrikanische Bewegung der S.A.P.E. Sie sind nicht unbedingt afrikanischer Herkunft, sie leben in den großen internationalen Cities und mischen alle Einflüsse: Ethno, Sport, Casual-Looks... Sie basteln sich ihren eigenen Stil. Nehmen wir die Designerin Laurence Airlines, die ihren Immigrationshintergrund in der Mode verarbeitet und rein gar nicht auf die großen Schauen achtet.
 
Die dritte Gruppe nennen wir „Pacifikans“: Menschen von dies- und jenseits des Pazifiks, also Kalifornier und Japaner. Hier geht es viel um den Sport der Surfer und Skater. Die neuen Designer von Kenzo sind ein gutes Beispiel für diese Gruppe. Sie kommen aus Kalifornien, haben aber einen südamerikanischen und asiatischen Immigrations-Background, der ihre Mode stark beeinflusst. Die Pacifikans bilden eine stilistische Brücke, die den Westen der USA und mit dem Design Japans vereint.
 
MP: Gibt es ein Stilelement, dass die drei Gruppen verbindet?
AC: Ja, den Sport. Aber sportliche Elemente findet man heute ganz allgemein in allen Kollektionen wieder: bei den Designern, wie auf der Straße. Man kann heute ohne Probleme ein Abendkleid zu Adidas Stan Smith tragen.
BF: Der Sport ist die Mode der Zukunft. Das zeigen die zahlreichen Kooperationen der Sportartikler. Technische Materialien sind auf dem Vormarsch. Man trägt ultratechnische Funktionskleidung in einem urbanen Milieu. Es geht nicht mehr um Sport-Light, sondern wir kleiden uns in echten Sportmaterialien. Das wird sich auch so schnell nicht ändern. Die große Bedeutung des Sports bleibt.
Sportswear
MP: In den 80er und 90ern jonglierte die Mode mit einem Dutzend Trends, heute gibt es jede Saison Fünfzig. Kann man diese Trend-Vielfalt auf drei Persönlichkeiten runterbrechen?
AC: Es war nicht unsere Absicht, alle Trends zu zeigen, sondern wir wollten uns auf drei starke und überzeugende Charaktere mit starken Botschaften konzentrieren: Zukunftsglaube, Immigrationshintergrund und die Brücke zwischen den Kulturen verschiedener Kontinente.
MP: Was kann ein Einkäufer von diesen Trendpersönlichkeiten mit nach Hause nehmen?
AC: Ziel ist, die Einkäufer zu leiten, neue Silhouetten zu zeigen und Sachen zu mischen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen.
MP: Wie die Taschen von A Cuckoo Moment, einer Luxus-Leder-Marke aus Düsseldorf, die von Ihnen bei den Street Sapeurs integriert wurde.
AC: Durchaus. Es geht darum, weiter zu denken, offen für alles zu sein.
A Cuckoo Moment Tasche über Musterhose als Look der Street Sapeurs
A Cuckoo Moment Tasche über Musterhose als Look der Street Sapeurs
MP: Sie zeigen kaum typisch europäische Stylings. Sind Trends heute global?
AC: Ja. Trends und Märkte sind heute global. Wie die einzelnen Länder das adaptieren und umsetzen, ist jedoch ihnen überlassen. Aber auch das vermischt sich immer mehr.
MP: Inwieweit reagieren Trends auf die heute politisch und wirtschaftlich angespannte Lage?
AC: Diese Frage ist nicht einfach zu antworten. Das aktuelle Revival der 70er ist definitiv auch ein Rückbesinnen an die Freiheit, die damals während einer ähnlichen Krisenzeit herrschte. Es geht aber heute viel um das Glücklichsein, weniger um die Bohème der 70er. Es geht um die Freiheit, sich zu kleiden, wie man will.
BF: Viele halten die Mode für etwas Vergängliches, aber in unseren drei Charakteren stecken starke Botschaften: Die Street Sapeurs kommen aus den Suburbs, aber wollen sich so elegant wie möglich anziehen. Obwohl sie nichts haben, schauen sie klasse aus und tragen ihre Kleidung mit Stil. Die BCBS wollen alles neu erfinden, nicht zurücksehen und neue Formen erfinden. Sie orientieren sich an neuen Sphären. Angesichts unserer aktuellen Weltsituation, suchen sie ein besseres Leben anderswo, vielleicht sogar im Weltall. Die Pacifikans, vor allem die Kinder des Tsunamis, haben ein fast schon verdrossenes Bild von der Welt und der Natur. Sie kämpfen gegen die Elemente.
Werden wir konkret. Auch wenn wir uns keiner der Gruppen zugehörig fühlen, was soll man kaufen für den Sommer 2016? Nennen Sie uns bitte drei Must-Haves.
BF: Erstens: Der Kimono. Ich bin mir sicher, dass wir ihn massiv in den Läden finden werden. Man darf ihn auf keinen Fall mit asiatischen Kleidungs-Codes kombinieren, sondern sportiv. Mit Sneakers oder Netzhemden.
AC: Zweitens: Bermudas, die übers Knie gehen. Entweder im Stil der Surfer oder sehr bunt wie bei den Street Sapeurs. Das geht für Frauen wie Männer.
AC: Drittens: Das weiße Hemd. Das bleibt und zwar in verschiedenen Längen und Formen. Als normale Bluse, als Herrenbluse, in der gecroppten Version oder sehr lang –  fast als Kleid.
 
MP: Und beim Styling?
AC: Der Lagenlook bleibt als das freie Spiel der Schichten. Es ist eine Konfrontation von verschiedenen Längen, aber auch Mustern.
Vielen Dank für das Gespräch.
Photo Credit: Barbara Markert für Modepilot

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