Madame Carven mit 105 Jahren verstorben

Ein Rock "ohne Geschichte" und ein Kostüm "ohne Sorgen". Die Namen, die Marie-Louise Carven ihren Kleidern gab, erklären ganz gut die Mode, für die sie stand. Die Französin aus Châtellerault, einem winzigen Ort in der Mitte Frankreichs, war nach eigenen Worten nur so groß wie ein "trognon de chou", ein Kohlstumpf. Aber ihre kleine Körpergröße von 1,55 m brachte sie genau dahin, wo ihre Karriere begann: in die Mode. Weil die Französin für ihre kleine Größe keine Kleider fand, kreiierte sie sich selbst welche. So entstand Carven, eine Wortschöpfung aus ihrem eigentlichen Namen Carmen de Tommaso und dem ihrer bewunderten Tante Josy Boyriven.
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Das Haus Carven begann, wie es damals in den 20er Jahren üblich, war mit Haute Couture. Als im Sommer 1945 endlich der Krieg aus war und die Stoffe knapp, startet Madame Carven durch mit Mode, die so einfach und jung war, wie sie kein anderes Modehaus schneiderte. Heute würde man wohl sagen, dass Marie-Louise Carven eine Marktlücke entdeckt hatte. Sie selbst, Autodidaktin mit einem Uniabschluss in Kunst,  drückte es so aus: "Ich störte niemanden (der anderen Designer, A,d.R.), denn ich machte Mode für die jungen Mädchen." Mit dem Erfolg, kam die Hochschätzung: "La plus petite des grands couturiers", also die Kleinste unter den großen Couturiers nannte man sie in der Nachkriegszeit, in der sie mit ihren einfachen Baumwollkleidern mit grünen Streifen oder rosa Vichy-Karos die Mode mit frischem Stil revolutionierte.  Ihre Kleider hatten keine auslandenden Ärmel und keine dekorativen Elemente: Carven-Mode war einfach, fast puristisch, mit betonter Taille, einem schönen Dekolletee und kleinen Ärmelchen. Auffallend waren nur die Stoffe. Die reiselustige und immer gut gelaunte Französin liebte bunte Stoffe, die sie manchmal von ihren Reisen nach Brasilien, Ägypten, Tahiti oder Australien mit nach Paris brachte.
1945 eröffnete sie ihren ersten eigenen Laden am Rond-Point des Champs-Elysées. Bereits 1950 fing sie – lange vor Yves Saint-Laurent – mit Prêt-à-Porter-Mode an.  Die Französin hatte gut erkannt: "Nach dem Krieg war niemand wirklich groß. Da passten meine niedlichen und einfachen Baumwollkleider in die Zeit. Das war meine Chance." Bald hatte sie Kundinnen, wie Edith Piaf oder Leslie Caron (beide selbst klein von Wuchs), danach kamen die (hochgewachsenen) Hostessen von Air France und die anderer Fluggesellschaften. Es folgte eine Herrenkollektion, eine Kinderkollektion, Parfums ... Unermütlich arbeitete Marie-Louise Carven bis 1993 am Ausbau ihrer Marke. Da war sie schon 84 Jahre alt. MIt ihrem Weggang verfiel das Haus in Vergessenheit.
Guillaume Henry
Guillaume Henry
Doch 2008 übernahm Henri Sebaoun, der seit Jahren in Lizenz die Herrenkollektion fabrizierte, das Unternehmen. Der neue Eigentümer bewies ein glückliches Händchen dabei, den jungen Guillaume Henry zu engagieren, der ab 2009 dem Haus zu neuem Glanz verhalf.  Als der Designer dieses Jahr zu Nina Ricci wechselte, wurde das Design auf drei Personen aufgeteilt: Alexis Martial und Adrien Caillaudaud kümmern sich mit Bravour um die Damenkollektion und lieferten eine gute Erstkollektion für den kommenden Winter ab.  Barnabé Hardy ist für die Herren zuständig.
Alexis Martial und Adrien Caillaudaud
Alexis Martial und Adrien Caillaudaud
Marie-Louise Carven dagegen widmete sich in der wohl verdienten Rente ihrer alten Liebe zu antiken Möbeln. Immerhin war sie mit Philippe Mallet, den Bruder des berühmten Architekten Robert Mallet-Stevens, verheiratet, später dann mit dem Schweizer Sammler René Grog. Auch sie selbst wollte einst Architektin werden. Ihre gute Laune behielt sie bis zum Schluss. Sie verstarb im Alter von 105 Jahren am gestrigen Montag und hinterlässt ein erneut strahlendes Haus.
Und so schaut Carven heute aus:
 
Photo Credit: Screenshot Website, Catwalkpictures

Kommentare

  • Pepe sagt:

    Ein toller - ganz, ganz toller Beitrag, Barbara! MERCI.