Leonard oder der Versuch eines Strukturwandels

Es ist immer traurig, wenn zu einer Modeschau die eingeladenen Gäste nicht kommen. Bei der ansonsten stets überlaufenen Pariser Modewoche gab es so manche Show, wo die Front Row leer blieb. So auch bei Leonard. Der Grund ist hausgemacht: Zu lange hat das Pariser Traditionshaus seine Zuschauer mit den ewig gleichen Kleidern aus den berühmten Orchideen-Prints gelangweilt. Erschwerend dazu kamen Fehlbesetzungen in der Designerriege.

Seit drei Saisons weht nun ein sehr frischer und neuer Wind durchs Haus in Person der Chinesin Yiqing Yin. Wir berichteten ausführlich und wünschten uns ein Revival im Stil von Carven.

 

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Yin’s Start war sehr gut, die Sommersaison darauf weniger. Nun geht Yiqing Yin in die dritte Saison. Es ist die Entscheidende für sie und für das Haus. Langsam sollte sich der Richtungswechsel zu einem moderenen Stil bewähren. Im Maison Leonard  – so scheint es – hat das Umdenken bereits statt gefunden. In der Journalie, die in der Front Row fehlte, und dem Handel jedoch sind die Vorurteile noch intakt. Leonard wird kaum jenseits der eigenen Läden verkauft. Die Online-Shops sind auch noch nicht drauf gekommen.

Mit dem radikalen Bruch im Stil geht natürlich auch ein Wechsel in der Kundschaft einher. Die 70-Jährige Pariserin aus dem aristokratischen 16. Arrondissement, die sich in Leonard seit 30 oder 40 Jahren kleidet, wird sich enttäuscht abwenden. Frage ist nun: Kann Leonard statt dessen die 30-Jährige aus dem trendigen Montorgueil oder Marais für sich gewinnen?

Eigentlich ja. Denn Yiqing Yin treibt den Strukturwandel bei Leonard immer weiter voran. Weg mit den Farben, her mit Monochrom. Die berühmte Orchidee ist kaum wieder zu erkennen. Diese Inhouse-Revolution geht einher mit einer Emanzipierung von der Gründerfamilie rund um Daniel Tribouillard. Der alte Herr winkt längst nicht mehr am Ende einer Schau in die Zuschauerreihen. Yiqing Yin tritt alleine auf den Laufsteg.

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Das war noch vor wenigen Saisons anders: Der engagierte Leonard-Chef und seine Tochter Nathalie, die Generaldirektorin im Hause ist, waren und sind sehr bedacht, das reiche Erbe – vor allem aus den 60er und 70er Jahren – zu wahren. Eine Insiderin sagte mir, dass vor jeder Saison Daniel Tribouillard aus dem riesigen Archiv mit über 5000 Prints seine Favoriten herauszieht. Der Designer muss, ob er nun will oder nicht, damit arbeiten. Yiqing Yin scheint in dieser ebenso protektiven, wie auch diktatorischen Strategie ihre Lösung darin gefunden zu haben, die Prints vollkommen aufzulösen oder sie so groß zu ziehen, dass sie verfremdet und damit modern wirken. So entstand in dieser Saison der Elephant Skin Effect. Yiqing Yin ließ die Prints nicht mit Farbe drucken, sondern sie verwandt Hitze und verwandelte den Druck in eine Oberflächenstruktur in einer einzigen Farbe: Weiß!

 

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Oder sie löste den Print, gedruckt in Grau, in seine Einzelteile, bzw. Fäden auf.

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Andere Prints faltete sie hin und her, so dass einmal die Rückseite und dann die Vorderseite sichtbar ist.

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Sie übertrug eine einzige Orchidee auf Strick und macht daraus einen Motivpulli. Ein Must-Have im kommenden Winter.

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Für mich ist das Ergebnis dieser chinesischen Revolution im Hause Leonard eine der schönsten Kollektionen, die ich dieses Saison in Paris gesehen habe. Aus der Front Row wohl gemerkt. Irgendjemand musste sich da ja hinsetzen.

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Für innovative Händler, die Key-Kollektionen der Saison verkaufen wollen, ist das in meinem Augen ein klares Buy. Bitte mit den Schuhen, den die wirken nicht nur bequem, sondern machen auch noch ein schönes Bein.

 

Hier weitere Kollektionsbilder:

Fotos: Catwalkpictures

2 Kommentare zu
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